Dex kniff in seinem Helm die Augen zusammen und versuchte sich zu entsinnen, ob er gefahren war oder Craig. Wiley ist nicht darüber erhaben, sich sein Glück als Leistung anrechnen zu lassen, dachte er.
»Komm, sehen wir uns mal an, was oben passiert ist.«
Als sie um den Rover herum zu der weitgehend staubfreien Seite zurückstapften, sah Dex, dass zumindest ein Teil der behelfsmäßigen Abdeckungen, die sie auf die Solarpaneele geklebt hatten, losgerissen worden war. Ein Laken flatterte im Wind.
Während Craig die Leiter neben der Luftschleuse hochkletterte, um die Solarpaneele zu inspizieren, erhaschte Dex einen Blick auf das Schönste, was er bisher auf dem Mars zu Gesicht bekommen hatte: Die stumpfgrauen, staubschweren Wolken lichteten sich für kurze Zeit so weit, dass er den hellen, orangefarbenen Himmel darüber sehen konnte. Sein Herz tat einen Sprung. Der Sturm hört auf! Er hört endlich auf.
»Schlimmer, als ich gehofft hatte«, knarzte Craigs Stimme in seinen Helmlautsprechern, »aber nich so schlimm, wie ich befürchtet hatte.«
Craig kam die Leiter herunter. »Wir haben da oben 'n paar Kratzer und Narben abgekriegt, wo die Persenning abgegangen is. Die anderen Paneele sehn aber gut aus.«
»Na prima«, sagte Dex, der auf einmal neue Begeisterung verspürte. »Hör zu, Wiley, ich geh wieder rein und setz das VR-Gerät auf. Bis jetzt hat noch niemand einen marsianischen Staubsturm aufgezeichnet. Das gibt ein paar tolle Bilder für daheim!«
Er hörte Craig in seinem Helm leise lachen. Dann sagte der ältere Mann: »Allmählich kommen deine Lebensgeister wieder in Schwung, hm?«
»Ich …« Dex hielt einen Moment lang verwirrt inne. Dann legte er Craig eine beschuhte Hand auf die Schulter des Raumanzugs. »Wiley, du hast mir wirklich geholfen. Ich hatte eine Scheißangst vorhin, und du hast mir geholfen, drüber wegzukommen.«
»Hast du selbst gemacht«, sagte Craig, »aber ich hefte's mir gern an die Brust.«
Dex bekam auf einmal ein flaues Gefühl im Magen.
Als würde er es spüren, sagte Craig: »Keine Sorge, mein Sohn. Was hier passiert is, bleibt unter uns. Geht ja sonst keinen was an.«
»Danke, Wiley.« Im Vergleich zu der gewaltigen Woge von Dankbarkeit und Hochachtung, die ihn überflutete, klangen die Worte in Dex' Ohren erbärmlich schwach.
»Schon gut«, sagte Craig barsch. »Aber lass uns erst mal die Antennen sauber machen, bevor du mit deinem VR-Kram loslegst, damit wir Jamie und der ganzen Bande erzählen können, dass es uns gut geht.«
Im Kommunikationszentrum stieß Rodriguez auf einmal einen Jubelruf aus.
»Ich hab Wiley dran!«
Jamie sprang vom Tisch in der Messe auf, während Vijay dablieb, um dem humpelnden Fuchida zu helfen. Im Kommunikationszentrum sah Jamie Craigs unrasiertes Gesicht auf dem Hauptbildschirm. »… Leistung der Solarpaneele ist um vier, fünf Prozent reduziert«, berichtete Craig gerade. »Hätte viel schlimmer kommen können.«
»Was ist mit den Brennstoffzellen?«, fragte Rodriguez.
»Dex zerlegt gerade unser zusätzliches Wasser; wenn er damit fertig is, füttern wir sie mit dem Wasserstoff und mit Sauerstoff. Dann können die Batterien mal 'ne Ruhepause einlegen.«
Jamie streckte den Kopf ins Bildfeld der Kamera und fragte: »Müsst ihr euch ausgraben?«
Craig schaute sehr zufrieden drein. »Nee. Die Räder und die Fahrmotoren sind okay. Wir haben einfach den Gang eingelegt und uns selbst rausgezogen. Sind schon wieder unterwegs.«
»Wow!«, rief Rodriguez aus.
»Das ist ja toll«, sagte Jamie, der echte Freude und Erleichterung empfand. »Das ist wirklich toll, Wiley.«
»In drei, vier Tagen müssten wir im Ares Vallis sein«, meinte Craig. Dann setzte er hinzu: »Wenn das Wetter so bleibt.«
Rodriguez lachte. »Momentan ist kein weiterer Sturm in Sicht.«
»Gut.«
Craig verabschiedete sich, und Rodriguez machte sich daran, die Telemetriedaten des Rovers zu überprüfen. Draußen heulte der Wind noch immer wie tote Geister, die in der Kälte um Einlass flehten.
Als der Tag sich neigte, war der Wind merklich leiser geworden, und hin und wieder stieß sogar das Sonnenlicht durch die über ihnen hängenden Wolken.
Jamie war körperlich und seelisch erschöpft, als er — zum hundertsten Mal an diesem Tag, wie es ihm schien — müde ins Kommunikationszentrum ging.
Während der Sturm allmählich nachließ, hatte er den größten Teil des Tages in der Gewächshauskuppel verbracht und immer wieder den Bereich überprüft, in dem die Schäden aufgetreten waren. Er hatte sogar seinen Raumanzug angelegt und war hinausgegangen, um die beschädigten Stellen von außen zu inspizieren, wo sie nicht unter Notfallflicken und Epoxy verschwanden. Es war schwer zu sagen, aber die Hülle schien punktiert und nicht zerrissen worden zu sein. Nachdem das Kunststoffmaterial allerdings Löcher bekommen hatte, begann es natürlich an der Naht entlang aufzureißen, wo es mit dem Fundament der Kuppel verbunden war.
Eigentlich bräuchten wir hier einen forensischen Statiker, sagte sich Jamie. Wenn es so jemanden überhaupt gibt. Vielleicht würde Wiley daraus schlau werden.
Er machte Dutzende Fotos von den beschädigten Stellen und schickte sie zur Analyse nach Tarawa. Ihm fiel nichts ein, was er sonst noch tun konnte, aber er wurde das Gefühl nicht los, dass ihm etwas entging. Etwas Wichtiges.
Was ist es, Großvater, fragte er stumm. Was habe ich übersehen?
Sobald er im Kommunikationszentrum war, sackte er auf den Stuhl und schickte eine weitere Botschaft nach Tarawa.
»Pete, die Gewächshauskuppel sieht jetzt gut aus, aber ich mache mir Sorgen, was beim nächsten Sturm passieren könnte. Vielleicht kommt der erst in einem Jahr, aber es ist ein Problem, über das wir sofort nachdenken sollten, nicht erst dann, wenn der Staub wieder zu fliegen beginnt. Offensichtlich haben wir dieses Problem übersehen, aber mit dem geschärften Blick, den man hinterher immer hat, denke ich, wir sollten ihm Beachtung schenken.
Kannst du die versammelten Fachleute der Welt dazu bringen, sich zu überlegen, wie wir die Gewächshauskuppel mit den uns zur Verfügung stehenden Materialien schützen können? Dazu gehören natürlich auch die marsianischen Rohstoffe, die wir hier vorfinden. Was ich gern wüsste, ist Folgendes: Können wir Glasbausteine aus dem Marssand herstellen? Ein transparentes Iglu bauen? Prüf das für mich, okay?«
Nach Sonnenuntergang legte der Wind sich fast ganz. Jamie war versucht, in den Raumanzug zu steigen und hinauszugehen, um nachzuschauen, ob die Sterne noch dort waren, wo sie hingehörten, aber er war zu müde dazu. Die Außenkameras zeigten, dass die Flugzeuge noch an ihrem Platz standen, aber in welchem Zustand ihre Solarpaneele sein mochten, würde erst eine genauere Untersuchung ergeben.
In der Kuppel war es still, und alles war wieder so wie immer, als Jamie schließlich zu seiner Unterkunft ging. Vijay war schon da; sie lag auf der Liege. Er zwinkerte überrascht.
»Tomas geht also mit Trudy ins Bett«, sagte sie nüchtern.
Jamie nickte. »Ich wüsste gern, ob zwischen Mitsuo und Stacy irgendwas läuft.«
Vijay kicherte leise. »Absolut unwahrscheinlich.«
»Wieso?«
»Stacy ist vom anderen Ufer.«
Jamie machte große Augen. »Wie bitte?«
»Stacy ist lesbisch.«
Das ist völlig in Ordnung, sagte er sich. Trotzdem war er schockiert.
»Der arme Mitsuo«, hörte er sich flüstern, als er neben ihr unter die Decke schlüpfte.
Vijay rückte beiseite, um ihm auf der schmalen Liege Platz zu machen. »Bei ihm blicke ich nicht durch. Er hat es bei keiner der Frauen versucht.«
»Vielleicht ist er auch vom anderen Ufer?«
»Das bezweifle ich. Ich glaube, er hat einfach mehr Selbstbeherrschung als ihr westlichen Affenmenschen.«
Jamie wollte über diesen Punkt diskutieren, aber stattdessen schloss er die Augen und schlief auf der Stelle ein.