Und besorgt. Jamie schaute in ihre mitternachtsschwarzen Augen und sah Furcht.
Bevor er etwas zu ihr sagen konnte, ergriff Stacy das Wort. »Ich habe eine volle Woche im Plan freigeräumt. Ich erwarte, dass ihr in spätestens sieben Tagen wieder hier seid.«
»Außer, wenn wir Marsmenschen finden«, witzelte Dex.
Stacy gestattete sich ein steifes Lächeln, das ihre strenge Fassade durchbrach. »Wenn ihr etwas Überraschendes findet, werden wir den Plan natürlich umschreiben müssen.«
Jamie dachte, dass sie sich in eine Bürokratin verwandelte, die sich mehr Sorgen um den Plan machte als darüber, was sie entdecken mochten. Aber sie bewältigt ihre Aufgabe als Expeditionsleiterin besser, als ich es getan habe, gestand er sich ein.
»Die vorgesehenen Exkursionen zu den Vulkanen und noch einmal zum Boden des Canyons müssen bis zu eurer Rückkehr warten«, rief ihnen Stacy ins Gedächtnis. »Unsere gesamte Erkundungsarbeit ist gestoppt, bis ihr wieder hier seid.«
»Ich verstehe«, sagte Jamie leise.
»Die Schwebegleiter haben eure Route detailliert verzeichnet«, fuhr Stacy fort.
»Wir haben das Bildmaterial«, erwiderte Dex.
»Tja … dann alles Gute.« Sie streckte Jamie die Hand hin. Sie zitterte ein wenig. Sie ist genauso aufgeregt wie ich, erkannte Jamie. Aber sie verbirgt es ziemlich gut.
Dex gab ihr die Hand und warf Vijay dann eine Kusshand zu. Jamie hätte sie gern in die Arme genommen, aber er wusste, das würde in dem hartschaligen Raumanzug unbeholfen und töricht wirken. Sie schaute ihm in die Augen, und er sah Angst, Nervosität und noch etwas anderes, was er nicht einordnen konnte. Aber sie macht sich Sorgen, dachte er. Sie macht sich Sorgen um mich. Oder um Dex.
»Viel Glück«, sagte sie und achtete sorgfältig darauf, dass ihre Stimme ruhig und neutral klang.
»In spätestens einer Woche sind wir wieder da«, versicherte ihnen Dex.
Jamie beachtete die anderen nicht. Sein Blick war nur auf Vijay gerichtet.
»Kommt heil und gesund wieder«, sagte sie und sah ihn direkt an.
Er nickte in seinem Helm. Ich komme zu dir zurück, wollte er sagen. Aber vor all den anderen, vor Dex brachte er die Worte nicht über die Lippen.
Stattdessen klappte er das Helmvisier herunter und machte sich auf den Weg zur Luftschleuse.
»Handschuhe!«, rief Wiley Craig. »Jamie, du musst deine Handschuhe anziehen!«
Jamie blieb abrupt stehen. Seine Handschuhe mit den kraftverstärkenden Miniatur-Servomotoren auf dem Handrücken lagen noch auf der Bank vor seinem Spind, wie zwei tote Hummer.
»Herrgott«, knurrte Craig und reichte Jamie die Handschuhe, »wozu hamwer denn 'ne Checkliste, wenn du sie einfach ignorierst?«
»Danke, Wiley.« Jamie zog sich die steifen Handschuhe an und verschloss die Manschetten um seine Handgelenke.
»Jamie will seine Marsianer mit bloßen Händen fangen und dann an den Marterpfahl binden«, scherzte Dex.
Jamie hielt seine behandschuhten Hände hoch und sagte durchs geschlossene Visier: »Ich werd sie nicht noch mal vergessen.«
»Einmal reicht, dann biste tot«, brummte Craig.
Jamie sah erneut Vijay an. Sie wirkte sehr bekümmert.
Die stets praktisch veranlagte Stacy sagte in bestimmtem Ton: »Ihr beiden überprüft einander ausführlich, bevor ihr den Rover verlasst. Jedes Mal. Meldet euch bei mir, wenn ihr rausgeht, dann gehen wir die Checkliste zusammen durch. Verstanden?«
»Ja, Mama«, sagte Dex mit einem Lachen.
Jamie hielt das für eine verdammt gute Idee.
Vijay löste Rodriguez bis zum Abendessen an der Kommunikationskonsole ab, dann kam der Astronaut ins Kommunikationszentrum zurück.
»Essenszeit«, sagte er und machte mit seiner verbundenen Hand eine Geste in Richtung Messe.
»Warum isst du nicht erst mal was«, erwiderte Vijay. »Ich komme hier schon klar, bis du fertig bist.«
»Hab schon gegessen.« Rodriguez ließ sich auf dem Stuhl neben ihr nieder. »So langsam krieg ich raus, wie das mit einer Hand geht.«
Vijay grinste ihn unwillkürlich an. »Du meinst, du brauchst dich von Trudy nicht mehr füttern zu lassen?«
Seine dunklen Wangen röteten sich merklich. »Nee. Aber sag's ihr bloß nicht!«
Vijay lachte.
»Geh schon essen«, sagte Rodriguez. »Wenn sich die beiden melden, ruf ich dich, okay?«
Widerstrebend nahm Vijay das Headset ab. »Okay.«
Dex schickte einen Routineanruf durch, als sie Halt machten, um zu übernachten; rein geschäftsmäßig, nichts Persönliches. Vijay stocherte in ihrem Abendessen herum und ging dann in ihre Unterkunft.
Stacy fing sie ab. »Komm in mein Büro«, sagte sie. »Wir müssen uns unterhalten.«
Vijay folgte Stacy in ihre Kabine und setzte sich auf den harten kleinen Schreibtischstuhl. Stacy ließ sich auf dem Rand der Liege nieder.
»Ist dir klar, warum ich beschlossen habe, Dex mit Jamie loszuschicken?«, fragte Stacy ohne Einleitung.
»Damit Jamie sich keine Sorgen darüber macht, dass Dex hier bei mir ist, während er draußen auf der Exkursion ist.«
»Zum Teil, ja.«
Vijay spürte, wie sich ihre Augenbrauen in einer stummen Frage hoben.
»Darüber hinaus wollte ich Dex nicht hier haben, wo er — wie sagt man? — dich anmachen könnte.«
»Damit wäre ich schon fertig geworden«, sagte Vijay verächtlich.
»Vielleicht. Aber so gibt es überhaupt kein Problem. Du brauchst dich gar nicht erst damit zu befassen.«
»Vielen Dank.«
»Ich habe es nicht für dich getan, Vijay, sondern für Jamie. Ich wollte nicht, dass er sich da draußen deinetwegen Sorgen macht. Er ist ein zu guter Mann, als dass er diese Last tragen müsste.«
»Ich verstehe.«
»Und außerdem« — Deschurowa beugte sich ein wenig vor — »bin ich nicht so sicher, wie gut du mit Dex fertig werden würdest. Er kann sehr verführerisch sein.«
»Ich hab meinen Spaß mit Dex gehabt«, sagte Vijay und spürte, wie leiser Ärger in ihr aufbrodelte. »Das ist aus und vorbei.«
»Und mit Jamie hast du auch deinen Spaß gehabt?«
»Ich glaube, das geht dich nichts an, oder?«
Stacy lächelte wie eine geduldige Mutter. »Nein, natürlich nicht. Es ist nur so, dass … dass ich Jamie mag. Ich respektiere ihn. Ich möchte nicht, dass er noch einmal verletzt wird.«
»Noch einmal?«
»Seine erste Ehe. Sie hat ihre Spuren bei ihm hinterlassen, weißt du.«
Vijay nickte. »Ja.«
»Liebst du ihn?«
Überrascht von der Frage, fuhr Vijay auf: »Woher soll ich das wissen? Wie kann sich überhaupt einer von uns über seine Gefühle im Klaren sein, solange wir hier sind? Das ist nicht die wirkliche Welt! Wir sind so weit von der wirklichen Welt entfernt, so isoliert und allein …«
Seltsamerweise wurde Deschurowas Lächeln breiter. »Gut. Das ist eine gute, ehrliche Antwort. Das hatte ich erwartet und erhofft.«
»Wovon redest du?«
Stacy stand von der Liege auf und kam zu Vijay. Sie bückte sich, bis ihr Gesicht ganz nah an dem von Vijay war, und sagte leise: »Es hätte sein können, dass du nur eine heißblütige junge Frau bist, die es genießt, mit starken Männern zu schlafen. Oder schlimmer, eine Närrin, die es für romantisch hält, mit jedem Mann ins Bett zu gehen, der sich zu ihr hingezogen fühlt.«
Vijay schoss hoch.
»Werde nicht wütend«, sagte Deschurowa rasch. »Ich war mir ziemlich sicher, dass du nicht so bist, aber ich musste es selbst herausfinden. So eine Frau könnte dieses Team zerstören. Jemand könnte schlimm verletzt werden, vielleicht sogar ums Leben kommen.«