Es gab keine andere Möglichkeit, und sie näherten sich alle dem Tisch. Marquoz war baß erstaunt, an seinem Platz einen großen Braten vorzufinden.
»Takliss!«sagte er entgeistert. »Gebratener Takliss! Ihr wißt nicht, wie lange das her ist!«
Während sie aßen, erklärte ihnen Mavra verschiedenes.
»Lassen Sie sich als erstes erklären, wie wir hergekommen sind«, begann sie. »Wir hatten häufig anderswo zu tun, zuletzt in M51, und nachdem wir vor ein paar hundert Jahren vorbeigeguckt und gesehen hatten, wie der Kom-Bund mit seinen nicht-menschlichen Rassen zurechtgekommen war und daß alles glatt zu verlaufen schien — wir waren höchst überrascht, darf ich Ihnen sagen —, beschlossen wir dahinzugehen, wo wir gebraucht wurden. Da wären wir noch, wenn Obie nicht gespürt hätte, daß etwas nicht stimmte. Sehen Sie, wir hatten hier tatsächlich ein kleines Beben — wie praktisch jeder Ort im Universum.«
»Obie?«fragte Marquoz.
»Guten Abend, Bürger.«Eine angenehme Tenorstimme tönte aus der Leere. »Mein Name ist eigentlich ein Akronym, aber die Wörter sind so veraltet, daß sie ihren Sinn verloren haben. Mavra, ich dachte schon, Sie stellen mich überhaupt nicht vor!«rügte er.
»Tut mir leid«, sagte sie achselzuckend. »Ich dachte, du möchtest sie dir erst ansehen, bevor sie wissen, daß du hier bist.«
»Ich hab’ es gewußt«, warf Zigeuner kauend ein.
»Richtig«, sagte Obie. »Sie haben manches Interessante an sich, Sir.«
Yua machte einen immer verblüffteren Eindruck, und Marquoz sagte beruhigend:»Er ist ein Computer, meine Liebe. Praktisch befinden wir uns in seinem Inneren.«Er grinste. »Da ich die Aufzeichnungen über die Vernichtung von Neu Pompeii gesehen habe, finde ich das alles natürlich sehr überraschend.«
Mavra Tschang nickte.
»Sie kennen also die Geschichte von Trelig?«
»Wie die meisten heutzutage. Manche Historiker verdanken der Sache ihren Ruf.«Er berichtete kurz von Tortoi Kais Forschungen und dem Grund für die Aufhebung der Geheimvorschriften.
Mavra schüttelte den Kopf, als sie von den Dreel und den Zinder-Vernichtungsgeräten hörte.
»Wir wußten, daß gegen einen äußeren Feind eine Waffe eingesetzt worden war — wir haben viele Funkgespräche abgehört und in den letzten Tagen viele Computeranlagen angezapft. Mit Ihrer Hilfe können wir die letzten Lücken schließen.«
»Aber gern«, sagte Marquoz. »Sagen Sie, wer waren Sie, und woher kommen Sie und alle diese Leute?«
»Obie hat seinen eigenen Untergang natürlich nur vorgespiegelt«, erklärte Mavra. »Die Explosionen, die ihn von Ben Yulins Kontrolle befreiten, haben ihm völlige Alleinkontrolle verliehen. Er ist von allen unabhängig. Als die anderen fortgingen, beschloß ich zu bleiben.«
»Beschlossen hast du zu sterben«, sagte Obies Stimme. »Sie war vom Schacht umgewandelt worden und hatte außer als Mißgeburt im Kom-Bereich keine Aussichten, deshalb blieb sie. Sie ließ die anderen in dem Glauben, sie sei tot, weil sie wußte, daß der Kom-Bund mich sprengen würde, bevor er das Risiko lief, daß ich unkontrollierbar wurde. Ich holte uns heraus, dann schlossen wir uns zusammen. Die anderen — bei der letzten Zählung waren es einundsiebzig — stammen von verschiedenen Rassen, und wir haben sie auf unseren Reisen übernommen. Ausgestoßene mit unserer Zielbewußtheit, könnte man sagen.«
»Mir kamen sie sehr menschlich vor«, warf Yua ein.
Mavra lächelte.
»Obie hat eben gesagt, ich sei verwandelt worden. Ich war mißgestaltet. Er behob das, machte mich zu dem, was ich gewesen war. Er erhält mich jung und in bestem Zustand. Jeder von uns kann jede Gestalt annehmen, die Obie kennt oder sich vorzustellen vermag, mit allen Kräften oder Fähigkeiten, von denen wir meinen, wir brauchten sie.«
»Und welchem Anlaß verdanken wir das Vergnügen dieses Besuches?«fragte Marquoz. »Und weshalb sind wir hier?«
»Warum gerade Sie es sind, nun, das ist eher Zufall«, erwiderte Mavra. »Ein Glück, soviel ich sehen kann. Als Obie den Riß im Raum-Zeit-Kontinuum spürte, sind wir nämlich zuerst zur Schacht-Welt geflogen, um festzustellen, ob der Hauptcomputer beschädigt war.«
Yua hielt den Atem an.
»Sie haben den Heiligen Schacht der Seelen besucht?«
»Heilig hin, heilig her, ich habe auf dieser verrückten Welt viel zuviel Zeit verbracht.«
»War der Schacht nun beschädigt?«fragte Marquoz.
Sie nickte.
»Der Schacht-Computer war durch die eingesetzten, ungebremsten und unzureichend abgeschirmten Vernichtungsgeräte beschädigt«, erläuterte Obie. »Jetzt ist das noch keine große oder klaffende Wunde, aber der Riß im Raum-Zeit-Kontinuum wächst. Der Schaden wird dadurch größer, da es das Loch und nicht der Schacht ist, der den natürlichen Zustand der Dinge darstellt. Der Schacht leistet Außerordentliches, um die Ausbreitung zu behindern, aber ausschalten kann er sie nicht.«
»Als wir den Ursprung des Problems aufgespürt hatten, landeten wir hier«, fuhr Mavra fort, »und konnten den Grund schnell feststellen, obwohl es uns nicht gelang, allzu nah heranzukommen. Obie verspürte so nah an der Verwerfung starke Schmerzen. Deshalb sind wir jetzt etwas weiter hinausgegangen.«
»Aber das erklärt uns nicht«, sagte Yua.
Mavra nickte.
»Darauf komme ich gleich. Nun, ich landete auf einer Grenzerwelt, um mich einzustimmen — seit damals hat der Kom-Bund sich wahrlich verändert —, und als erstes fragten mich ein paar Langberockte, ob ich Nathan Brazil sei. Es dauerte nicht lange, bis ich über die Gemeinde des Schachtes und ihre Führerinnen, die Olympierinnen, informiert war. Es fiel mir nicht schwer dahinterzukommen, wer die Olympierinnen sein mußten, obwohl ich schon maßlos überrascht war. Ich hatte nicht damit gerechnet, daß sie in der Lage sein würden, sich fortzupflanzen, schon gar nicht reinrassig.«
»Den Ersten Müttern wurden zwei männliche Nachkommen geboren«, warf Yua ein. »Darauf haben wir unsere Rasse aufgebaut.«
Mavra nickte und fuhr fort:»Ich sagte mir jedenfalls, daß ich mehr über diese Gemeinde wissen mußte, und zwar schnell, weil wir sie brauchen.«
»Der Riß im Raum-Zeit-Kontinuum erweitert sich sehr schnell«, sagte Obie ergänzend. »Wenn man ihm nicht Einhalt gebietet, wird er den gesamten Kom-Bereich in hundertfünfzig Jahren verschlingen. Allerdings wird er schon in ungefähr hundert Jahren alles Leben vernichtet haben. Dann wird der Riß weitergehen — immer schnell sich ausdehnend. Ich kann ihn nicht reparieren. Das liegt nicht nur außerhalb meiner Kräfte, sondern während er sich erweitert, erzeugt er Störungen in der ganzen Wirklichkeit, wie wir sie kennen. Ich meine, nun, stellen Sie sich die ganze Wirklichkeit, das ganze Raum-Zeit-Kontinuum, als eine Art Bettlaken vor. Reißen Sie es in der Mitte auf und fangen Sie an, von allen Seiten daran zu ziehen. Nicht nur erweitert sich der Riß, sondern durch das ganze Laken laufen Kräuselungen. Der Raum, die Zeit, die ganze Wirklichkeit werden verzerrt und verlieren ihre Stabilität. Im Augenblick bemerken Sie diese Unbeständigkeiten noch kaum, aber sie werden, bevor es zu Ende geht, schlimmer werden, viel schlimmer.«
»Es gibt also nur eines, was wir tun können«, fuhr Mavra fort. »Wir müssen Nathan Brazil finden. Er hätte sofort, als sich das einstellte, zur Schacht-Welt gerufen werden müssen, um den Schaden zu beheben, aber das ist nicht der Fall gewesen. Entweder ist der Mechanismus beschädigt worden, oder er weigert sich aus irgendeinem Grund hinzugehen. Soviel wir wissen, ist er im ganzen Universum der einzige, der den Schacht-Computer reparieren kann. Entweder finden wir ihn, oder unsere Heimat hört auf zu existieren. So einfach ist das.«
Marquoz dachte nach. Er hatte an sich keinen Anlaß, der Frau zu glauben, aber angesichts seiner Kenntnisse auch keinen, an ihren Worten zu zweifeln. Trotzdem, es blieben Fragen.