»Ganz schön was los da draußen, hm?«
»Kann man wohl sagen.«
»Lass dich davon nich bange machen, Junge. Wir sind hier drin so sicher wie in Abrahams Schoß.«
Dex wusste, dass Craig ihm Mut machen, ihn beruhigen wollte. Er wusste, dass er Wiley dankbar sein sollte. Stattdessen ärgerte es ihn, dass der ihn ›Junge‹ genannt hatte. Und er schämte sich, mit seiner Angst ertappt worden zu sein.
Der Wind ließ etwas nach. Das Kreischen wurde leiser. Vielleicht ist es vorbei, dachte Dex. Vielleicht legt er sich allmählich.
Er ließ den Kopf auf sein schweißgetränktes Kissen sinken und schloss wieder die Augen. Doch im selben Moment schlug eine Windbö mit wildem Kreischen zu. Dex spürte, wie der Rover schwankte. Er setzte sich ruckartig wieder auf und schlug mit beiden Fäusten auf die Matratze. Beinahe wäre er in Tränen ausgebrochen. Lass mich in Ruhe! Lass mich in Ruhe! Geh weg und lass mich in Ruhe, bitte, bitte, bitte.
Der Wind heulte jedoch weiter. Wenn überhaupt, wurde er nur noch lauter.
Müde schlurfte er ins Cockpit des Rovers und ließ sich auf den rechten Sitz sinken. Mal sehen, was in der Kuppel los ist. Ein paar Takte reden. Ganz gleich, mit wem. Das lenkt dich von diesem beschissenen Sturm ab. Stacys unbewegtes, fleischiges Gesicht füllte den winzigen Bildschirm an der Kontrolltafel. Das Bild war streifig und körnig, aber sie schaute überrascht drein.
»Dex?«
»Ja«, sagte er leise, weil er Craig nicht wieder aufwecken wollte. »Ist zu laut zum Schlafen hier draußen. Wie sieht's bei euch aus?«
Deschurowa unterhielt sich ein paar Sekunden mit Dex, dann merkte sie, dass er nur plaudern wollte, weil er bei dem Sturm nicht schlafen konnte. Der Empfang war schlecht; sein Bild brach immer wieder zusammen. Wahrscheinlich werden seine Antennen langsam vom Staub zugeweht, dachte sie. Sie redete weiter mit ihm, wandte ihre eigentliche Aufmerksamkeit jedoch den Überwachungsmonitoren zu und fuhr fort, die Umweltbedingungen in der Gartenkuppel zu überprüfen.
Temperatur unter normal, sah sie. Das sollte nicht sein. Der Luftdruck fiel ebenfalls.
Sie schnappte nach Luft. Ohne auch nur an Dex zu denken, der immer noch auf dem Hauptbildschirm vor sich hin plapperte, griff sich Stacy das Lautsprechermikro und brüllte:
»Notfall! Die Gartenkuppel reißt!«
Dex starrte mit offenem Mund auf den winzigen Kommunikationsbildschirm.
»Jamie und ihr anderen — die Gartenkuppel reißt!«, wiederholte Deschurowa. Ihre Stimme donnerte wie die Posaunen des Jüngsten Gerichts. »Alle Mann hierher, und zwar sofort!«
Dann wurde der Bildschirm dunkel.
Dex saß im Cockpit des Rovers, und eiskalter Schweiß lief ihm über die Rippen. Er starrte auf den toten Bildschirm.
Allmächtiger, dachte er, und rang in wachsendem Entsetzen nach Atem, während er dort im Dunkeln saß. Wenn die Gartenkuppel draufgeht, könnte die Hauptkuppel ebenfalls draufgehen. Dann sind wir alle tot.
Mitsuo Fuchida lag auf seiner Liege, starrte in die Dunkelheit hinauf und horchte auf den Wind und das Knarren und Ächzen der Kuppel.
Es ist, als wäre man in einem Schiff auf See, sagte er sich, nur dass es nicht schaukelt.
Bevor er zu Bett gegangen war, hatte er erwogen, eine Beruhigungspille zu nehmen, war dann jedoch zu dem Schluss gekommen, dass er keine brauchte. Er hatte dem Tod schon im Lavaschlot auf dem Olympus Mons ins Auge gesehen. Dieser Sturm hielt keine weiteren Schrecken für ihn bereit. Der Tod wird kommen oder nicht, dachte er. Was man nicht kontrollieren kann, muss man akzeptieren.
Trotzdem lag er wach, lauschte dem Sturm, dachte an Elizabeth und hoffte, dass Rodriguez sein Versprechen halten und nicht verraten würde, dass er verheiratet war. Wo mochte sie heute Nacht sein? Was machte sie gerade, in diesem Moment?
Er verlor sich in einen schönen Wachtraum von ihr.
Bis er Stacys Ruf hörte: »Notfall! Die Gartenkuppel reißt! Alle Mann hierher, und zwar sofort!«
Er sprang automatisch aus dem Bett, und sein verletzter Knöchel schickte ihm einen schmerzhaften Stich durchs Bein. Mit der Bandage am Fuß humpelte er unbeholfen zum Kommunikationszentrum. Jamie, Vijay, Rodriguez und Trudy Hall eilten ebenfalls dorthin. Jeder von ihnen schlüpfte unterwegs hastig in einen zerknitterten Overall.
»Die Gartenkuppel hat Löcher«, sagte Stacy und zeigte mit einem dicken Finger auf den Überwachungsmonitor.
»Kamerabild«, befahl Jamie und glitt auf den fahrbaren Stuhl neben ihr.
Er spähte auf den Monitor. »Ich sehe gar nichts — Moment, das Kuppelmaterial wellt sich.«
»Druck und Temperatur fallen rapide«, sagte Deschurowa mit einem ungewohnten Anflug von Furcht in der Stimme.
»Die Pflanzen werden sicher eingehen!«, rief Trudy mit schriller, ängstlicher Stimme. »Die Nachttemperaturen …«
»Ich weiß, ich weiß«, blaffte Jamie. Er wandte sich an Rodriguez. »Wir haben doch noch überschüssige Epoxy-Dosen, oder? Wo sind die?«
Rodriguez beugte sich über eine der freien Konsolen und hämmerte auf der Tastatur herum, dann ließ er eine Liste so schnell über den Bildschirm laufen, dass die Schrift verschwamm.
Er fand, wonach er suchte, und fror das Bild ein. »Reparatur-Epoxy«, sagte er und zeigte auf den Monitor. »Steht in Schrank siebzehn, Bord A.«
»Hol es!«, befahl Jamie. »So viel du tragen kannst.«
Rodriguez rempelte Fuchida an, als er aus dem Kommunikationszentrum rannte, und brachte den humpelnden Biologen ins Taumeln. Vijay eilte ebenfalls hinaus. »Ich helfe Tommy«, rief sie über die Schulter hinweg.
Jamie sprang von seinem Stuhl auf. »Stacy, steig in deinen Anzug. Trudy, du hilfst ihr. Mitsuo, du nimmst hier an der Kommunikationskonsole Platz.«
»Wo willst du hin?«, erkundigte sich Stacy.
Als er in den matt erleuchteten zentralen Bereich der Kuppel hinauslief, sagte Jamie: »Wir müssen ein paar provisorische Flicken auf die Löcher in der Kuppel kleben, wenn sie nicht schon zu groß sind.«
»Du kannst da nicht rein!«, schrillte Trudy.
»Jemand muss die Lecks verschließen, bevor es noch schlimmer wird.«
»Warte auf Tomas«, sagte Deschurowa. »Das Epoxy …«
»Keine Zeit!«, rief Jamie und eilte davon. Er steuerte auf die Luftschleuse zu, während sie hinter ihm herbrüllten.
»Helft Stacy in den Anzug!«, brüllte er zurück. »Mitsuo! Schalte alle Lichter im Innern an!«
In der Kuppel wurde es abrupt taghell, als Jamie die Luftschleuse erreichte, die sie mit dem Garten verband. Nicht hier drin, Mitsuo, verbesserte Jamie stumm. Im Garten, Herrgott noch mal!
Der Druck auf der anderen Seite der Schleuse war nicht so stark gesunken, dass sich das Schloss automatisch verriegelte, stellte Jamie fest, als er die zweite Luke passierte. Noch nicht, sagte er sich.
Es war kalt im Garten. Jamie fröstelte unwillkürlich, als er ihn betrat. Das Kreischen des Windes war lauter, und das Kuppelgewebe flatterte vernehmlich, wie ein lose im Wind schlagendes Segel. Immerhin brannten die Deckenlampen mit voller Kraft. Mitsuo hatte ihn also doch richtig verstanden.
Die Notfallflicken wurden in einer verschlossenen Kiste gleich neben der Luftschleuse aufbewahrt. Jamie riss sie auf, griff sich zwei Hand voll der dünnen Plastikscheiben und dachte, dass es besser gewesen wäre, wenn sie die Lehren der ersten Expedition beherzigt und die Scheiben rundum an der Hülle der Kuppel bereitgelegt hätten.
Jetzt ließ er sie los und sah, wie sie in den Luftströmen taumelten und sich dann selbsttätig über zwei Löcher auf der anderen Seite der Kuppel legten. Es ist kalt hier drin, dachte Jamie. Schon kurz vor dem Gefrierpunkt.
Rodriguez kam mit einer großen Spraydose Epoxy in jeder Hand durch die Luke geschossen. Er sah aus wie ein Wildwest-Sheriff mit zwei dicken Kanonen, grimmig und entschlossen.
»Ich nehme sie«, übertönte Jamie den kreischenden Wind. »Hat keinen Sinn, dass wir beide unser Leben …«