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»Nur zu«, sagte Jamie und dachte: Wir sollten Proben von den Wänden schaben und versuchen, das Alter dieses Bauwerks zu ermitteln. Der Staub ist wahrscheinlich jüngeren Datums, aus unserer Zeit. Aber wie alt ist das Gebäude?

Dex knipste vor sich hin, während Jamie sich langsam im Kreis drehte, sodass die Videokamera an seinem Helm die Kammer in einem vollen DreihundertsechzigGrad-Winkel aufnehmen konnte.

Dann gingen sie leicht gebückt weiter, von einer Kammer zur anderen, mussten sich jedes Mal, wenn sie durch einen der niedrigen Eingänge krabbelten, auf Hände und Knie herablassen, und schluften wie zwei Affen dahin, als sie durch die uralte Behausung streiften und dabei Stiefelabdrücke im rostfarbenen Marssand hinterließen.

Wie alt ist dieses Bauwerk, fragte sich Jamie immer wieder. Wie lange ist es her, dass hier jemand gelebt hat?

Sie betraten eine größere, zentrale Kammer, die eine rechteckige Öffnung in der Decke hatte.

»Ein Lichtschacht«, sagte Jamie. »So kriegen sie Licht in die inneren Räume.«

»Wie bei dem Palast in Knossos«, pflichtete Dex ihm bei.

Jamie nickte. »Minoisch«, murmelte er. »Uraltes Kreta.«

»Da geht's rauf«, sagte Dex und zeigte auf das quadratische Loch.

Aber es gab weder Treppen noch Leitern, die zum nächsten Stockwerk hinaufführten. Allerdings waren die Decken so niedrig, dass Jamie sich am Rand der Öffnung festhalten und darin hochziehen konnte. Trotz der geringen marsianischen Schwerkraft musste er sich bis zum Äußersten anstrengen, aber dann bekam er oben ein Knie auf den Boden, schleppte sich von der Öffnung weg und stand auf.

»Brauchst du Hilfe?«, fragte er Dex.

»Wenn du das kannst, kann ich's auch.« Jamie hörte ihn grunzen und schnaufen, als er heraufkletterte. Schließlich stand er neben ihm.

»Kinderspiel«, keuchte Dex.

Jamie grinste in seinem Helm.

Langsam arbeiteten sie sich bis zum Dach vor und schritten es in seiner ganzen Länge ab. Der wuchtige, schützende Fels war kaum einen Meter über ihren Helmen. Jamie spürte einen Hauch von Klaustrophobie unter dem massiven, drückenden Gestein, das so dicht über ihm hing.

»Ist alles leer«, sagte Dex. »Kein Möbelstück, kein Korb, keine Tonwaren.«

»Vielleicht ist etwas im Staub begraben«, meinte Jamie. Er wusste, dass er sich an einen Strohhalm klammerte.

»Nee, der Staub ist nicht dick genug, um auch nur eine Tonscherbe zu verbergen.«

»Sie müssen alles mitgenommen haben.«

»Jedenfalls haben sie nichts hier gelassen.«

Das ganze Gebäude war leer. Als wäre es vor Ewigkeiten ausgeräumt worden. Geplündert? Von seinen Erbauern verlassen?, fragte sich Jamie. Warum? Wann?

Und dann kam es ihm erneut mit voller Wucht zu Bewusstsein, und der Gedanke traf ihn so heftig, dass ihm die Knie weich wurden.

Hier haben intelligente Marsianer gelebt! Sie sind vom Boden des Canyons heraufgestiegen und haben diese Behausung erbaut. Wann? Vor wie langer Zeit? Was ist aus ihnen geworden? Wohin sind sie verschwunden?

ABEND: SOL 102

Jamie rutschte unbehaglich auf dem Cockpit-Sitz des Rovers herum und rieb sich die Augen. Er hatte stundenlang vom Kommunikationsbildschirm abgelesen.

»Es kostet mehr Zeit, all diese Botschaften zu beantworten, als wir in dem Dorf verbracht haben«, beschwerte er sich.

Dex saß im Schneidersitz auf seiner Liege. Der Bildschirm des Laptops beschien sein Gesicht. »Jeder will uns gratulieren — und einen Teil des Verdiensts in Anspruch nehmen.«

»Da magst du Recht haben.«

Sie hatten sich die Beantwortung aller Anrufe von der Erde geteilt. Dex erledigte seine Hälfte der Arbeit auf seiner Liege. Jamie merkte, dass ihm der Magen knurrte; ihre übliche Essenszeit war schon lange vorbei. Er hatte bereits einen fünfzehnminütigen Bericht an die Nachrichtenmedien geschickt, von dem jede Station und jede Zeitung, die es wollte, Gebrauch machen konnte. Dabei sah er schon vor sich, wie die Bildredakteure den Bericht auf ein oder zwei kurze Häppchen zusammenstrichen.

»Lass uns eine Pause einlegen und nach dem Essen weitermachen«, schlug Jamie vor.

»Gute Idee — Moment mal! Hier ist was von Pater DiNardo in Rom.« Dex brach in Gelächter aus. »Also, was sagt man dazu? Unser jesuitischer Geologe hat's geschafft, zum Vorsitzenden des Archäologenteams ernannt zu werden. Wenn da nicht jemand kräftig gemauschelt hat.«

»DiNardo? Warte, ich will sehen, was er zu sagen hat.«

Jamie tippte auf der Tastatur zwischen den beiden Sitzen im Cockpit herum, und Pater DiNardos dunkles, breitwangiges Gesicht erschien auf dem Bildschirm der Kontrolltafel.

»… beglückwünsche ich euch von Herzen«, sagte der Priester. »Gott hat euch reich beschenkt. Und mich auch, nehme ich an. Wie gesagt, das IUK hat mich gebeten, den Ausschluss zu leiten, unter dessen Regie ihr das marsianische Bauwerk erforschen werdet.«

Dex grinste Jamie quer durch das Rover-Modul an und fuhr sich mit einem Finger quer über den Hals. Jamie verstand: In den letzten sechsunddreißig Stunden mussten jede Menge Messer im Dunkeln aufgeblitzt sein.

»Da sich die Archäologen und Paläontologen offenbar nicht auf einen der ihren als Ausschussvorsitzenden einigen konnten, hat Dr. Li vorgeschlagen, dass ich diese Aufgabe sozusagen als neutrale Person übernehme, die keine der beiden Seiten bevorzugt.«

»Die Wege des Herrn sind unerforschlich«, witzelte Dex.

»Eine gewisse Anzahl von Anthropologen möchte ebenfalls hinzugezogen werden«, fuhr DiNardo fort, »aber ich weiß nicht so recht, ob Anthropologen besondere Ansprüche auf eine Beteiligung an dieser Untersuchung erheben können. Die Marsianer sind per definitionem eindeutig nicht menschlich. Die Anthropologen möchten jedoch unbedingt mit dabei sein.«

DiNardo wusste, dass es fast eine halbe Stunde dauern würde, bis ihn eine Antwort vom Mars erreichte, und redete darum weiter, ohne auf eine Antwort zu warten, ohne auch nur eine Atempause einzulegen, wie es Jamie schien. Der Mann war aufgeregt, erkannte er. Unter der gelassenen Fassade, die er aufrechtzuerhalten trachtete, war DiNardo genauso aufgeregt wie er selbst.

Und wieso auch nicht, dachte Jamie stumm. Das ist die größte Entdeckung in der Geschichte der Menschheit. Wir sind nicht allein! Es gibt — oder gab — intelligente Geschöpfe auf dem Mars.

Der Priester kam schließlich zum Ende seiner kleinen Ansprache. »Soweit ich weiß, hat man euch bereits gesagt, dass ihr in der Behausung oder in ihrer Umgebung nichts anfassen dürft. Morgen solltet ihr so viele Kameras aufstellen, wie ihr könnt, damit wir möglichst viel vom Äußeren und Inneren des Gebäudes zu sehen bekommen.«

»Haben wir heute schon weitgehend erledigt«, sagte Dex mehr zu sich selbst als zu dem Gesicht auf dem Monitor. Jamie wurde klar, dass DiNardo die zur Erde geschickten Bilder noch nicht gesehen hatte.

»Als Nächstes hätten wir gern eine Tour durch das Gebäude mit dem Virtual-Reality-System. Dadurch bekämen unsere Leute hier ein besseres Gefühl dafür, was ihr dort gefunden habt.«

Jamie nickte. Durchaus sinnvoll, fand er.

Auf dem Bildschirm blickte DiNardo abrupt zu jemandem außerhalb des Bildfelds der Kamera auf. »Ich muss mich jetzt von euch verabschieden. Wir haben eine elektronische Konferenz des gesamten Ausschusses anberaumt, und ich muss den Vorsitz führen. Ich rufe euch morgen wieder an. Auf Wiedersehen, und Gott sei mit euch.«

»Amen«, sagte Dex. »Lass uns jetzt essen.«

Mitten in ihrer Mahlzeit aus Fertiggerichten schaute Dex von seiner Schale auf und sagte: »Diese VirtualReality-Tour, die DiNardo will … das wird eine phantastische Touristenattraktion.«