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»Tarawa wäre sowieso nicht einverstanden.«

»Ganz recht.«

»Wie wär's mit Wiley?«, fragte Deschurowa.

»Er und Dex sind vollauf damit beschäftigt, die Proben vom Boden des Canyons zu datieren«, antwortete Jamie. »Außerdem hat er schon genug Zeit im Rover verbracht.«

Stacy zuckte die Achseln und kratzte sich unbewusst an der Schulter. Die Khakibluse juckt bestimmt, dachte Jamie.

»Sonst gibt es niemanden«, sagte er. »Dex ist zu beschäftigt, genau wie Wiley.«

»Vijay?«, fragte Deschurowa.

Sie hatte nicht mehr mit Jamie geschlafen, seit er ihr erklärt hatte, er werde von seinem Leitungsposten zurücktreten. Sie war auf eine kühle, aber zugleich spröde, schmerzhafte Art freundlich. Soweit Jamie wusste, schlief sie mit Dex auch nicht. Er war froh darüber, aber es war ein schwacher Trost.

»Die Ärztin sollte hier bleiben, wo der größte Teil des Teams ist«, meinte Jamie. »Außerdem kümmert sie sich immer noch um Tomas' Hand.«

»Sie ist sowieso nicht qualifiziert, den Rover zu fahren.« Deschurowa seufzte, fast so, als hätte sie Schmerzen. »Dann wirst du warten müssen, bis Tom wieder arbeiten kann.«

»Ich will nicht warten«, sagte Jamie mit fester Stimme. »Ich bin bereit, jetzt loszufahren. Ich habe nichts anderes zu tun. Der zusätzliche Rover ist fahrbereit, und ich bin's auch.«

Deschurowa setzte dazu an, nein zu sagen. Jamie sah, wie ihre Lippen das Wort formten. Aber sie zögerte, holte Luft und sagte stattdessen: »Lass mich darüber nachdenken, Jamie. Vielleicht finde ich irgendeine Lösung.«

Jamie begriff, was sie tat: Sie sagte nein, ohne das Wort zu benutzen.

Er erhob sich von dem Stuhl, sodass dieser ein paar Zentimeter über den Plastikfußboden rollte.

»Stacy, morgen sind wir hundert Tage hier auf dem Mars. Ich fahre morgen mit dem Rover los, ob es dir nun passt oder nicht.«

Er drehte sich um und verließ ihre Unterkunft, bevor sie etwas erwidern konnte.

Während er zu seiner Kabine marschierte, dachte er: Ja, geh raus und nimm dir den Rover. Wie will sie mich daran hindern? Will sie Dex und die anderen dazu bringen, mich zu überwältigen?

Als er jedoch die Tür zu seiner Unterkunft hinter sich zugeschoben hatte und auf seine unordentliche Liege hinunterschaute, sagte er sich: Genau, klau den Rover, dann steht Stacy wie eine machtlose Närrin da. Grandiose Aktion. Einfach wundervoll. Was für ein tolles Paradebeispiel für ein Arschloch du wärst.

Aber die Alternative war, ein paar Wochen zu warten, vielleicht noch länger. Ein paar Ewigkeiten. Wer wusste schon, welche Probleme sich in ein paar Wochen stellen würden? Irgendwas kommt immer dazwischen. Morgen sind wir hundert Tage hier, und ich bin keinen Schritt näher an diesem Dorf als am Tag unserer Landung.

Stacy brauchte drei Anrufe, um Vijay ausfindig zu machen. Sie war weder im Krankenrevier noch im Biologielabor. Als Deschurowa es im Geologielabor probierte, antwortete Dex' Stimme munter: »Ja, sie ist hier.«

Neunzig Sekunden später klopfte Vijay einmal an die Tür zu Deschurowas Unterkunft und schob sie ein Stück weit auf.

»Dex hat gesagt, du wolltest mich sprechen.«

Stacy nickte und zeigte auf den Stuhl, auf dem Jamie gesessen hatte. Vijay setzte sich, die Knie aneinander gepresst, die Hände auf den Oberschenkeln. Ihr Overall wirkte ein bisschen verschossen, aber sie hatte ein buntes Tuch um die Taille gebunden und ein kleineres lose um den Hals geknotet. Die strahlenden Farben Indiens, dachte Stacy. Im Vergleich zu ihr wirken wir alle wie graue Mäuse.

»Ich habe Schwierigkeiten mit Jamie«, sagte Deschurowa.

Vijays Augen weiteten sich kurz. »Was ist mit Jamie?«

»Du bist die hiesige Psychologin«, sagte Deschurowa. Ihr Mund verzog sich zu einem leisen Lächeln. »Und du kennst Jamie besser als jeder andere hier …«

»Wenn es um unsere persönliche Beziehung geht …«

»Nein. Es geht um die Arbeit dieser Expedition. Und es geht um Jamie und dich … und um Dex.«

»Dex?«

»Hör zu«, sagte Stacy. Dann begann sie zu erklären.

Vijay hörte zu. Dann sagte sie ihre Meinung. Deschurowa dankte ihr und bat sie, Wiley Craig zu ihr zu schicken. Sie sprach fast eine Stunde lang mit Craig.

Als sie an diesem Abend alle acht um den Esstisch versammelt waren, fragte Deschurowa: »Jamie, wie wär's, wenn Dex dich auf der Exkursion begleiten würde?«

Alle hörten auf zu essen. Plastikgabeln blieben mitten in der Luft hängen. Trinkbecher wurden wieder auf den Tisch gestellt. Sogar das Kauen hörte auf.

Verblüfft schaute Jamie über den Tisch hinweg zu Dex und sah, dass er genauso überrascht war.

»Wiley meint, er kann die geologischen Analysen für etwa eine Woche übernehmen …«

»Solang das Kartierungsprogramm nich wieder abstürzt«, unterbrach Craig.

»Dex kann also von seinen regulären Pflichten entbunden werden«, schloss Deschurowa. »Und er ist zweifellos qualifiziert, den Rover zu fahren.«

»Ich schaffe es allein«, meinte Jamie verkniffen.

»Wie schon gesagt, das kommt nicht in Frage«, erklärte Deschurowa.

»Also, wenn ihr mich fragt«, meldete sich Dex mit seinem üblichen unverschämten Grinsen zu Wort, »ich hätte nichts dagegen, noch mal loszufahren. Und ich kann an der Datierung des Gesteins weiterarbeiten, wenn Wiley mir die Daten rüberschickt und Jamie nichts dagegen hat, am Lenkrad zu sitzen.«

Jamies Gedanken überschlugen sich. Ich will Dex nicht auf diesem Trip dabeihaben. Er wird ihn kaputtmachen. Ruinieren. Irgendwie wird er alles verpfuschen.

Aber dann hörte er die leise Stimme seines Großvaters: Nimm ihn mit. Das ist der einzige Weg, der dir offen steht. Kämpfe nicht dagegen an. Akzeptiere es.

Sein Blick schweifte von Dex' großspurigem Grinsen zu Vijays Gesicht. Sie wirkte angespannt; ihre großen, dunklen Augen waren auf ihn gerichtet, als wartete sie auf eine Explosion. Wenn Dex mitkommt, wird er nicht hier bei ihr sein, während ich weg bin, dachte Jamie.

Er schaute wieder zu Dex. »Was meinst du, Dex? Vielleicht jagen wir nur hinter einem Phantom her.«

»Oder wir entdecken die größte Touristenattraktion aller Zeiten«, erwiderte Dex leichthin.

Jamie merkte, wie er mit den Zähnen knirschte. Bei diesem Trip könnte es den ersten Mord auf dem Mars geben, dachte er.

MORGEN: SOL 100

»Ihr habt die besten Brennstoffzellen«, sagte Wiley Craig, als Jamie und Dex in ihre Anzüge stiegen. »Hab sie mit denen in Rover Numero uno ausgetauscht.«

»Mit Staubstürmen dürfte es kein Problem geben«, versicherte ihnen Fuchida. »Das Wetter hat sich stabilisiert. Es ist fast schon Sommer.«

Dex lachte. »Ja. Vielleicht kriegen wir da draußen für 'n paar Stunden Temperaturen über dem Gefrierpunkt.«

Vijay trat beiseite, als die beiden Männer die Arme durch die Ärmel der Raumanzug-Oberteile steckten. Craig half Jamie, Fuchida half Dex.

Stiefel, Unterteil, Oberteil. Die Verschlüsse an den Knöcheln, der Taille und den Handgelenken überprüfen. Tornistergerät. Die Anschlüsse checken: Strom, Luft, Wasser.

»Stacy will euch noch etwas sagen, bevor ihr rausgeht«, erkärte Vijay.

Jamie griff nach seinem Helm auf dem Bord über dem Anzuggestell. »Dann hol sie mal her.«

»Ja«, sagte Dex und zog sich den Helm über den Kopf. »Wir sind bereit für das große Spiel, Coach.«

Vijay ging rasch fort. Jamie setzte den Helm auf, verschloss den Halsring und führte dann mit Dex den Funkcheck durch.

Stacy kam durch den Gang auf sie zu, der von den Ausrüstungsschränken gebildet wurde. Sie trug den vorschriftsmäßigen Overall. Vijay begleitete sie, und Jamie fiel auf, wie groß, massiv, ja beinahe wuchtig Stacy neben ihr aussah. Vijay, die ebenfalls einen Overall trug, wirkte klein, dunkelhäutig, üppig und blühend.