»Sie wissen noch nichts davon. Um diese Zeit schlafen sie alle noch.«
Craig kam ins Cockpit, auf einem Stück vorgegartem Omelett herumkauend, und glitt auf den rechten Sitz.
»Sie werden keine Einwände gegen Stacy haben«, sagte Dex und versuchte, sich seinen brodelnden Zorn nicht anmerken zu lassen.
»Habt ihr welche?«, fragte Jamie.
»Sie is keine Wissenschaftlerin«, meinte Craig.
Jamie nickte ernst. »Aber sie weiß, was sie tut, und sie versteht, was wir tun. Ich glaube, sie ist die Beste für den Job.«
»Scheint so«, fauchte Dex.
Craig sagte: »Ich hab nix an ihr auszusetzen. Sie is 'n heller Kopf.«
»Ich möchte gern eine einstimmige Entscheidung haben, Dex«, sagte Jamie.
»Klar. Warum nicht?«
»Du bist einverstanden?«
»Hab ich doch gesagt, oder?«
»Okay, okay. Danke.«
»Keine Ursache.«
Sobald Jamies Bild erlosch, beugte sich Craig hinüber und legte Dex die Hand auf die Schulter. »Findste, der Job hätte an dich gehn müssen?«
Dex grinste seinen zottelbärtigen Partner an. »Um die Wahrheit zu sagen, Wiley, ich glaube, Stacy ist besser für den Job geeignet als ich.«
»Von wegen.«
»Ehrlich. Aber das heißt nicht, dass ich nicht gern der Boss wäre!«
»Bist du sauer auf Jamie, weil er dich nicht vorgeschlagen hat?«, bohrte Craig.
»Nein.« Dex schüttelte den Kopf. Und merkte, dass es stimmte. Er verspürte keinen Ärger auf Jamie. Die Rothaut tat nur, was ihrer Ansicht nach das Beste für die Mission war.
Aber der liebe alte Dad, dachte Dex und bebte innerlich vor Zorn. Der alte Scheißkerl würde keinen Finger für mich rühren. Er glaubt nicht, dass ich's packen würde. Er traut mir nicht zu, dass ich überhaupt irgendeine Verantwortung tragen könnte.
Dex trat fester aufs Gaspedal. Ich werd's ihm schon zeigen. Ich werd's allen zeigen.
Wie, wusste er nicht. Aber er spürte, wie sich eine stahlharte, messerscharfe Entschlossenheit in ihm festigte. Es ist mir gleich, ob Jamie die Leitung hat oder Stacy oder der verdammte Mann im Mond. Ich werde diese Expedition führen, so oder so.
Jamie sah den seltsamen, beinahe wilden Ausdruck auf Dex' bärtigem Gesicht, bevor er die Satellitenverbindung zum Rover beendete. Er ist wütend; stinksauer. Er wollte Missionsleiter werden, und nun kocht er, weil er den Job nicht bekommt.
Er stand von seinem kleinen Schreibtisch auf und streckte sich, ließ Sehnen knallen und Wirbel knacken.
Jetzt bin ich's los, dachte Jamie. Jetzt kann ich mich darauf konzentrieren, noch einmal nach Tithonium zu fahren und nachzusehen, worum es sich bei diesem Felsengebilde wirklich handelt.
Stacy wird es nicht leicht haben, dachte er. Dex wird ihr im Nacken sitzen, sobald er hierher zurückkommt.
Er schüttelte den Kopf. Das ist jetzt nicht mehr dein Problem. Nun kannst du endlich das tun, wozu du hergekommen bist. Nur noch eine Sache, dann bist du ein freier Mann: Du musst Stacy die frohe Botschaft überbringen. Und den anderen. Sie werden alle zustimmen, dass Stacy die Richtige für den Job ist. Die Entscheidung wird einstimmig fallen, keine Angst.
Du musst es ihnen nur sagen.
Und Vijay auch.
DRITTES BUCH
DIE FELSENBEHAUSUNG
Die Himmelsgötter platzierten die rote Welt ferner von Vater Sonne als die blaue Welt, und auch viel näher an den kleinen Welten, von denen es in der Dunkelheit des Nichts immer noch wimmelte, übrig gebliebene Bruchstücke aus der Zeit des Anfangs. Oftmals fuhren diese auf die rote Welt hernieder und zogen dabei, brüllend wie Ungeheuer, ihre dämonische Feuerspur über den blassen Himmel.
Klein und kalt war sie, diese von Himmelsdämonen bombardierte rote Welt, und als die Luft und das Wasser allmählich dahinschwanden, hatten die dort lebenden Geschöpfe schwer zu kämpfen, damit der Lebensfunke in ihrem Innern nicht erlosch. Trotzdem schlug der Tod schnell und erbarmungslos zu.
SOL 99: DER ENTSCHEIDUNGSPROZESS
»Du kannst nicht allein fahren«, sagte Stacy Deschurowa.
»Warum nicht?«
»Das kommt nicht in Frage, Jamie.«
»Aber Tomas ist verletzt, und es gibt niemand anderen, der mitkommen könnte.«
Sie waren in Stacys Unterkunft. Deschurowa hatte die Kabine nach ihrer Ernennung zur Missionsleiterin in eine Art Büro verwandelt. Dort erledigte sie den größten Teil der Arbeit; sie ließ die Leute zu sich kommen, statt zu ihnen zu gehen, wie Jamie es getan hatte.
Er hockte auf dem Bürostuhl, den Deschurowa für ihre Kabine requiriert hatte; Stacy saß ihm auf dem Schreibtischstuhl steif gegenüber.
Die mit der Leitungsaufgabe verbundene Verantwortung hat sie im Lauf des letzten Monats verändert, dachte Jamie, während er die Linien der Anspannung um ihren Mund und ihre Augen betrachtete. Sie macht ihre Arbeit gut, aber es schlaucht sie ganz schön.
Die Kabine war klinisch sauber: Das Bett war akkurat gemacht, der Schreibtisch aufgeräumt, Papiere und Kleider waren dort verstaut worden, wo sie hingehörten. Statt des üblichen Overalls trug Stacy jetzt meist eine dicke, weite, khakibraune Bluse mit militärischen Epauletten und eine ausgebleichte Jeans aus ihrem persönlichen Spind, und sie hatte ihr sandbraunes Haar zu einem militärischen Kurzhaarschnitt mit ausrasierten Schläfen geschoren; Jamie entdeckte zu seiner Überraschung graue Strähnen darin.
Jamie dagegen fühlte sich gelöster und freier denn je. Er hatte so gut wie keine Pflichten mehr und konnte sich nun voll und ganz der Planung seiner Reise zum Grand Canyon und zu der Nische in der Felswand widmen, wo er das … Gebäude gesehen hatte. Jamie war sich dessen sicher. Was er in dieser Felsspalte gesehen hatte, war ein Gebäude gewesen. Vielleicht auch mehrere. Gebäude, die von intelligenten Wesen errichtet worden waren.
Ja, er war sich dessen sicher. Aber hatte er Recht? In ein paar Tagen werde ich es herausfinden, sagte er sich. Sobald ich dieses Exkursionspartnerproblem überwunden habe.
»Hör zu, Stacy, ich will dir keine Schwierigkeiten machen«, sagte er, »aber ich weiß einfach nicht, wen du freistellen kannst, damit er mich auf dieser Exkursion begleitet.«
»Dann bleibst du hier«, antwortete sie rundheraus.
»Nun mach aber mal einen Punkt …«
Deschurowa schüttelte störrisch den Kopf. »Jamie, du kennst die Sicherheitsvorschriften so gut wie ich. Niemand darf sich ohne Begleitung über Gehweite hinaus von der Basis entfernen.«
»Aber Tomas wird noch wochenlang nicht zu so einer Art von Arbeit imstande sein.«
»Dann wartest du entweder so lange, oder wir finden jemand anderen, der mitfährt.«
Rodriguez wäre bei einem Unfall mit dem Solarofen, der die Glasbausteine für das Gewächshaus brannte, das sie um die Gartenkuppel herum errichteten, beinahe ums Leben gekommen. Er hatte sich durch den Handschuh seines Raumanzugs hindurch üble Verbrennungen an der Hand zugezogen. Zum Glück war Trudy bei ihm gewesen. Sie hatte die Druckmanschette an seinem Handgelenk verschlossen und den vor Schmerzen stöhnenden Astronauten in die Kuppel zurückgebracht. Jetzt beschränkten sich seine Aufgaben darauf, an der Kommunikationskonsole zu sitzen und als einhändiger Missionsfunker zu dienen.
»Ich schaffe es auch allein«, beharrte Jamie. »Wir können die Regeln ruhig ein bisschen weiter auslegen, Stacy.«
Sie warf ihm einen Blick zu, der auf enervierende Weise jenem seiner Englischlehrerin in der achten Klasse ähnelte, wenn er einen Aufsatz nicht rechtzeitig abgegeben hatte.
»Jamie, du hast mir diese Verantwortung übertragen, weißt du noch?«, sagte sie langsam. »Ich kann dich nicht alleine losfahren lassen. Wenn du ums Leben kommst, würde ich mir das nie verzeihen.«
»Aber es ist niemand verfügbar«, wiederholte Jamie. »Du wirst hier gebraucht. Trudy und Mitsuo haben alle Hände voll mit den biologischen Untersuchungen zu tun. Es wäre nicht fair, von einem der beiden zu verlangen, damit aufzuhören.«