NACHMITTAG: SOL 101
Jamie baumelte sechshundert Meter unter dem Rand der Klippe. Er schwang im Klettergeschirr hin und her, und die rötliche Felswand mit ihrer Schichtenstruktur war nur eine Armeslänge von ihm entfernt. Er berührte sie mit einem gestiefelten Fuß, dann stieß er sich ab. Er kippte Schwindel erregend vor und zurück wie ein Kind auf einer Schaukel.
»Bin fast da«, grunzte er. Er merkte, dass er keuchte und schwitzte, obwohl die motorisierte Winde den größten Teil der Arbeit erledigte.
»Immer mit der Ruhe.« Dex' Stimme klang angespannt und rau in seinen Helmlautsprechern. Die beiden Männer hatten nach ihrem Streit am Vorabend praktisch nur noch das für die Arbeit Nötigste miteinander gesprochen.
Jamie wurde bewusst, dass er sein Leben Dex anvertraute, der oben an der Winde mit dem Seil stand, an dem er hing. Er hätte fast in sich hineingelacht. Unser Streit ist rein philosophisch. Aber dann dachte er an Vijay und erkannte, dass der Streit nach ihrer Rückkehr zur Kuppel ziemlich schnell handgreiflich werden konnte.
Behutsam drückte er auf die Windensteuerung. Die Felswand glitt an ihm vorbei, aber zu schnell; sie verschwamm beinahe vor seinen Augen. Er hob den behandschuhten Finger vom Kontrollknopf, und das Geschirr stoppte ruckartig, sodass er noch heftiger schaukelte als zuvor. Er knallte mit der Schulter gegen den Felsen und grunzte, als ihm der Aufschlag die Luft aus den Lungen trieb, dann streckte er wieder die Beine aus, um den nächsten Stoß abzufangen.
»Alles in Ordnung?«
»Ja. Alles okay«, antwortete Jamie.
»Von deinen Bildern werde ich seekrank«, beschwerte sich Dex.
Die an Jamies Helm befestigten VR-Kameras zeichneten alles auf, nicht so sehr zu Showzwecken, sondern damit man den Abstieg optisch verfolgen konnte. Dex hatte oben am Rand des Canyons einen tragbaren Monitor neben der Winde aufgestellt.
Widerstrebend blickte Jamie nach unten. Die Spalte in der Felswand befand sich noch immer mehrere hundert Meter unter ihm. Und der Grund des Canyons schien noch Tausende von Kilometern tiefer zu liegen und rhythmisch zu schwanken, so tief unten, dass er wie ein blutroter Teppich aussah, der nur darauf wartete, dass er ihm entgegen stürzte.
Na, wie sieht das aus, du Klugscheißer, fragte er Dex stumm.
Dann hob sich sein Magen. Jamie klammerte sich mit beiden Händen an dem dünnen Buckyball-Seil fest. Er schloss die Augen und sagte sich, dass das Seil über eine Tonne Gewicht tragen konnte, dass er selbst auf dem Mars nur ein Drittel seines irdischen Gewichts wog, dass das Geschirr ihn sicher hielt und noch nie gerissen war.
Trotzdem war es noch ein langer Weg bis nach unten. Ein langer Weg. Er lehnte sich so weit zurück, wie er es wagte, schaute durch die Sichtscheibe seines Helms nach oben und stellte fest, dass es auch ein langer Weg zum Rand des Canyons war.
Er fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und sprach in sein Helmmikrofon: »Okay, noch einmal, das müsste reichen.«
»Sei vorsichtig«, mahnte Dex.
»Klar«, sagte Jamie und fügte wortlos hinzu: Toller Rat. Als ob es ihm nicht scheißegal wäre.
Er drückte so behutsam auf den Bedienungsknopf, wie er konnte, berührte ihn kaum, und die Felswand glitt langsamer vorbei. Vielleicht hab ich den Trick allmählich raus, sagte sich Jamie. Die Fahrt in die Tiefe ging noch gleichmäßiger vonstatten, als er den Finger völlig regungslos auf dem Knopf hielt und zusah, wie die Felswand vor seinen Augen nach oben rollte, Schicht um Schicht, Rot und Braun, Rosa und gebleichtes Hellbraun, ein Streifen gelbliches Weiß, ein Fleck aus glänzendem Silber — offenbar Sedimentablagerungen aus einer Zeit vor Milliarden von Jahren, als der Mars noch jung gewesen war und ein Ozean die heutige öde, wasserlose Wüste bedeckt hatte.
Und dann hatte sich das Land geteilt, war auf einer Länge von Tausenden von Kilometern aufgerissen, eine schartige Wunde, die eine acht Kilometer tiefe Narbe hinterlassen hatte; im Vergleich zu ihr sah der Grand Canyon von Arizona wie ein Grübchen aus. Was hatte diesen Bruch verursacht, was konnte einen Canyon aufreißen, der so breit war, dass man nicht mal die andere Seite sehen konnte, weil sie hinter dem Horizont lag?
Eine Plattentektonik wie auf der Erde konnte es nicht sein. Der Kern des Mars war nicht lange genug so heiß gewesen, um einen solchen Grabenbruch zu erzeugen.
Eine Spalte kam vor ihm herauf, und Jamie stoppte die Winde. Aber es war nur ein Loch in der Canyonwand, eine lange, schmale Höhle, dunkel und leer. Keine Navajos, die sich darin vor Carson und seinen verräterischen Utah-Indianerscouts versteckten.
Er fuhr weiter nach unten. Kein Laut außer seinem Atem; die Winde war nun mehr als einen Kilometer über ihm, oben am Rand des Canyons bei Trumball.
Das Gestein begann wieder zu verschwimmen. Zu schnell. Jamie lockerte den Druck seines verkrampften Fingers, und die Abwärtsfahrt verlangsamte sich.
Er schaute erneut nach unten und sah den dunklen Rand der Nische zwischen seinen baumelnden Stiefeln.
Gleich war er da. Noch ein paar Meter. Langsam, schmerzhaft langsam ließ er sich hinunter.
Es war eine riesige Einbuchtung in der Wand des Canyons, so groß wie die Höhle auf der Mesa Verde, vielleicht noch größer. Ein schwerer Felsüberhang, der sie vor dem Wetter schützte — nicht dass es in den letzten tausend Millennien viel Wetter auf dem Mars gegeben hätte.
»Ich bin bei der Nische«, meldete er in sein Helmmikro. »Gehe auf manuelle Steuerung.«
Einen Moment lang kam keine Antwort, dann sagte Dex' Stimme angespannt: »Ich kriege dein Kamerabild. Sieht gut aus.«
Jamie nickte. Wenn mir irgendwas zustößt, haben sie alles auf Video. Bilder für die Touristen.
Mitten in der Luft hängend, schaltete er die Windensteuerung aus und begann, sich per Hand langsam und vorsichtig hinunterzulassen. Dabei spähte er in die verschattete Nische in der Felswand.
Sie war da! Jamie sah eine glatte Mauer aus gräulichem Rosa, eine Art Sandstein, die sich vom Boden der riesigen Höhle erhob. Sie war so schnurgerade, dass es sich unmöglich um eine natürliche Formation handeln konnte. Sie war gebaut worden, errichtet von intelligenten Wesen.
Eine Ewigkeit hing er dort im Geschirr, schaukelte leicht hin und her und starrte nur die Mauer an, die sich in die schattigen Höhen der Spalte erhob, fast bis zur Felsendecke hinauf. Er fühlte, wie ihm das Herz gegen die Rippen schlug.
»Alles in Ordnung mit dir?«
Dex' Stimme weckte ihn aus seiner ehrfürchtigen Benommenheit.
»Siehst du das?«, rief Jamie. Seine Stimme war schrill vor Begeisterung.
»Ja, ich hab's auf dem Monitor. Sieht wirklich wie eine Mauer aus.«
»Es ist eine Mauer! Eine Mauer, die jemand gebaut hat!«
»Zieh keine voreiligen Schlüsse«, warnte Dex. Seine Stimme klang angespannt und heiser.
Langsam und bedächtig drehte Jamie den Kopf von einer Seite zur anderen, sodass die von seinen Augenbewegungen gesteuerte Helmkamera die Wand in ihrer gesamten Länge aufzeichnen konnte.
»Fast hundert Meter lang«, berichtete er. »Ungefähr zehn bis zwölf Meter hoch, schätze ich.«
»Sieht aus, als wäre der obere Rand abgebröckelt«, sagte Dex. »Ist aber schwer zu sagen, weil er im Schatten liegt.«
»Abgebröckelt, zerbrochen, ganz recht«, sagte Jamie. »Muss ziemlich weiches Material sein. Sandstein oder so was in der Art.«
»Kannst du erkennen, wie dick sie ist?«
»Von hier aus nicht.«
Keine Reaktion von oben. Er weiß, was als nächstes kommt, sagte sich Jamie.
»Ich gehe rein«, sagte er.
Sofort erwiderte Dex: »Nein! Es ist schon zu spät, die Sonne geht in ungefähr einer Stunde unter. Die Mauer ist morgen auch noch da.«
»Ich schaff das schon«, sagte Jamie. »Ich hab auf der Erde genug Berge bestiegen, um das hinzukriegen.« Wortlos fügte er hinzu: Zur Hölle mit morgen. Ich gehe jetzt da rein.