Выбрать главу

Fuchida verstand ihre Andeutung nicht. »Der Kunststoff der Kuppel kann nicht von Sandpartikeln durchlöchert werden«, sagte er leise, aber mit fester Stimme. »Trotzdem waren Löcher in der Hülle.«

»Ich dachte, sie wäre unten an der Basis gerissen, wo sie sich mit dem Fußbodenbelag verbindet«, sagte Jamie.

»Nein«, erwiderte Fuchida und hob zur Betonung einen Finger. »Es gibt zwei kleine Löcher. Wenn sie nicht so rasch repariert worden wären, hätten sie sich zu einem Riss ausgeweitet, der die ganze Kuppel vom Fundament gerissen hätte.«

»Aber wir haben es noch rechtzeitig verhindert«, sagte Vijay. »Oder vielmehr, Jamie hat es verhindert.«

Fuchida bestätigte diese Tatsache mit einem kurzen, knappen Nicken. »Trotzdem müssen wir fragen, auf welche Weise die Kuppel durchlöchert wurde.«

»Vielleicht waren es kleine, vom Wind hochgewehte Steine?«, schlug Jamie vor.

»Das bezweifle ich«, sagte der Biologe.

»Was dann?«

»Ich weiß es nicht. Aber es macht mir Sorgen. Die Kuppel hätte nicht versagen dürfen. Dieses Kunststoffmaterial ist in Windtunnel-Simulationen unter viel härteren Bedingungen getestet worden. Es hätte nicht versagen sollen.«

»Aber es hat versagt«, flüsterte Vijay beinahe.

»Ja, in der Tat.« Fuchida sah wie ein Staatsanwalt aus, fand Jamie. Argwöhnisch, beinahe zornig.

»Nun«, sagte Jamie, »ich weiß nicht, wieso es versagt hat, aber wir sollten dafür sorgen, dass es nicht noch mal passiert.«

»He, Kumpel«, sagte Craig munter, »das war 'ne heiße Nacht, was?«

Jenseits des schmalen Tisches zwischen ihren Liegen nickte Dex verdrossen. Er war erschöpft, seine schlaflosen Augen waren verklebt, der Overall war zerknittert und stank nach Angst.

Draußen kreischte noch immer der Wind. Staubpartikel mit Eisenkernen kratzten weiterhin an der dünnen Haut des Rovers, wie ein unendliches Heer von Soldatenameisen, die unermüdlich daran arbeiteten, ihre Verteidigungsanlagen zu durchbrechen, hereinzukommen und sie aufzufressen.

»Der Funkkontakt ist natürlich unterbrochen«, fügte Craig hinzu.

»Natürlich«, sagte Dex trübsinnig.

»Sobald der Wind auf weniger als hundert Knoten sinkt, gehn wir raus und stauben die Antennen ab. Dann melden wir uns bei der Basis und sagen Bescheid, dass bei uns alles in Ordnung is.«

»Wenn bei denen alles in Ordnung ist«, erwiderte Dex düster.

»Ach, denen is nix passiert«, sagte Craig. »Die große Kuppel is so stabil wie der Fels von Gibraltar. Die hat in den sechs Jahren, die sie jetzt da draußen steht, schon mehr als bloß einen Staubsturm überstanden, weißt du.«

»Mag sein«, gab Dex zu.

Sein Verstand listete ungebeten alles auf, was nicht in Ordnung sein konnte. Wenn die Abdeckungen während der Nacht abgerissen worden waren, konnten die Solarzellen so schlimm zerkratzt und zernarbt sein, dass sie nicht mehr zu gebrauchen waren. Die Brennstoffzellen waren bereits auf null; sie bezogen ihren Strom jetzt ausschließlich von den Batterien. Der körnige Staub konnte in die Radlager eingedrungen sein und sie vollständig unbeweglich gemacht haben. Dann hätten wir die Wahl, entweder zu verhungern oder zu ersticken, dachte Dex.

Der Staub konnte die Antennen jedoch auch so übel zugerichtet haben, dass die Kommunikationssysteme völlig hinüber waren. Dann könnten wir nicht navigieren und bekämen überhaupt keine Positionsdaten von den Satelliten mehr; wir wären hier draußen endgültig verloren.

Vielleicht war auch die ganze verdammte Basiskuppel in der Nacht weggerissen worden, ergänzte er.

»Hey!«, rief Craig. »Hörste mir zu?«

»Tut mir Leid.« Dex versuchte, sich ein wenig aufrechter hinzusetzen.

»Ich hab gesagt, wir sollten lieber nur 'n kaltes Frühstück zu uns nehmen. Hat keinen Sinn, die Batterien zu leeren, indem wir die Mikrowelle anschmeißen.«

»Ich mache Frühstück«, sagte Dex und erhob sich von seiner Liege. »Du kannst den Systemcheck übernehmen.«

»Schon erledigt. Nach dem Frühstück fahren wir alles runter. Wir schalten den Gefrierschrank ab; die Kühlung hält auch so noch 'ne Weile vor, und das Essen bleibt da drin kalt. Lüftung auf niedrig. Licht auf Minimum. So lange, bis wir die Solarpaneele aufgedeckt haben und sie wieder arbeiten.«

»Falls sie wieder arbeiten«, murmelte Dex, während er nach hinten zu dem kompakten Regalsystem ging, das als Kombüse des Rovers diente.

»Hast heute Nacht nich viel Schlaf gekriegt, hm?«

»Wie kommst du darauf?« Dex zog die ersten beiden Müslipackungen heraus, die er erreichen konnte.

»Hör zu, mein Junge, das Schlimmste ist vorbei. Wir haben den Sturm überstanden. Er klingt jetzt ab. In ein paar Stunden …«

Dex fuhr zu ihm herum. »Jetzt hörst du mir mal zu, Kumpel! Du willst nicht Possum genannt werden? Okay, ich mag's nicht, wenn man mich ›mein Junge‹ nennt. Kapiert?«

»Dann hör auf, dich wie 'n Kleinkind aufzuführen«, gab Craig mit finsterer Miene zurück.

Dex setzte zu einer Antwort an, stellte jedoch fest, dass ihm keine einfiel.

»Du hast Angst, okay. Die hab ich auch. Zum Teufel, wir sind hier mitten im finstersten Winkel von Mars City gestrandet. Nach allem, was ich weiß, sind wir dreieinhalb Meter hoch mit Sand zugedeckt, und in der Basis sind alle tot. Okay! Damit müssen wir fertig werden. Man tut, was man tun kann. Man hockt nicht rum und grummelt vor sich hin und bläst Trübsal wie 'n Teenager mit 'nem Akne-Problem.«

Dex musste unwillkürlich lachen. »Hab ich das gemacht?«

Craig saß immer noch auf seiner Liege. Sein ledriges Gesicht verzog sich zu einem kleinen Lächeln. Er nickte. »Irgendwie schon«, sagte er.

»Ich hab Angst, Wiley«, gab er zu. »Ich will nicht hier draußen sterben.«

»Scheiße, Kumpel, ich will überhaupt nich sterben.«

Dex stellte die beiden Müslipackungen auf den Tisch. »Vielleicht sollten wir rausgehen und nachsehen, wie schlimm es ist.«

»Da draußen pustet's noch ziemlich heftig. Warten wir lieber noch 'n paar Stunden.«

»Ich dreh durch, wenn ich hier rumsitze und nichts anderes zu tun habe, als dem Wind zuzuhören.«

Craig nickte. »Hm. Ja, ich auch.«

»Und?«

»Lass uns in aller Gemütsruhe frühstücken, und dann steigen wir gemächlich in unsere Anzüge.«

»Gut«, sagte Dex. Er merkte, wie die Angst langsam nachließ. Sie verschwand nicht ganz, aber er fühlte sich schon besser als in der Nacht.

NACHMITTAG: SOL 59

»Hätte schlimmer sein können«, verkündete Craig. Aber in Dex' Helmlautsprechern klang seine Stimme ernst und unzufrieden.

Der Himmel war weiterhin grau und düster. Der Wind heulte noch immer, wenn auch nicht mehr annähernd so laut wie zuvor. Dex war überrascht, dass er in dem Raumanzug überhaupt keinen Winddruck spürte. Er hatte damit gerechnet, sich mit aller Macht gegen den Wind stemmen und sich vorwärts kämpfen zu müssen. Stattdessen hätte die dünne Marsluft genauso gut völlig windstill sein können.

Auf einer Seite war der Rover halb von rostrotem Sand begraben. Von der Cockpit-Nase bis zum hinteren Ende des dritten Segments des gegliederten Fahrzeugs hatte der Sand sich auf der Windseite bis zum Dach aufgetürmt.

»Gut, dass die Luke auf der Leeseite war«, sagte Dex. »Sonst hätten wir vielleicht Schwierigkeiten gehabt, sie aufzukriegen, wenn sie in diesem Zeug begraben gewesen wäre.«

»Nee, glaub ich nich«, antwortete Craig und trat gegen den Haufen. Staub flog auf wie Asche oder wie trockene Herbstblätter, wenn ein Kind hindurchwatet.

»Vielleicht hast du Recht.«

»Außerdem«, setzte Craig hinzu, »hab ich ihn so gedreht, dass die Luke auf der geschützten Seite sein würde, als wir für die Nacht angehalten haben.«