Fuchida wirkte alles andere als überzeugt.
»Hör mal, Mitsuo, du kannst doch nicht ernsthaft glauben, dass einer von uns während des Sturms absichtlich Löcher in die Kuppel gemacht hat. Das wäre doch Wahnsinn!«
Fuchida nickte. »Zu diesem Schluss bin ich auch gekommen.«
Da Vijay Küchendienst hatte, machte sich Jamie auf den Weg in seine Unterkunft, während Fuchida und Trudy ins Biologielabor abzogen und Stacy und Rodriguez sich wieder ins Kommunikationszentrum begaben, um den letzten Systemcheck des Abends durchzuführen.
In seiner Kabine warf er den Computer an und sah die eingegangenen Nachrichten durch.
Während er die Angaben auf dem Bildschirm überflog, schweiften seine Gedanken zu Fuchidas Detektivarbeit. Mitsuo reagiert übertrieben, sagte er sich. Wer, zum Teufel, würde absichtlich Löcher in die Gartenkuppel bohren? Und warum? Aus welchem Grund? Das ist doch Unsinn.
Trotzdem, die Möglichkeit war nicht von der Hand zu weisen; sie hing wie eine dunkle, unheildrohende Wolke über ihm. Haben wir einen Geisteskranken unter uns? Jamie schüttelte den Kopf und versuchte, sich von diesem Verdacht zu befreien.
Nachdem er seine Nachrichten kurz durchgesehen und festgestellt hatte, dass nichts dabei war, worum er sich unverzüglich kümmern musste, schaltete er den Computer aus und ging wieder in die Messe.
Vijay war immer noch dort. In der Kuppel brannte nur noch die gedämpfte Nachtbeleuchtung. Der Geschirrspüler summte leise vor sich hin, der Tisch war blitzsauber. Sie wartet auf mich, dachte Jamie glücklich.
»Alle anderen schon im Bett?«, fragte er.
»Trudy und Tommy, ja«, erwiderte sie leichthin. »Mitsuo stöbert noch im Garten rum, und Stacy hat das Kommunikationszentrum bis jetzt nicht verlassen.«
»Oh.«
Sie nahm sich einen Becher und einen Teebeutel und ging damit zum Heißwasserspender hinüber. Jamie zog sich einen Stuhl heraus und setzte sich. Er wusste, dass es albern war, aber er wollte abwarten, bis die anderen alle schlafen gegangen waren, bevor er Vijay in seine Kabine mitnahm.
»Mitsuo glaubt, dass jemand die Kuppel absichtlich sabotiert hat«, sagte er und bemühte sich, leise zu sprechen.
»Wie bitte?« Sie drehte sich zu ihm um. Ihre Augen waren vor Überraschung geweitet.
»Er hat Indizien — oder was er dafür hält.«
»Er spinnt.«
»Hoffentlich«, sagte Jamie.
»Ich werde mit ihm darüber reden.« Sie kam mit ihrem Becher zum Tisch und setzte sich neben ihn.
»Nein, warte damit. Ich will zuerst sehen, was er noch vorbringt.«
Vijay warf ihm einen skeptischen Seitenblick zu, aber dann nickte sie und sagte: »Wenn du meinst.«
»Dex' Vater will mich feuern«, hörte er sich zu seiner eigenen Überraschung sagen. Er hatte sich etliche Male geschworen, sie nicht mit seinem Problem zu belasten.
»Ich hab mich schon gefragt, wann du endlich damit rausrücken würdest«, sagte sie.
Er verspürte einen kurzen Schock, dann wurde ihm klar, dass es in diesem Treibhaus, in dem sie lebten, keine Geheimnisse gab.
»Also wissen alle darüber Bescheid«, sagte er.
»Natürlich. Wir haben uns überlegt, was wir tun können, um dir zu helfen. Du weißt schon, eine Petition an den IUK-Vorstand schicken, mit Arbeitskampf drohen, was auch immer.«
»Arbeitskampf?«
»Streiken«, sagte sie. »Auf unseren Ärschen sitzen bleiben, bis Trumball aufhört, dich zu schikanieren.«
Sie trank einen Schluck von dem dampfenden Tee und wartete darauf, dass er etwas dazu sagte. Jamie schaute in ihre schimmernden schwarzen Augen und stellte wieder einmal fest, wie schön sie war.
»Wir müssen hier eine ganze Welt erforschen«, sagte er zu ihr. »Wir können nicht streiken. Das würde nichts bringen.«
»Hast du eine bessere Idee?«
»Ich habe darüber nachgedacht.«
»Und?«
»Trumball droht, die Mittel für die nächste Expedition zu sperren.«
»Er erpresst sie damit, ich weiß.«
»Ich kann nicht zulassen, dass er die nächste Expedition stoppt, Vijay. Das wäre kriminell.«
»Und wie kannst du ihn dann stoppen?«
Er lehnte sich zurück und starrte ins Dunkel hinauf.
Eine ganze Weile war es still, bis auf das leise Tuckern der Lebenserhaltungspumpen, das schwache, wispernde Summen elektrischer Geräte. Und das hohe, fast unhörbare Seufzen des Nachtwinds draußen, den Atem einer Welt, die ihn rief.
Dann hörte er, wie Vijay die Luft ausstieß, und merkte, dass sie mit angehaltenem Atem auf seine Antwort gewartet hatte.
»Ich könnte zurücktreten«, sagte er ausdruckslos.
»Zurücktreten?«
»Mein Amt als Missionsleiter niederlegen. Schließlich bin ich hier auf dem Mars; er kann mich nicht zur Erde zurückholen. Ich werde bis zum Ende der Expedition hier sein. Was macht es schon aus, ob mein Titel Missionsleiter oder Flaschenwäscher ist?«
Vijay knallte ihren Becher so hart auf den Tisch, dass der Tee überschwappte.
»Das kannst du nicht machen, Jamie! Das darfst du nicht!«
»Warum nicht? Was bedeutet der Titel schon? Es kommt doch darauf an, was wir hier auf dem Mars tun.«
»Aber er wird Dex die Leitung übertragen!«
»Das glaube ich nicht. Ich glaube, ihr werdet alle Gelegenheit bekommen, eure Meinung zum Ausdruck zu bringen. Vielleicht gibt es eine Abstimmung.«
Sie schüttelte vehement den Kopf. »Das würde uns zerreißen, Jamie. Einige würden für Dex stimmen, und alle anderen würden als Gegenstimmen wahrgenommen werden.«
»Ja«, gab er zu, »das kann sein.«
»Du darfst nicht zurücktreten! Das würde alles kaputtmachen.«
»Ich glaube nicht …«
»Du willst zu der Felsenbehausung fahren, nicht? Glaubst du, Dex würde das zulassen?«
»Ich glaube nicht, dass Dex zum Leiter ernannt werden würde«, wiederholte er.
»Wer dann?«
»Ich wäre für Stacy.«
»Die ist keine Wissenschaftlerin.«
»Dann Wiley.«
»Wiley? Glaubst du, er genießt den gleichen Respekt wie du? Kannst du dir vorstellen, dass Mitsuo Wileys Befehle befolgt?«
»Es geht nicht darum, Befehle zu befolgen«, sagte er.
»Aber natürlich! Genau darum geht es beim Posten des Missionsleiters.«
Jamie schüttelte den Kopf. »Komm schon, Vijay, ich gebe den Leuten keine Befehle. Wir arbeiten alle zusammen.«
Sie setzte sich kerzengerade auf und tippte mit einem manikürten Fingernagel auf die Tischplatte. »Du gibst keine Befehle, weil du's nicht brauchst. Jeder hier hat enormen Respekt vor dir. Verstehst du das nicht? Du gehst mit leuchtendem Beispiel voran. Du bist ein natürlicher Anführer.«
»Das ist Dex auch, deinen Worten zufolge.«
»Dex will das werden, was du schon bist. Er ist noch nicht so weit.«
»Und wenn ich aufgebe, wenn ich zurücktrete«, Jamie bekam die Worte kaum heraus, »und Dex zum Missionsleiter ernannt wird … was wirst du dann tun?«
Sie sog scharf die Luft ein, als hätte sie jemand geschlagen. Für lange, quälende Momente war sie still.
»Was ich tun werde?«, wiederholte Vijay. Ihre Stimme war so leise, dass er sie kaum hören konnte.
»In Bezug auf uns«, flüsterte Jamie.
Sie starrte ihn an.
»Ich meine …«
»Mein Gott, Jamie«, sagte sie mit zitternder Stimme, »wenn du denkst, dass ich nur mit dir schlafe, weil du hier der Boss bist … wenn du denkst, ich springe mit Dex ins Bett, wenn er zum Leiter ernannt wird …«
»Ich … aber du hast gesagt …«
»Du bist ein Idiot!«, fuhr sie ihn an. »Ein verdammter, blöder Idiot!«
Sie stapfte davon, zu ihrer eigenen Kabine, und ließ den Becher in einer kleinen Teepfütze auf dem Tisch stehen. Jamie sah ihr nach und sagte sich, dass sie Recht hatte: Ich bin ein Idiot.