Der lange Abstieg mit dem Seil war wie eine Wallfahrt, dachte Jamie. Man hatte Zeit, seinen Geist von allem anderen zu reinigen und sich auf das Erlebnis vorzubereiten.
Dex hatte darauf bestanden, eine der Video-Minicams an einem separaten Seil hinunterzulassen, zusammen mit Jamie. Er hatte einen handtellergroßen Transceiver daran angeschlossen, der das Bildmaterial automatisch in die Kuppel übertragen würde. Sie wollten die beiden Geräte auf ein Stativ montieren und dieses am Rand der Spalte aufstellen, sodass sie ein kontinuierliches Bild des Dorfes bekamen und überdies ein Relais hatten, das ihren Anzugfunk auch dann empfing, wenn sie sich in dem Gebäude befanden.
Jamie erreichte den oberen Rand der Spalte und bremste seinen Abstieg dann manuell. Die Morgensonne flutete in die Nische in der Felswand und ließ das Bauwerk in einem warmen Licht erstrahlen.
Es ist noch da, dachte Jamie dankbar. Es war kein Traum. Es existiert wirklich.
Er glaubte zu hören, wie sein Großvater leise über ihn lachte. Natürlich existiert es wirklich, sagte Al. Es hat immer existiert.
Er schwang sich in die Spalte und stellte die Stiefel fest auf den Felsboden. Dann nahm er das Geschirr ab und schickte es wieder zu Dex hinauf, der ungeduldig am Rand des Canyons wartete.
Jamie ging langsam zur nächsten Öffnung in der Mauer hinüber und merkte, dass er Stiefelspuren auf dem Boden hinterließ. Staub. Er sammelt sich hier, von den Stürmen. Ich möchte wissen, ob es sich lohnt, darin zu graben, um zu sehen, was darunter versteckt ist.
Nichts anfassen, hatte der griesgrämige alte Archäologe gesagt. Wie können wir hier sein, ohne etwas anzufassen?
Der Eingang war so breit wie ein normaler Eingang für Menschen, aber nur halb so hoch. Sie waren nicht sehr groß, dachte Jamie. Oder vielleicht war dies ein Zugang für Haustiere oder Vieh.
Er streckte die Hand aus und berührte die Wand. Hart und glatt. Nicht wie Adobe. Irgendein Stein. Schiefer vielleicht?
»Ich komme runter«, rief Dex' Stimme.
»Okay«, sagte Jamie geistesabwesend. Er wollte durch diesen Eingang kriechen und nachsehen, was in dem Gebäude war. Aber er hatte Dex versprochen zu warten, damit sie gemeinsam hineingehen konnten.
Er schaute an der Wand entlang, ins Halbdunkel weiter im Innern der Felsspalte. Zwei weitere Eingänge, beide genauso groß wie dieser.
Auf eine Ahnung hin drehte er sich um und trat an den Rand der Spalte. Er ging daran entlang, während er zuhörte, wie Dex sich grunzend und keuchend abseilte.
Da! Ich wusste, dass es hier irgendwo sein würde. Stufen, in die Felswand gehauen. Etwas ganz Einfaches, nur kleine Kerben im Stein, tief genug, um sich mit einer Hand festzuhalten oder einen Fuß hineinzustecken. Jamie ging langsam auf Hände und Knie und spähte über den Rand. Die Felswand fiel Schwindel erregend bis zum Grund des Canyons ab, Kilometer weiter unten.
Er sah eine unregelmäßige, mäandernde Linie in die Felswand gehauener Stufen. Sie machten sich sämtliche Felsvorsprünge und jede mögliche Stelle zum Ausruhen zunutze. Ist ein verdammt langer Weg hier herauf, vor allem, wenn sie irgendwas hochgeschleppt haben.
Sie hatten Hände und Füße, dachte er. Vielleicht nicht genau dieselben wie wir, aber sie hatten Hände und Füße, die diese Stufen benutzen konnten, um hier heraufzukommen. Vielleicht haben sie am Boden des Canyons ihre Feldfrüchte angebaut.
Was hat sie veranlasst, ihr Dorf so hoch oben zu errichten? Was hat sie dazu getrieben, es hier zu verstecken?
»Wo bist du?«, wollte Dex wissen.
Er sah Trumball in seinem Raumanzug im Geschirr hängen, eine unförmige Gestalt direkt unterhalb des Daches der Spalte. Seine Beine baumelten herab, die Hände waren fest ums Seil geklammert.
»Links von dir, am Rand«, sagte Jamie.
»Oh. Ich dachte schon, die Versuchung wäre vielleicht zu groß geworden.«
»Nein, ich habe auf dich gewartet.« Jamie schaute immer noch zu Dex hinüber, der in dem Geschirr leicht hin und her schwang.
»Was machst du da? Betest du?«
Jamie hievte sich auf die Beine und merkte, dass es so ausgesehen haben musste. In der Kirche war ich zum letzten Mal bei meiner Hochzeit, erinnerte er sich.
»Vielleicht baue ich hier einen Schrein«, sagte er.
»Keine schlechte Idee«, gab Dex zurück.
Jamie ging zu Dex hinüber und packte ihn, als er sich in die Spalte schwang. Sobald er die Füße auf den Boden der Spalte gesetzt hatte, half Jamie ihm aus dem Geschirr und band es an dem Dorn fest, den er am Vortag hier zurückgelassen hatte.
»Okay«, sagte Dex munter. »Schauen wir mal nach, was sie uns hier gelassen haben.«
Jamie führte ihn zum nächsten Eingang.
»Geht's da rein?«
»Entweder hier oder bei einem der anderen.«
Dex grunzte und machte Anstalten, sich zu bücken.
»Denk an das Protokoll«, sagte Jamie. »Egal, was wir da drin finden, wir fassen nichts an.«
»Bis auf die Souvenirs«, witzelte Dex.
»Nichts«, wiederholte Jamie klipp und klar.
»Spielverderber.«
Dex kroch durch die niedrige rechteckige Öffnung in der Mauer und achtete darauf, nicht mit den VR-Kameras anzustoßen. Sie hatten beschlossen, dass er sie heute tragen sollte. Jamie ging auf Hände und Knie und krabbelte hinter ihm in die marsianische Behausung hinein. Er stand in einem Raum auf, der sehr geräumig, aber unangenehm niedrig war; die Videokamera an seinem Helm kratzte an der Decke, sodass Jamie sich ein wenig bücken musste.
»Im Basketball würden wir sie schlagen«, meinte Dex und drehte sich langsam um, während er in die Mitte des Raumes trat.
»Die interplanetarische Olympiade«, sinnierte Jamie.
Die fensterlose Kammer war verblüffend hell, aber völlig leer; der Boden war von einer dicken Schicht aus rötlichem Staub bedeckt.
»Wir sollten Proben von diesem Staub nehmen«, sagte Dex.
»Noch nicht.«
»Also wirklich, Jamie! Dieser alte Furz hat doch nicht gemeint, dass wir nicht mal den Staub am Boden anrühren dürften.«
»Klären wir das vorher mit dem alten Furz«, sagte Jamie. »Oder mit demjenigen, der bei dieser Sache mit uns zusammenarbeitet, wer immer das sein mag.«
Dex schwieg einen Herzschlag lang, dann sagte er leise lachend: »Daheim schlagen sie sich wahrscheinlich gegenseitig tot, um in den Ausschuss zu kommen, der das hier beaufsichtigt.«
Jamie hatte seinen Teil akademischer Machtkämpfe erlebt. »Da könntest du nicht ganz Unrecht haben, Dex.«
»Ich seh's geradezu vor mir, wie sich die Archäologen und Paläontologen gegenseitig an die Kehle gehen.«
»Wissenschaft in ihrer schönsten Form.«
»Tja«, sagte Dex, »wir werden diese Räume mit Seilen absperren müssen, damit die Touristen nicht durchtrampeln.«
Jamies Herz setzte für einen Schlag aus. »Touristen?«
»Wie im Museum, weißt du«, fuhr Dex fort, »da zeigen sie dir einen Raum, in dem irgendein alter König gewohnt hat. Sie sperren den Eingang mit Seilen ab, sodass du reinschauen, aber nichts anfassen kannst.«
»Wir dürfen nicht zulassen, dass Touristen hierherkommen«, sagte Jamie.
»Die stehen wahrscheinlich jetzt schon Schlange, Kumpel. Blättern in ihren Globetrotter-Katalogen, um Raumanzüge und Campingausrüstung für ihre Ferien auf dem Mars zu kaufen.«
»Das ist nicht komisch, Dex.«
Trumball schwieg eine Weile. Dann antwortete er mit leiser Stimme: »Ja. Ich weiß. Aber es wird so kommen, Jamie. Es gibt nichts, was einer von uns beiden tun kann, um das zu verhindern.«
Jamie hatte keine Lust, sich mit Dex zu streiten. Nicht hier, sagte er sich. Nicht jetzt.
»Komm«, sagte er, »sehen wir mal nach, was es hier sonst noch alles gibt.«
»Moment mal eben.« Dex nahm eine Digitalkamera von seinem Gürtel. »Ich mach unterwegs lieber mal ein paar Fotos. Der alte Sesselfurzer wird doch nichts gegen ein Blitzlicht haben, oder was meinst du?«