Er drehte sich einmal um sich selbst und musterte das Gebiet mit dem analytischen Auge des Geologen. Hier ist Wasser geflossen, so viel steht fest. Ein Fluss oder vielleicht eine große Flutwelle, die einen Eisdamm durchbrochen hat.
Man sieht überall die Spuren fließenden Wassers.
»Komm«, rief Craig, »machen wir uns an die Arbeit.«
Sie fotografierten das Gebiet sorgfältig, um Vergleiche mit dem dreißig Jahre alten katalogisierten Bildmaterial des Pathfinders anstellen zu können.
»Das Wasser is von da drüben gekommen«, meinte Craig und zeigte hin. »Is mit ganz schönem Karacho hier durchgerauscht, würd ich sagen.«
»Ja, aber wo ist es hin?«
Craig zeigte zum Boden. »Mal sehen, wie tief es liegt.«
Sie gingen zum Rover zurück und holten den Motorbohrer und anderes Werkzeug. Während Craig nach der Permafrostschicht zu bohren begann, stellte Dex drei Baken jeweils zehn Gehminuten vom Pathfinder entfernt auf.
Die Sonne näherte sich bereits dem sanft gewellten Horizont, als Craig schließlich sagte: »Ich hol die Karre lieber mal her. Hab keine Lust, mich mit dem Teil halb totzuschleppen.«
»Bei dieser Schwerkraft wiegt es keine hundertvierzig Kilo«, gab Dex zu bedenken.
Craig war jedoch schon auf dem Rückweg zum Rover.
»Aber mehr als hundertzehn«, entgegnete er. »Je kürzer die Strecke is, die wir's schleppen müssen, desto besser für uns.
Du willst dir hier draußen doch keinen Bruch heben, oder?«
Dex lachte und fing an, die vom Bohrer heraufgeholten Kerne in isolierte Probengefäße zu stecken. Falls Wiley auf eine Permafrostschicht gestoßen war, so konnte man es nicht ohne Weiteres erkennen; die Bohrung war bis in drei
ßig Meter Tiefe gegangen, ohne dass sich die Beschaffenheit des liegenden Gesteins merklich verändert hätte.
Der Rover kam wie eine riesige Metallraupe quietschend über den roten Sand geschuckelt; seine Räder kletterten über die auf dem Boden verstreuten Steine weg. Craig hielt erst an, als die Luke des mittleren Moduls nicht mehr als fünf Meter von dem stillen, gedrungenen Pathfinder entfernt war.
Mit vereinten Kräften hoben sie die Sonde ächzend hoch, hievten sie mit einem »Pass auf das Schutzschild auf« und
»Okay, ich hab sie« auf den Rand der Luke und setzten sie dort ab. Dann stieg Craig ungelenk ins Modul, und sie verfrachteten den Pathfinder schiebend und ziehend ins Innere.
Schweiß stach Dex in die Augen, während er in sich zusammensank, bis er schließlich dasaß und die Rückseite seines Helms an eins der Metallräder des Rovers lehnte.
»Alles in Ordnung?«, fragte Craig, als er aus der Luke heruntersprang. Zum ersten Mal seit Wochen bemerkte Dex, dass man in der geringen Marsschwerkraft langsamer sprang als auf der Erde.
»Mir geht's gut«, antwortete er. »Ich wünschte nur, ich könnte mir die Augen abwischen.«
»Soll das heißen, du weißt nich, wie du den Arm ausm Ärmel friemelst und die Hand am Halsring vorbeikriegst?«
Dex zwinkerte Schweiß weg. »Willst du damit sagen, du kannst das?«
»Klar.«
»Im Ernst?«
»Klar«, sagte Craig. »Das Problem is bloß, dass du dir dabei die Schulter auskugelst.« Er brach in raues Gelächter aus.
Dex machte ein saures Gesicht, aber es nützte nichts, da Wiley nicht durch die getönte Sichtscheibe schauen konnte.
»Komm schon«, sagte Craig und hielt Dex eine beschuhte Hand hin, um ihn auf die Beine zu ziehen. »Holen wir den kleinen Burschen, dann machen wir Schluss für heute.«
Sie stapften langsam zu dem winzigen Sojoumer-Rover hinüber, der immer noch treu und brav so dastand, dass sein Alpha-Proton-Röntgenstrahl-Spektrometer fast den knolligen Felsen namens Yogi berührte. Auf dem Mars wog er keine elf Pfund, sodass Dex ihn mühelos hochheben konnte.
Als er sich umdrehte, um zum Rover zu gehen, sah er, wie Craig sich bückte, eine mühselige Angelegenheit in dem hartschaligen Anzug.
»Was machst du da, Wiley?«
»Ich bring eine Markierung an, damit die Leute sehn können, wo er gestanden hat.«
»Oh. Hast du das beim Pathfinder auch getan?«
»Jap.«
»Womit markierst du die Stelle?«
»Mit Silberdollars.«
Dex machte große Augen. »Silberdollars? Was, zum Teufel, machst du hier draußen mit Silberdollars?«
Er spürte, wie Wiley versuchte, in dem Anzug die Achseln zu zucken. »Hab ich immer bei mir. Bringen Glück.
Hab sieben Stück gekauft.«
Sie waren fast bei der Luke des Rovers. Dex schaute zu der Stelle hinüber, wo der Pathfinder knapp drei Jahrzehnte lang gestanden hatte. Und wirklich, dort lag ein glänzender neuer Silberdollar.
»Hab damit angefangen, als ich auf den Bohrinseln war«, erklärte Craig. »Die Jungs haben in ihrer Freizeit Karten gespielt, aber nich mit Chips, das kann ich dir sagen. Nur mit Bargeld, sonst gar nichts. Also hab ich angefangen, immer
'n paar Silberdollars mit mir rumzutragen.«
Dex schüttelte nur den Kopf.
»Jamie, ich schicke euch gleich eine halbe Tonne Unterlagen darüber, wie ihr Glasbausteine aus den Materialien vor Ort herstellen könnt«, sagte Pete Connors.
Schmunzelnd betrachtete Jamie Connors' Gesicht auf dem Bildschirm seines Laptops. Ein Glasiglu wäre genau die richtige Lösung für das Gewächshaus. Es müsste nicht mal ein Iglu sein, dachte er, während Connors weitersprach.
Wir könnten einen Würfel über der Gewächshauskuppel errichten und diese dann abmontieren.
Oder vielleicht auch nicht, überlegte er. Die Kunststoffkuppel kann polarisiert werden, sodass sie nachts undurchsichtig ist. Das hält die Wärme im Innern. Glasbausteine kann man nicht polarisieren.
Er wollte gerade seinen Bildschirm teilen und sich die technischen Daten ansehen, als Connors müde seufzte. Seine Stimme wurde ein wenig tiefer.
»Jamie, der alte Trumball macht immer noch Druck, um dich als Missionsleiter loszuwerden. Es spielt keine Rolle, dass Dex und Possum den Sturm heil überstanden haben.
Er will deinen Skalp, und er setzt wirklich alles daran, ihn zu kriegen.«
Jamie hätte beinahe über Connors' Wortwahl gelächelt, dann stellte er sich ganz nebenbei die Frage, warum es ihn nicht störte, wenn der schwarze Astronaut metaphorisch auf die amerikanischen Ureinwohner anspielte, während es ihn ärgerte, wenn Dex Trumball es tat.
Weil du mit Pete nicht in Konkurrenz stehst, gab er sich selbst die Antwort. Weil du so viel mit ihm durchgemacht hast. Weil er dein Freund ist.
Jamie hörte sich Connors' traurige Geschichte bis zu Ende an. Trumball hatte eine Sondersitzung des IUK-Vorstands einberufen. Li Chengdu hatte dem Astronauten erzählt, dass bei dieser Sitzung über die Finanzierung der nächsten Expedition entschieden werden sollte. Die Implikation war klar: Entweder sie entzogen Jamie das Kommando, oder Trumball würde ihnen den Geldhahn zudrehen.
Als Connors endlich fertig war, antwortete ihm Jamie:
»Danke für die Informationen, Pete, für die guten Nachrichten wie auch für die schlechten. Den Tagesbericht habe ich dir auf dem Datenkanal geschickt; es gibt nichts Außergewöhnliches zu vermelden, außer dass Dex und Craig die Pathfinder-Sonde erfolgreich geborgen haben. Morgen früh machen sie sich auf den Rückweg.
Ach, übrigens, Craig möchte lieber Wiley statt Possum genannt werden. Er ist ein bisschen empfindlich in diesem Punkt. Ansonsten sind wir alle wohlauf und gesund. Das wär's für heute.«
Jamie war immer noch im Kommunikationszentrum, als Fuchida hereingehumpelt kam und ihn bat, ins Biologielabor zu kommen.
»Sobald Stacy wieder da ist«, erwiderte Jamie.
Fuchida nickte – es war beinahe schon eine Verbeugung –
und ging.
Fast eine halbe Stunde später klopfte Jamie leise an den Türrahmen des Biologielabors. Fuchida wandte sich auf seinem Drehhocker um und stand rasch auf.