GLASBAUSTEINE
Pete Connors starrte den dicken Papierstapel auf seinem Schreibtisch düster an. Es ist fast immer ein Fehler, die Experten zu fragen, wie man irgendwas macht, rief er sich ins Gedächtnis. Sie überschütten einen mit sämtlichen Details, auf die sie jemals gestoßen sind.
Trotzdem, dachte er, die Jungs von der NASA und die Uni-Profs haben das erbetene Material verdammt schnell geliefert. Wenn es nur nicht so viel wäre!
Er holte tief Luft, dann warf er seinen Computer an und rief das Kommunikationsprogramm auf. Das winzige rote Licht an der Kamera über dem Bildschirm begann zu leuchten.
»Jamie, ich schicke euch gleich eine halbe Tonne Unterlagen darüber, wie ihr Glasbausteine aus den Materialien vor Ort herstellen könnt. Es wird nicht leicht sein, aber es geht.
Ich übersende euch die technischen Anleitungen in komprimierter Form auf dem anderen Kanal. Sie stammen von allen möglichen schlauen Köpfen bei der NASA, beim MIT, dem Caltech und so weiter. Ich glaube, ein paar von ihnen sind sogar Eskimos.
Als erstes müsst ihr einen Sonnenreflektor bauen. Dazu könnt ihr eine der überzähligen Parabolantennen aus dem Lager verwenden und sie mit Aluminiumspray beschichten. Der Reflektor ist die Wärmequelle für euren Brennofen; ihr müsst Temperaturen von zweitausend Grad Celsius erzeugen, um die Sandpartikel aus dem Marsboden zu schmelzen. Die Sandkörner müsst ihr zunächst mal sehr fein mahlen …«
Eine halbe Stunde später schloss Connors mit: »… und dann habt ihr Glasbausteine, Kumpel. Ist echt ein Klacks.«
Schließlich wandte sich Connors mit einem müden Seufzer jenem Thema zu, das er lieber ignoriert hätte. Aber das konnte er nicht.
»Jamie, der alte Trumball macht immer noch Druck, um dich als Missionsleiter loszuwerden …«
MITTAG: SOL 63
»Ich sehe ihn!«, schrie Dex auf.
Sie hatten gerade einen kleinen Felsvorsprung erklommen, und der Rover tastete sich den steilen Hang zu der ausgedehnten, tief liegenden Senke hinunter, in welcher der Pathfinder und dessen winziger, fahrbarer Sojourner seit nahezu dreißig Jahren still und stumm warteten.
Craig fuhr. Beide Männer waren zottelig und bärtig, und ihre schweißfleckigen Overalls hingen ihnen schlaff um die Körper. Sie grinsten beide von einem Ohr zum anderen.
»Schau!« Dex erhob sich halb aus seinem Sitz und zeigte auf die Felsen. »Da sind die Twin Peaks! Und Yogi! Und Barnacle Bill!«
Craig lachte. »Du tust ja so, als hätteste gar nich damit gerechnet, dass sie hier sind.«
Dex sank wieder in seinen Sitz zurück. Er hatte ein komisches Gefühl im Magen. Sie sind alle da. Sie sind wirklich da. Nachdem ich mir so viele Jahre lang die Bilder und die Videos angeschaut habe, ist es alles real! Es ist wirklich alles passiert. Sie haben die Sonde hier gelandet, zu einer Zeit, als sie kaum eine Tonne Nutzlast zum Mars befördern konnten.
Die Dinger sind Milliarden wert, sagte sich Dex. Viel mehr, als sie damals gekostet haben. Wie ein Gemälde von da Vinci oder van Gogh.
Er wollte am Steuer des Rovers sitzen, wollte das Gaspedal durchtreten und in einer Staubfahne hinunterrasen. Aber er wusste, dass Wiley das nicht zulassen würde, und er sah ein, dass es wahrscheinlich auch gut so war. Heiliger Herr im Himmel, dachte Dex.
Ich bin so aufgeregt wie ein kleiner Junge zu Weihnachten.
»Vielleicht sollteste die Basis anrufen und Bescheid sagen, dass wir da sind«, schlug Craig vor.
»In Ordnung«, stimmte Dex zu. »Und sorg dafür, dass die Kameras das alles aufzeichnen! Das ist Geschichte, weißt du!«
Craig lachte leise in sich hinein.
Sie parkten fünf Gehminuten vom Pathfinder entfernt, damit sie sich die Gegend ausführlich ansehen konnten, ohne die Landestelle mit den Stollenspuren der Rover-Räder zu verunzieren.
Das alte Raumfahrzeug stand flach und gedrungen da, das verschrumpelte Schutzschild rundum hochgerutscht wie die gerafften Röcke einer alten Dame. Die Maschine wirkte in dieser Marslandschaft seltsam und fremdartig, ein kantiges Metallgebilde inmitten verwitterter Steine auf einer weiten Ebene aus rostrotem Sand. Der Sojourner — so winzig, dass er wie ein fahrbares Spielzeug aussah, das ein Kind aus einem Bausatz zusammengebastelt haben könnte — stand immer noch mit der Nase an dem Felsen, den man Yogi getauft hatte.
Dex zitterte vor Spannung, als er und Craig in ihre Raumanzüge stiegen. Doch als sie draußen waren, als sie tatsächlich auf dem Marsboden neben den alten Fahrzeugen standen, begann die Aufregung abzuebben.
Sie sind so klein, dachte Dex. Meine Güte, als ich zehn war, hatte ich ein Spielzeugauto, das größer war als der Pathfinder. Und den Sojourner könnte ich mir fast unter den Arm klemmen.
Er drehte sich einmal um sich selbst und musterte das Gebiet mit dem analytischen Auge des Geologen. Hier ist Wasser geflossen, so viel steht fest. Ein Fluss oder vielleicht eine große Flutwelle, die einen Eisdamm durchbrochen hat. Man sieht überall die Spuren fließenden Wassers.
»Komm«, rief Craig, »machen wir uns an die Arbeit.«
Sie fotografierten das Gebiet sorgfältig, um Vergleiche mit dem dreißig Jahre alten katalogisierten Bildmaterial des Pathfinders anstellen zu können.
»Das Wasser is von da drüben gekommen«, meinte Craig und zeigte hin. »Is mit ganz schönem Karacho hier durchgerauscht, würd ich sagen.«
»Ja, aber wo ist es hin?«
Craig zeigte zum Boden. »Mal sehen, wie tief es liegt.«
Sie gingen zum Rover zurück und holten den Motorbohrer und anderes Werkzeug. Während Craig nach der Permafrostschicht zu bohren begann, stellte Dex drei Baken jeweils zehn Gehminuten vom Pathfinder entfernt auf.
Die Sonne näherte sich bereits dem sanft gewellten Horizont, als Craig schließlich sagte: »Ich hol die Karre lieber mal her. Hab keine Lust, mich mit dem Teil halb totzuschleppen.«
»Bei dieser Schwerkraft wiegt es keine hundertvierzig Kilo«, gab Dex zu bedenken.
Craig war jedoch schon auf dem Rückweg zum Rover. »Aber mehr als hundertzehn«, entgegnete er. »Je kürzer die Strecke is, die wir's schleppen müssen, desto besser für uns. Du willst dir hier draußen doch keinen Bruch heben, oder?«
Dex lachte und fing an, die vom Bohrer heraufgeholten Kerne in isolierte Probengefäße zu stecken. Falls Wiley auf eine Permafrostschicht gestoßen war, so konnte man es nicht ohne Weiteres erkennen; die Bohrung war bis in dreißig Meter Tiefe gegangen, ohne dass sich die Beschaffenheit des liegenden Gesteins merklich verändert hätte.
Der Rover kam wie eine riesige Metallraupe quietschend über den roten Sand geschuckelt; seine Räder kletterten über die auf dem Boden verstreuten Steine weg. Craig hielt erst an, als die Luke des mittleren Moduls nicht mehr als fünf Meter von dem stillen, gedrungenen Pathfinder entfernt war.
Mit vereinten Kräften hoben sie die Sonde ächzend hoch, hievten sie mit einem »Pass auf das Schutzschild auf« und »Okay, ich hab sie« auf den Rand der Luke und setzten sie dort ab. Dann stieg Craig ungelenk ins Modul, und sie verfrachteten den Pathfinder schiebend und ziehend ins Innere.
Schweiß stach Dex in die Augen, während er in sich zusammensank, bis er schließlich dasaß und die Rückseite seines Helms an eins der Metallräder des Rovers lehnte.
»Alles in Ordnung?«, fragte Craig, als er aus der Luke heruntersprang. Zum ersten Mal seit Wochen bemerkte Dex, dass man in der geringen Marsschwerkraft langsamer sprang als auf der Erde.
»Mir geht's gut«, antwortete er. »Ich wünschte nur, ich könnte mir die Augen abwischen.«
»Soll das heißen, du weißt nich, wie du den Arm ausm Ärmel friemelst und die Hand am Halsring vorbeikriegst?«