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VOR TAGESANBRUCH: SOL 64

Jamie wusste, er hätte eigentlich müde sein müssen, aber er war hellwach. Grimmig wach.

Er saß in seinem Overall am Schreibtisch in seiner Kabine, und der Lichtschein vom Bildschirm seines Laptops hob sein Gesicht aus dem Dunkel und warf einen trüben, unförmigen Schatten an die Wand hinter ihm. Ich möchte wissen, wie viel Uhr es in Boston ist, dachte er.

Das eingefrorene Bild auf dem Monitor zeigte Darryl C. Trumball an seinem Schreibtisch. Er starrte in die Kamera, das Gesicht zu einer zornigen, finsteren Miene erstarrt, einen Füllfederhalter mit einem edlen Abschlussknopf in der Hand. Jamie studierte Trumballs Bild, versuchte, die Seele hinter dem harten Äußeren zu finden. Was will er, fragte er sich. Warum will er mich loswerden?

Jamie hatte Trumball über eine Stunde zuvor eine schlichte Botschaft geschickt:

»Im Interesse der Harmonie unter den Mitgliedern des IUK-Vorstands bin ich bereit, mein Amt als Missionsleiter niederzulegen«, hatte er gesagt, »vorausgesetzt, dass Stacy Deschurowa an meiner Stelle ernannt wird und eine Exkursion zu der potenziellen Felsenbehausung in Tithonium Chasma in unseren Missionsplan aufgenommen wird.«

Die Worte Harmonie unter den Mitgliedern des IUK-Vorstands waren eine Chiffre, der darauf abzielte, die Finanzierung der nächsten Expedition zu gewährleisten. Trumball hatte gedroht, die Mittel zu sperren, wenn Jamie nicht von seiner Position abberufen wurde. Ohne es in so viele Worte zu kleiden, bot Jamie seinen Kopf für eine finanzielle Zusicherung an. Und für das Versprechen, ihm die Erforschung der Felsenbehausung zu erlauben.

Jetzt saß er da, wartete auf Trumballs Antwort und betrachtete das aus einer früheren Nachricht stammende Standbild des alten Mannes. Er öffnete ein Fenster auf dem Bildschirm und überprüfte die aktuelle Zeit in Boston. Zwölf Minuten nach zwei. Trumball müsste da sein; wenn nicht, hätte ihm das inzwischen sicher jemand mitgeteilt.

Nein, er überlegt es sich. Oder vielleicht will er mich einfach noch eine Weile in meinem eigenen Saft schmoren lassen. Das sähe so einem wie ihm ähnlich, der Macht-Trip, das pure Ego und kein Gedanke an andere Menschen.

Vielleicht versucht er, die Sache mit Dex zu besprechen, dachte Jamie. Doch als er Trumballs Bild auf dem kleinen Monitor anstarrte, wurde ihm klar, dass dieser Mann sich mit niemandem besprach. Er traf seine Entscheidungen aus seinen eigenen Gründen und walzte jeden platt, der sich ihm entgegenstellte. Oder es versuchte.

Jamie hatte eine schlimme Stunde verbracht, nachdem Vijay aus der Messe gestürmt war. Er fragte sich, wie die anderen seinen Rücktritt aufnehmen würden, fragte sich vor allem, wie Dex reagieren würde. Ich tue Stacy keinen Gefallen, sagte er sich, wenn ich sie auf den Schleudersitz hieve.

Aber es muss sein, erkannte er. Trumball wird sonst so viel Ärger machen, dass die nächste Expedition niemals vom Boden abheben wird.

Das hatte für ihn den Ausschlag gegeben. Es muss eine dritte Expedition geben. Und eine vierte, fünfte und fünfhundertste. Wir müssen eine ganze Welt erforschen! Ich darf nicht zulassen, dass mein Ego das verhindert. Dann wäre ich genauso schlimm wie Trumball.

Er war in seiner kleinen Kabine mehrere Kilometer auf und ab marschiert, vier Schritte in die eine Richtung, vier Schritte in die andere, von der Liege zur Falttür und wieder zurück, stundenlang. Hatte sich den Kopf zerbrochen, nach dem inneren Gleichgewicht gestrebt, sich zerrissen bei dem Versuch, den richtigen Weg zu finden. Endlich erkannte er, worin dieser bestand, worin er bestehen musste.

Das ist kein Willenskampf zwischen Trumball und mir. Es ist kein Kampf der Alpha-Männchen zwischen Dex und mir. Hier geht es um nicht mehr und nicht weniger als die Erforschung des Mars.

Die Entscheidung befreite ihn. Beruhigte ihn. Er setzte sich an seinen Schreibtisch, öffnete den Laptop und schickte Trumball seine Botschaft.

Nun wartete er auf die Antwort des alten Mannes.

Und erkannte tief im Innern, wo die hohlen Schauder der Furcht entspringen, dass er Vijay verloren hatte. Ihren Respekt. Ihre Liebe.

An seinem Laptop begann die Leuchtanzeige für eingegangene Botschaften zu blinken wie ein gelbes Auge, das ihm zuzwinkerte.

Jamie drückte auf die Taste, und Trumballs Standbild schien lebendig zu werden. Da saß er, hinter demselben Schreibtisch, mit einem anderen Federhalter in der Hand, und sah Jamie mit einem mürrischen Ausdruck auf dem kalten, strengen Gesicht an.

»Ich habe Ihre Nachricht erhalten«, sagte Trumball. Seine Stimme war kratzig und rauh. »Ich werde dafür sorgen, dass der Vorstand Ihren Rücktritt annimmt. Vermutlich schicken Sie ja eine ähnlich lautende Nachricht an jedes einzelne Vorstandsmitglied.«

Trumball rutschte nervös auf seinem dicken Ledersessel mit der hohen Lehne hin und her, fummelte mit seinem Federhalter herum und fuhr dann fort: »Was die von Ihnen vorgeschlagene Miss Deschurowa betrifft — ich weiß nicht so recht. Werden die anderen Wissenschaftler dort oben sie akzeptieren, oder hätten sie lieber einen der ihren als Missionsleiter? Ich würde gern erfahren, was sie denken.«

Jamie war überrascht, dass Trumball nicht unumwunden auf der Ernennung seines Sohnes zum Missionsleiter bestand.

»Mit Ihrer Forderung, eine Exkursion zu Ihrer angeblichen Felsenbehausung unternehmen zu können, bin ich einverstanden, sofern die anderen dort oben ebenfalls einverstanden sind. Dank meines Sohnes haben Sie ein zusätzliches Rover-Fahrzeug. Fahren Sie damit dorthin und sehen Sie sich um. Wenn es die Felsenbehausung wirklich gibt, wird sie die größte Touristenattraktion seit der Kreuzigung werden.«

Das Bild erlosch. Trumball hatte gesagt, was es zu sagen gab, er hatte seinen Kopf durchgesetzt. Jamie saß da und fühlte sich, als hätte ihm ein Schwergewichtsboxer in den Magen geschlagen.

Eine Touristenattraktion. Die größte Entdeckung in der Geschichte der Welt — der Geschichte zweier Welten! —, und er kann nur an eine gottverdammte Touristenattraktion denken!

Jamie wäre am liebsten aufgesprungen und hätte laut geschrien. Ich werde für ihn arbeiten, erkannte er. Wenn die Felsenbehausungen existieren, führe ich ihn zu ihnen, damit er drum herum ein beschissenes Disneyland errichten kann! Ich werde eine Judasziege sein! Jemand, der alles und jeden verrät.

Er vergrub den Kopf in den Händen. Er wollte weinen, aber er wusste, dass er es nicht konnte.

Im Ares Vallis war die Sonne bereits aufgegangen, und Dex saß am Steuer des Rovers, während Craig frühstückte. Sie hatten beschlossen, von nun an abwechselnd zu essen, statt für die Mahlzeiten anzuhalten.

Der Kommunikationsbildschirm flackerte, dann formte sich darauf Jamies dunkles, ernstes Gesicht. Dex stellte mit einem kurzen Blick fest, dass Jamie schrecklich aussah; er hatte rote Augen und tiefe Falten, als hätte er die ganze Nacht kein Auge zugetan.

»Ich nehme an, ich habe euch nicht geweckt«, begann Jamie. Seine Stimme war angespannt, beinahe heiser.

»Nein, wir kutschieren schon seit fast einer Stunde durch die Gegend«, sagte Dex quietschvergnügt.

Ohne weitere Einleitung sagte Jamie: »Ich habe deinem Vater gerade erklärt, dass ich bereit bin, von meinem Posten als Missionsleiter zurückzutreten. Ich habe vorgeschlagen, dass Stacy den Job übernimmt.«

Dex spürte die Krallenfinger der Überraschung, dann hörte er sich fragen: »Was hat mein Vater gesagt?«

»Er hat gesagt, er sei einverstanden, sofern ihr anderen auch einverstanden wärt.«

Mistkerl, dachte Dex. Der liebe alte Dad würde mich niemals für den Posten vorschlagen, der doch nicht. Er glaubt nicht, dass ich der Aufgabe gewachsen wäre.

Zu Jamie sagte er: »Was halten die anderen in der Kuppel von der Sache?«