Vijays Hals war trocken, obwohl sie in der heißen, vollgestopfen Kabine schwitzte.
»Ich habe nicht geglaubt, dass es wirklich existiert«, gab Deschurowa mit leiser, hohler Stimme zu. »Bis eure Bilder hereingekommen sind, habe ich nicht geglaubt, dass es wirklich existiert.«
»Es existiert«, sagte Jamie. »Du solltest jetzt Tawara informieren.«
Pete Connors döste in seinem Liegestuhl friedlich vor sich hin. Es war Sonntag Nachmittag. Die Sonne brannte heiß auf ihn herunter, aber die vom Riff hereinkommende Brise war angenehm kühl. Er hatte sich in seinem kleinen tragbaren Fernseher das abendliche Footballspiel der Kansas City Chiefs gegen die Philadelphia Eagles angesehen, war jedoch mitten in einem punktlosen Abwehrkampf eingeschlafen.
Er erwachte, als seine Frau ihn grob an der Schulter rüttelte. »Wa … wasislos?«
Ihre Stirn war gerunzelt. »Anruf vom Büro. Du sollst sofort rüberkommen. Höchste Priorität, sagen sie.«
Connors rappelte sich vom Liegestuhl hoch und wäre dabei fast über seine eigenen Beine gestolpert.
»Was, zum Teufel, ist denn nun wieder los?«, murmelte er.
Er gab seiner Frau einen flüchtigen Kuss auf die Wange, lief von der Veranda um die Ecke zur Garage, sprang auf sein Elektromotorrad und trat wie wild in die Pedale, während er die Siedlungsstraße entlangfuhr, die zur Hauptstraße der Insel führte.
Keine zehn Minuten später sah er sich mit großen Augen Jamies Videoaufnahmen von der Felsenbehausung an.
»Ach du lieber Gott«, sagte er ehemalige Astronaut und sank auf einen Stuhl vor dem Bildschirm. »Das ist der absolute Hammer.«
Die Leute, die sich im Kommunikationszentrum mit den Ziegelwänden um ihn scharten, machten ebenfalls große Augen; einige grinsten, anderen stand vor Ehrfucht der Mund offen.
»Überspielen Sie das sofort in die IUK-Zentrale«, sagte Connors.
»In New York ist Samstagabend«, erinnerte ihn einer der Assistenten. »Da haben die bestimmt zu.«
»Vielleicht sollten wir's direkt an die Nachrichtenmedien weiterleiten?«, schlug jemand vor.
»Nein!«, fuhr Connors auf. »Das IUK muss es bekannt geben, nicht wir. Holen Sie mir den Vorstandsvorsitzenden ans Telefon, wo immer er sein mag. Und Li Chengdu in Princeton.«
»Was ist mit Mr. Trumball?«
Connors holte tief Luft. »Ja, Trumball auch. Er wäre ziemlich sauer, wenn wir ihn nicht sofort anrufen würden.«
Walter Laurence nippte an einem Martini, während er das Schmücken des Familienweihnachtsbaums beaufsichtigte. Früher hatte er diese Aufgabe gefürchtet, aber als Großvater fand er es nun recht spaßig, seinen erwachsenen Kindern dabei zuzusehen, wie sie sich abmühten, ihre frechen Gören daran zu hindern, den Zierat zu zerbrechen und alles endgültig zu ruinieren.
Er saß in seinem Lieblings-Ohrensessel am Kamin und wünschte, es würde schneien. Es hatte schon seit Ewigkeiten kein weißes Weihnachten mehr gegeben, und dabei war der Central Park im Schnee immer so hübsch. Jetzt lag er grau und kahl draußen vor seinem Fenster im neunzehnten Stock und sah schmutzig aus.
Der Butler brachte ihm das Telefon und stellte es behutsam auf den Sherry-Tisch neben dem Ohrensessel. »Tarawa, Sir.« Er sprach es immer noch Ta-ra-wa aus statt so, wie es sich gehörte, stellte Laurence genervt fest.
Laurence fragte sich, was für eine Katastrophe Tarawa dazu bewog, am Samstag vor Weihnachten anzurufen, und drückte auf eine Taste.
Auf dem winzigen Bildschirm erschien Pete Connors' dunkles Gesicht. Er grinste von einem Ohr zum anderen und zeigte dabei eine Menge weißer Zähne.
»Tut mir Leid, wenn ich störe, aber ich dachte, Sie würden das sofort sehen wollen.«
Es dauerte eine Weile, bis Laurence begriff, was er da sah. Sobald ihm klar wurde, dass es sich um ein von Marsianern erbautes Dorf handelte, sprang er auf und stieß einen Jubelschrei aus, der seine Angehörigen dermaßen erschreckte, dass sie fast den Weihnachtsbaum umgeworfen hätten.
Dr. Li Chengdu sah seinen Nachbarn mit dem kühlen, distanzierten Blick eines ausländischen Beobachters bei den Weihnachtsvorbereitungen zu. Sie mühten sich ab, bunte Lichterketten über ihre Häuser zu spannen und kunstvolle Dekorationen auf ihren Rasenflächen anzubringen, und verschuldeten sich immer tiefer, indem sie üppige Geschenke kauften und zu viele Parties gaben.
Ab und zu sprachen sie von der religiösen Bedeutung des Festes, aber soweit Li erkennen konnte, bestand dessen eigentlicher Zweck darin, die Umsätze des Einzelhandels in die Höhe zu treiben. Egal. Er genoss die Aufregung und die allgemeine Heiterkeit, obwohl er darunter oft eine Art verzweifelter Entschlossenheit spürte, alles richtig zu machen und glücklich zu sein, ganz gleich, was für Spannungen es in der Familie gab.
Als Connors aus Tarawa anrief, wirkte der Astronaut aufgeregter als die Kinder in der Nachbarschaft.
»Jamie hat's geschafft!«, platzte Connors heraus. »Es ist wirklich ein Dorf! Von Marsianern erbaut!«
Li sackte halb in seine Lieblingssitzgelegenheit, den bequemen, nachgiebigen Ruhesessel, der auf der ersten Marsexpedition sein einziger Luxus gewesen war, und starrte mit offenem Mund auf den Bildschirm des Telefons, auf dem das marsianische Bauwerk zu sehen war.
Sein Herz pochte unter den Rippen. Auf dem Mars haben intelligente Wesen gelebt. Wir sind nicht allein im Universum! Es gibt auch woanders Leben, ja sogar intelligentes Leben!
Sein Blick schweifte zu seinem Wohnzimmerfenster und den blinkenden Lichtern am Haus und auf dem Rasen seines Nachbarn jenseits der Vorstadtstraße.
Was werden sie empfinden, wenn sie es erfahren? Werden Sie erschrocken sein? Oder aufgeregt? Werden sie darauf brennen, ihresgleichen kennen zu lernen? Oder werden sie Angst davor haben, auf überlegene Wesen zu treffen?
Darryl C. Trumball war an diesem Samstagabend zu Hause und rang mit der Entscheidung, ob er zum Abendessen in seinen Club im Geschäftsviertel gehen oder seiner Frau auftragen sollte, den Koch anzuweisen, etwas für sie beide zuzubereiten.
Connors' Anruf beendete jeden Gedanken ans Abendessen. Trumball starrte die Bilder vom Mars mit offenem Mund an und blaffte dann sofort: »Raus aus der Leitung! Ich muss unverzüglich sechs Dutzend Leute anrufen!«
Connors sagte: »Die Nachrichtenmedien …«
»Lassen Sie mich mit den dämlichen Medien zufrieden! Darum können sich Laurence und seine Lakaien kümmern. Ich rufe Geldleute an, Mann. Die werden jetzt darum betteln, die nächste Expedition finanzieren zu dürfen!«
»Wollen Sie mich auf den Arm nehmen?«, fragte die Chefin der Nachrichtenredaktion.
»Junge Dame«, sagte Walter Laurence, »ich bin der geschäftsführende Direktor des Internationalen Universitätskonsortiums. Meine Leute rufen sämtliche großen Networks und Zeitungen an. Ich habe mich entschieden, Ihr Network persönlich anzurufen, weil ihr Geschäftsführer ein enger Freund von mir ist.«
Warum hast du den dann nicht angerufen, dachte die Chefredakteurin. Sie war eine klapperdürre Frau von siebenunddreißig Jahren mit scharfen Zügen, die in ihrem Job schon mit genug Scherzen und Fälschungen konfrontiert gewesen war. Intelligente Marsianer, du meine Güte, dachte sie.
»Hören Sie, was Sie mir da gezeigt haben, sieht aus wie eine Sozialsiedlung im Adobe-Stil. Und Sie behaupten, die steht auf dem Mars?«
Laurence brauchte eine volle Viertelstunde und alle Geduld, die er aufbieten konnte, um sie zu überzeugen, dass er die Wahrheit sagte. Trotzdem glaubte sie ihm nicht ganz, bis die Monitore über ihrem Schreibtisch — auf denen zu sehen war, was gerade bei den anderen Networks lief — auf einmal allesamt das Filmmaterial von der marsianischen Felsenbehausung zeigten. Selbst das Footballspiel am Samstagabend musste dahinter zurückstehen. Das überzeugte sie schließlich.
Der Präsident der Vereinigten Staaten war verblüfft, als seine wissenschaftliche Beraterin ihn anrief und ihm erzählte, die Marsforscher hätten intelligente Marsianer entdeckt.