Er hakte die mit einer Sprungfeder versehene Seilpistole von seinem Gerätegürtel, packte sie mit beiden behandschuhten Händen und zielte auf den Steinboden der Nische statt auf die Mauer selbst. Sandstein konnte nachgeben, sagte er sich, aber in Wirklichkeit wusste er, dass es ein Sakrileg wäre, die Mauer zu verunstalten.
Jamie drückte den Abzug durch, und das Seil schoss heraus. Die Pistole vibrierte in seiner Hand, während es sich abspulte. Der Motordorn grub sich mit einem dumpfen Laut in den Steinboden. Er hörte das Knirschen trotz der dünnen Luft. Er befestigte die Pistole wieder an seinem Gürtel, und das Seil straffte sich automatisch. Jamie zog prüfend daran; es schien zu halten.
»Verdammt, Jamie, wenn du jetzt nicht raufkommst, starte ich die Winde und ziehe dich hoch! Mach schon. Jetzt sofort!«
Jamie beachtete Dex' Aufforderung nicht. Vorsichtig zog er sich in die Spalte, eine Hand über die andere, bis seine Stiefel den Steinboden der Nische berührten. Die Mauer ragte rötlich-braun über ihm auf, massiv und still.
Jamie bückte sich und verankerte das Seil an seinem Geschirr mit zitternden Händen an dem Dorn im Boden. Er arbeitete mit unnatürlichen, bewusst langsamen Bewegungen. Innerlich bebte er; am liebsten wäre er losgerannt und hätte die Felsenbehausung erforscht, aber zunächst einmal musste er das lebenswichtige Seil sichern, das ihn wieder zum Rand der Canyons hinauftragen würde. Wie ein Betrunkener, der zeigen will, dass er nüchtern ist, band Jamie das Seil mit übertriebener Präzision fest.
»Dein Bild bricht zusammen«, kam Dex' Stimme unter dem Geknister atmosphärischer Störungen aus seinen Helmlautsprechern. »Der Felsen behindert die Übertragung.«
»Lässt sich nicht ändern«, sagte Jamie. Er begann, das Geschirr abzunehmen. Seine Hände zitterten so sehr, dass er drei Versuche brauchte, um es vollständig zu öffnen.
»Jamie, du musst jetzt raufkommen«, drängte Dex. Seine Stimme war schwach, fern, von atmosphärischen Störungen zerkratzt.
»Eine halbe Stunde«, sagte er geistesabwesend, als er schließlich aus dem Geschirr stieg und aufrecht und frei auf dem Boden der Spalte stand. Innerlich bebte er.
»Geh nicht … warte bis …« Dex' Stimme klang nervös und quengelig, »… Stacy … aus der Kuppel … kriegt einen Tobsuchtsanfall …«
Jamie ignorierte ihn. Er blickte zu der Mauer hinauf, die sich vor ihm erhob, der Mauer, die von Marsianern erbaut worden war. Hoch oben, knapp unter dem Felsendach, sah er rechteckige Öffnungen. Eine ganze Reihe, von einem Ende der Mauer zur anderen.
Fenster! Es sind Fenster! Was von draußen wie eine unterbrochene, zerbröckelte Dachlinie ausgesehen hatte, war in Wirklichkeit eine Reihe von Fenstern, die in den Canyon hinausblickten. Seine Knie waren wie Gummi, seine Eingeweide flatterten.
Sie waren hier, Großvater, sagte er in seinen Gedanken. Sie waren wirklich hier. Jamies Blick verschwamm, und er merkte, dass ihm Tränen in den Augen standen.
In seinen Helmlautsprechern war es jetzt still, bis auf das leise Zischen atmosphärischer Störungen. Die Stimmen von oben konnten ihn hier nicht mehr erreichen. Jamie war allein mit den Geistern aus uralter Vergangenheit.
Das Bauwerk war alt. Obwohl Jamie von dem unförmigen Raumanzug umschlossen war, fühlte er die Jahrtausende, die Äonen, seit denen diese Mauern hier standen. Die massiven, stummen Steine strahlten Alter aus, unermessliche Zeiträume, zahllose Generationen der Hoffnung, des Glaubens und der Ausdauer. Das brünierte, sterbende Licht der fernen, untergehenden Sonne tauchte die Mauern in einen rötlichen Schein, sodass sie von innen heraus zu leuchten schienen.
Alt, unglaublich alt. Älter als die Felsenbehausungen der Alten. Älter als das Parthenon. Älter als die Pyramiden. Und all diese Zeit hatte dieses Bauwerk hier in seiner Felsnische gestanden und gewartet, gewartet.
Auf mich. Auf uns. Darauf, von Menschen von der blauen Welt gefunden zu werden, sagte sich Jamie.
Blinzelnd schritt er die Steinmauer ab, zwang seine zitternden Beine, ihn zu tragen. Sein Geologenverstand fragte: Wie alt? Was für Materialien? Welcher Zweck? Aber in seinem roten Herzen wusste er: Intelligente Wesen hatten diese Gemeinschaft, dieses Dorf vor Jahrmillionen in dieser geschützten Felsbucht errichtet.
Vor Jahrmillionen.
Sie waren hier gewesen! Was war aus ihnen geworden? Wohin waren sie verschwunden?
»Kriegst du diese Bilder?«, fragte er.
Keine Antwort.
Jamie zwang sich, zu dem Dorn und dem festgebundenen Seil zurückzugehen. Er sah, dass der Himmel dunkel zu werden begann. Das bisschen Sonnenlicht, das dem Tag noch blieb, spendete keine Wärme.
»Hörst du mich, Dex?«
»Ja! Du musst raufkommen. Die Sonne geht gleich unter.«
»Komm runter«, sagte Jamie. »Ich schicke dir das Geschirr rauf.«
»Nein! Ich kann nicht.«
»Dex, du solltest dir das lieber nicht entgehen lassen. Wenn wir Stacy und den anderen Bericht erstatten, sollten wir's gemeinsam tun.«
Einen langen Moment blieb es still. Dann sagte Dex: »Wir haben nur noch ungefähr eine halbe Stunde Tageslicht. Vielleicht weniger.«
»Das reicht.« Jamie löste das Seil von dem Dorn, der sich in den Steinboden gegraben hatte. Das Geschirr schwang über den Rand der Spalte hinaus ins Freie.
»Hol es rauf«, befahl er Trumball. »Mit Höchstgeschwindigkeit. Verschwende keine Zeit.«
»Die Sicherheitsvorschriften …«
»Hier unten waren Marsianer, Dex. Lebende, intelligente, bauende Marsianer.«
Das Geschirr verschwand ruckartig nach oben.
Während er auf Dex wartete, ging Jamie tiefer in die Spalte hinein, an der Seitenwand des Dorfes entlang. Er sah niedrige Eingänge in der Mauer und — im Halbdunkel am hinteren Ende der Höhle — eine kreisrunde Grube.
Ein Brunnen?, fragte er sich. Zu groß. Eine Kiva? Er lachte nervös. Fang nicht damit an. Auf der Mesa Verde wäre es eine Kiva, aber das heißt nicht, dass die Marsianer religiöse Zentren derselben Art gebaut haben. Zieh keine voreiligen Schlüsse.
Aber was könnte es sonst sein, fragte eine Stimme in seinem Kopf.
Geduld, flüsterte sein Großvater. Man kann nicht alle Türen auf einmal öffnen.
»Ich komme runter«, kam Dex' nervöse, unglückliche Stimme knisternd aus seinen Helmlautsprechern.
»Prima.«
»Niemand passt auf die Winde auf, weißt du.«
»Die läuft schon nicht weg«, sagte Jamie. »Wir haben sie fest und sicher verankert.«
»Hoffentlich.«
Jamie ging an dem Gebäude entlang und kämpfte dabei gegen den irrationalen Drang an, seinen Raumanzug zu öffnen, damit er ungeschützt vor diesen alten Steinen stehen und sie mit bloßen Händen anfassen konnte.
Der Himmel über dem fernen Horizont ging von Orange zu Violett über, als Dex in Sicht kam; er baumelte in dem Geschirr. Jamie wünschte, er könnte das Gesicht des Mannes sehen — könnte sehen, wie ihm beim ersten Blick auf das Bauwerk die Augen aus den Höhlen traten.
Er hörte, wie Dex scharf die Luft einsog. »Heilige Mutter Gottes, wie alt mag das sein?«
»Um das herauszufinden, sind wir hier«, sagte Jamie.
LICHTGESCHWINDIGKEIT
Vijay spürte die Enge, als sich alle sechs Forscher im Kommunikationszentrum zusammendrängten. Rodriguez saß an der Konsole, die verbundene Hand in einer Schlinge vor der Brust. Stacy Deschurowa saß neben ihm. Niemand gab einen Mucks von sich; nicht einmal ein Atemzug war zu hören, als sie auf den Hauptbildschirm starrten.
»Wir müssen jetzt in den Rover zurück«, sagte Jamie. Seine Stimme klang müde und ausgelaugt. »Ich wollte nur sicherstellen, dass ihr alle das seht. Es ist ein Bauwerk, so viel steht fest. Hier hat es intelligente Marsianer gegeben.«