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»Haben Sie schon das Verteidigungsministerium benachrichtigt?«, fragte der Präsident sofort.

Die wissenschaftliche Beraterin schüttelte den Kopf. Sie hatte seit Wochen keinen Zugang zum Präsidenten mehr gehabt und war überrascht, um wie viel älter er ohne seine Schminke auf ihrem Wandbildschirm aussah.

In ihrem Büro drängten sich lauter lächelnde, feiernde junge Männer und Frauen. Sektkorken knallten. Man stieß auf die Marsforscher an. Marsianerwitze schwirrten herum: Wie viele Marsianer braucht man, um eine Glühbirne auszutauschen? Weshalb haben Marsianer Kopfschmerzen?

»Mr. President, die Marsianer existieren nicht mehr. Ihr Dorf ist leer. Sie stellen keine Gefahr für uns dar.«

Der Präsident kniff die verschwiemelten Augen zusammen. »Nun, dieses eine Dorf mag verlassen sein, aber es könnte noch andere geben, oder nicht?«

Die wissenschaftliche Beraterin nickte nachdenklich. Da hat er nicht ganz Unrecht. Wenn Waterman und seine Leute ein Dorf gefunden haben, muss es woanders auf dem Planeten noch mehr Dörfer geben.

In ihrem Wohnzimmer in Kansas City saßen die Ziemans eng beieinander auf dem Sofa und starrten auf den Wandbildschirm. Er zeigte zum zwölften Mal dasselbe Bild der marsianischen Behausung.

Die Fünfjährige sagte: »Wie oft wollen sie dieses blöde Bild denn noch zeigen?«

»Das ist auf dem Mars, Dumpfbacke«, schnauzte ihr älterer Bruder sie an.

»Seid still«, brachte Mrs. Zieman die beiden zum Schweigen.

Wieder zeigte der Bildschirm einen ausführlichen, langsamen Schwenk über die Mauer, während die Stimme des Sprechers verkündete: »… erbaut von intelligenten Wesen, die auf dem Planeten Mars gelebt haben, unserem nächsten Nachbarn im All. Auf dem Mars ist es jetzt Nacht, aber morgen früh bei Tagesanbruch werden die Wissenschaftler James F. Waterman und C. Dexter Trumball zu diesem marsianischen Dorf zurückkehren, um mit der wissenschaftlichen Erforschung der ersten Spuren intelligenten Lebens zu beginnen, die jemals außerhalb der Erde entdeckt wurden.«

In Rom war es fast Mitternacht. Pater DiNardo hatte sich in dem hektischen, hupenden, immer nur meterweise vorankommenden Verkehr am Vorabend der Feiertage zum Vatikan durchgekämpft, herbeigerufen von niemand Geringerem als Kardinal Bryan, der angeblich dem Stellvertreter Gottes näher stand als irgendein anderer Mensch auf Erden.

Jetzt saß er in einem kleinen Büro, dessen Wände mit RenAlssance-Fresken von Heiligen und Märtyrern bedeckt waren, während Kardinal Bryan ruhelos auf und ab marschierte.

»Und was hat das nun zu bedeuten, Pater?«, fragte der Kardinal. »Was soll ich Seiner Heiligkeit sagen?«

Bryan war Amerikaner, und es sprach einiges dafür, dass er der erste amerikanische Papst werden würde. Seine irische Herkunft war seinem fleischigen Gesicht mit der schweren Kinnlade deutlich anzusehen.

»Es bedeutet offenbar«, antwortete DiNardo bedächtig, »dass es Gott gefallen hat, auf mehr Welten als nur der unseren intelligente Lebewesen zu erschaffen.«

»Intelligent, sagen Sie.«

»Das müssen sie gewesen sein, wenn sie so ein Dorf für sich erbauen konnten.«

»Intelligent.« Kardinal Bryan schien angestrengt über das Wort nachzusinnen, während er auf und ab ging.

»Intelligent«, erwiderte Pater DiNardo mit fester Stimme.

Der Kardinal drehte sich zu ihm um. »Intelligent, ja. Aber hatten sie eine Seele?«

MORGEN: SOL 102

Großvater Al wartete auf ihn, als er zum Dorf zurückkehrte. Er lächelte unter seinem Hut mit der herabhängenden Krempe, dem schwarzen mit dem silbernen Band, den er gern trug, wenn er zu den Pueblos fuhr.

»Ich hab dir ja gesagt, dass es hier ist, stimmt's?« Al war in eine Lederjacke mit Fleece-Futter eingemummelt und hatte die Hände tief in die Taschen seiner Jeans vergraben. Es war kalt auf dem Mars.

Jamie, der noch seinen Raumanzug trug, schüttelte im Helm den Kopf. »Ehrlich gesagt, kann ich mich nicht dran erinnern, dass du was darüber gesagt hast.«

»Ach, ganz bestimmt hab ich das«, sagte Al. »Zum Teufel, ich hab dich hierher geführt, seit du ein kleiner Junge warst.«

»Ich weiß, Großvater«, sagte Jamie. Sein Raumanzug war verschwunden. Wie Al trug er eine Jeans und eine Windjacke. Und eine himmelblaue Baseballkappe. »Ich bin dir dankbar.«

Al lachte erfreut. »Na komm, Jamie, ich führe dich ein bisschen herum.«

Irgendwo hinter sich hörte Jamie Wasser laufen.

Jamie erwachte abrupt. Er setzte sich auf, sah, dass Dex' Liege leer war, und hörte den Wasseraufbereiter im Waschraum arbeiten.

Der Traum schwand dahin. Jamie war enttäuscht, dass er zu früh aufgehört hatte, dass Al ihm nun nicht mehr das Dorf zeigen konnte, dass sie seine Geheimnisse nicht gemeinsam lüften konnten.

Dex kam aus dem Waschraum. Er wirkte fröhlich und frisch gewaschen. »Sag mal, weißt du eigentlich, dass in zwei Tagen Weihnachten ist?«

Jamie schwang die Füße mit einem Grunzen auf den Boden. »Richtig. Da hatte ich gar nicht mehr dran gedacht.«

»Du hast der Welt ein Wahnsinns-Weihnachtsgeschenk gemacht, Jamie-Boy.«

Er sah den jüngeren Mann an. »Nicht ich. Wir. Wir alle. Du und der Rest des Teams in der Kuppel.«

Dex grinste ihn an. »Du, Kumpel. Du hast uns hierher gebracht. Wir wären nicht hier, wenn du nicht so darum gekämpft hättest.«

Jamie stand auf und wackelte auf dem kalten Plastikboden mit den bloßen Zehen. »Na, jetzt sind wir ja hier. Gehen wir an die Arbeit.«

»Gut.«

Sie schnappten sich ein paar Snack-Riegel und tranken etwas Saft anstelle eines richtigen Frühstücks, weil sie es kaum erwarten konnten, aus dem Rover heraus und zum Dorf hinunter zu kommen. Während Dex in seinen Raumanzug stieg, sah Jamie nach den im Lauf der Nacht eingegangen Nachrichten. Die Liste, so schien es ihm, lief eine halbe Stunde lang über den Bildschirm.

»Alle Welt hat uns was zu sagen«, rief er Dex zu.

Trumball kam in den Stiefeln und dem Unterteil seines Raumanzugs zum Cockpit gestampft.

»Irgendwas von meinem lieben Dad?«, fragte er.

Jamie durchsuchte die Liste in beiden Richtungen und schüttelte dann den Kopf. Connors — oder wer immer an der Kommunikationskonsole Dienst tat — hatte die Botschaften, die er für wichtig hielt, mit Sternchen gekennzeichnet. Jedes Nachrichten-Network hatte einen Stern. Zwei Botschaften hatten Doppelsterne; Jamie öffnete sie. Eine war eine blumige Gratulation von Walter Laurence vom IUK; Jamie hegte den Verdacht, dass sie in Wahrheit eher an die Medien gerichtet war als an ihn. Die andere stammte vom Leiter der archäologischen Abteilung des IUK, einem pergamentgesichtigen, glatzköpfigen Mann mittleren Alters mit stechenden grünen Augen.

»Fassen Sie ja nichts an!«, warnte er viermal hintereinander. »Was immer sich in diesen Bauwerken oder in ihrer Umgebung befindet, fassen Sie nichts an! Ich möchte, dass das absolut klar ist. Fassen Sie nichts an! Bringen Sie nichts durcheinander!«

Trumball lachte. »Ich glaube, er will nicht, dass wir was anfassen.«

Jamie grinste zurück. »Sieht so aus, wie?«

»Warum schickst du ihm nicht eine Antwort und fragst ihn, ob er was dagegen hat, wenn wir uns wenigstens ein paar Souvenirs mitnehmen?«

»Damit er vielleicht einen Schlaganfall kriegt? Nein danke.«

Lachend ging Trumball zum hinteren Ende des Moduls, um sich fertig anzuziehen. Jamie ließ die Nachrichtenliste ein weiteres Mal durchlaufen; nichts von Dex' Vater, aber zwei persönliche Nachrichten für ihn selbst, von Li Chengdu und Pater DiNardo.

Die werden warten müssen, dachte Jamie. Wir haben zu tun, auch wenn wir nichts anfassen sollen.