Dex nickte. Die Funksatelliten im Orbit werden unsere Position ermitteln. Wenn uns irgendwas zustößt, dachte er, wissen sie zumindest, wo sie die Leichen finden.
Craig pfiff tonlos vor sich hin, während er zur Luftschleuse zurückstapfte, um eine Geo/Met-Bake zu holen und sie draußen neben dem Rover aufzustellen. Dex ging wieder hinein und schälte sich aus seinem Anzug. Er wusste, dass er ihn anbehalten sollte, damit er sofort hinausgehen konnte, falls Craig in Schwierigkeiten geriet. Aber er war zu müde, zu ausgelaugt und schlichtweg zu ängstlich, um auch nur darüber nachzudenken.
Seine Augen brannten kurz, als er den Staub penibel von seinem Anzug saugte. Ozon, von den Peroxiden im Erdreich. Wir könnten uns mit Sauerstoff versorgen, indem wir einfach ein bisschen was von dem roten Zeug reinholen, sagte er sich.
Sobald er den Anzug abgelegt hatte, ging er ins Cockpit und starrte in die Dunkelheit hinaus. Er hatte ein flaues Gefühl im Magen. Ich habe Angst, dachte er. Wie ein kleines Kind, das sich im Dunkeln fürchtet. Angst! Wiley ist so ruhig wie nur was, und ich geh seelisch aus dem Leim. Mist!
Da er nichts Besseres zu tun hatte, schaute er im Posteingang nach neuen Nachrichten. Der übliche Müll von der Basis, jede Menge Satellitendaten über den heraufziehenden Sturm. Und eine Botschaft für ihn, die als ›persönlich‹ gekennzeichnet war.
Nur ein Mensch im Sonnensystem würde mir eine persönliche Botschaft schicken, dachte Dex. Mit einer Mischung aus Wut und Erleichterung drückte er auf die entsprechenden Tasten und sah, wie das finstere Gesicht seines Vaters auf dem Bildschirm an der Kontrolltafel des Rovers erschien.
Genau das, was ich brauche, dachte er. Mein lieber alter Dad mit seiner befreienden Komik.
»Okay«, sagte Jamie zu den fünfen, »wir haben uns so gut auf den Sturm vorbereitet, wie wir können.«
»Possum und Dex auch«, sagte Stacy Deschurowa.
»Er möchte Wiley genannt werden«, mahnte Jamie.
Deschurowa seufzte dramatisch. »Das männliche Ego. Vielleicht sollte ich mir auch einen anderen Namen zulegen.«
Sie saßen um den Tisch in der Messe und stocherten in ihren Schalen herum. Obwohl sie hart gearbeitet hatten, um alle Vorbereitungen für den Sturm zu treffen, schien niemand großen Appetit zu haben.
Vijay fragte leichthin: »Welchen Namen würdest du dir denn aussuchen, Stacy?«
»Nicht Anastasia«, antwortete Deschurowa rasch. »Und Nastasia auch nicht. Er ist zu … kompliziert.«
»Ich finde, Anastasia ist ein hübscher Name«, sagte Rodriguez. »Mir gefällt er.«
»Dann kannst du ihn haben«, sagte Deschurowa.
Sie lachten alle. Nervös.
Jamie überlegte, ob er ihnen von Trumballs Versuch erzählen sollte, ihm die Missionsleitung entziehen zu lassen. Es betrifft sie ebenso sehr wie mich. Sogar noch mehr.
Trotzdem schwieg er, weil er sie nicht mit den politischen Manövern belasten wollte, die auf der Erde abliefen. Das ist eine andere Welt, sagte sich Jamie. Wir haben hier unsere eigenen Probleme, denen wir uns stellen müssen, unsere eigenen Realitäten.
Es erschien ihm alles so unwirklich, so fern und ungreifbar. Wie die Gespenstergeschichten aus seiner Kindheit, die sein Großvater sich für ihn ausgedacht hatte. Wie die Legenden vom Ersten Mann und der Ersten Frau, als die Welt noch neu gewesen war.
Das hier ist die neue Welt, erkannte er. Der Mars. Neu, sauber und voller Geheimnisse. Ich kann nicht zulassen, dass Dex und sein Vater sie in ein Touristenzentrum verwandeln. Ich kann nicht zulassen, dass sie darangehen, diese Welt zu ruinieren, wie sie die Welt des Volkes zerstört haben. Deshalb muss ich gegen sie kämpfen.
Eine neue Einsicht durchflutete ihn. Es war, als hätte er sich in einer unwegsamen Wildnis verirrt und als täte sich vor seinen Augen nun plötzlich ein Weg auf, der Weg zu Harmonie, Schönheit und Sicherheit.
Ich kann nicht zulassen, dass sie Touristen hierherbringen. Ich kann nicht zulassen, dass sie in dieser natürlichen Umwelt alles aufreißen, um Städte und Kolonien zu bauen. Bergsteiger zum Olympus Mons zu bringen. Skipisten anzulegen. Ich muss sie bekämpfen. Aber wie?
»Hört mal!«
Jamie wandte seine Aufmerksamkeit abrupt wieder der Messe, der Kuppel und seinen fünf Forscherkollegen zu. Das Heulen des Windes hatte eine höhere Tonlage angenommen. Er beobachtete ihre fünf Gesichter, als sie ins Halbdunkel der Kuppel hinaufstarrten. Etwas knarrte Unheil verkündend.
»Die Kuppel ist vollkommen sicher«, sagte Fuchida zu niemand Bestimmtem. »Sie ist so konstruiert, dass sie dem stärksten Wind widersteht, der je auf dem Mars gemessen wurde, mit einem großen zusätzlichen Sicherheitsfaktor.«
»Was war das dann für ein Geräusch?«, fragte Trudy. Ihre Stimme klang klein und hohl.
»Die Kuppel wird sich ein bisschen bewegen«, erklärte ihnen Jamie. »Kein Grund zur Sorge.«
»Wirklich nicht?« Trudy wirkte alles andere als überzeugt.
Jamie zeigte ihr ein Lächeln. »Wirklich nicht. Wenn sie sich nicht bewegen würde, wenn sie total starr bliebe, könnte sie bei ausreichend starker Windbelastung sogar zerreißen.«
»Wie die mächtige Eiche und der kleine Schössling«, sagte Vijay.
»Oh ja, das kenne ich auch.« Trudy wirkte ein wenig erleichtert. »Die starke Eiche stemmt sich mit aller Macht gegen den Hurrikan und wird umgeworfen, während der Schössling sich im Wind beugt und überlebt.«
»Genau.«
Deschurowa stemmte sich vom Tisch hoch. »Ich schau mir mal die Kamerabilder von draußen an. Mal sehen, ob der Staub uns schon die Sicht nimmt.«
»Gute Idee«, sagte Jamie. Er stand ebenfalls auf. »Ich rufe Wiley und Dex an und erkundige mich, wie es ihnen geht.«
Vijay wandte sich an Fuchida. »Was macht der Knöchel?«
»Nicht so schlimm«, erwiderte der Biologe. »Es tut nicht mehr besonders weh, wenn ich ihn beim Gehen belaste.«
»Dann sollten wir uns noch mal den Garten ansehen, bevor wir zu Bett gehen.«
Jamie hatte den Eindruck, dass Stacy ein Grinsen unterdrückte, als Vijay das Bett erwähnte.
Rodriguez erhob sich vom Tisch. »Komm, Trudy. Lass uns eine Partie Space Battle spielen.«
»Nicht mit dir, Tommy. Du bist mir zu gut. Außerdem kann ich mich nicht aufs Spiel konzentrieren, wenn dieser Sturm über uns ist.«
Rodriguez ging um den Tisch herum zu ihrem Stuhl. »Komm schon, ich geb dir zehntausend Punkte Vorsprung. Macht Spaß. Das lenkt dich vom Sturm ab.«
Sie stand auf. Widerstrebend, fand Jamie.
Er war froh, dass sie ihren Strom vom Atomgenerator bezogen, dem der Sturm nichts anhaben konnte. Er folgte Stacy ins Kommunikationszentrum und zwang sich, nicht zu Vijay zurückzuschauen.
Dex starrte auf den leeren Bildschirm an der Kontrolltafel des Rovers. Er sah dort immer noch das Gesicht seines Vaters, wie das Nachbild eines Blitzlichts auf der Netzhaut oder den bleibenden Schattenriss eines mächtigen Geistes.
Er will Jamie abschießen, dachte Dex verwundert. Er will Jamie abschießen, aber er hat kein Wort davon gesagt, wer Jamies Platz einnehmen soll.
Dex sank in den gepolsterten Sitz zurück. Seine Gedanken überschlugen sich. Wäre ich dazu imstande? Die Antwort kam sofort. Natürlich. Ich könnte diese Operation problemlos leiten. Aber würden die anderen auf mich hören? Vor allem, wenn sie dächten, ich hätte meine Beziehungen zu meinem Vater spielen lassen, um Jamie abzuservieren?
Heikle Sache, erkannte er. Doch bei der Vorstellung, zum Missionsleiter ernannt zu werden, durchflutete Dex ein warmes Gefühl des Stolzes. Sie würden auf mich hören. Ihnen bliebe gar nichts anderes übrig. Immerhin würde ich nicht nur von meinem Vater ausgewählt werden; der gesamt IUK-Vorstand würde darüber abstimmen müssen. Wahrscheinlich würden sie auf eine einstimmige Entscheidung Wert legen.