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Verblüfft schaute Jamie über den Tisch hinweg zu Dex und sah, dass er genauso überrascht war.

»Wiley meint, er kann die geologischen Analysen für etwa eine Woche übernehmen …«

»Solang das Kartierungsprogramm nich wieder abstürzt«, unterbrach Craig.

»Dex kann also von seinen regulären Pflichten entbunden werden«, schloss Deschurowa. »Und er ist zweifellos qualifiziert, den Rover zu fahren.«

»Ich schaffe es allein«, meinte Jamie verkniffen.

»Wie schon gesagt, das kommt nicht in Frage«, erklärte Deschurowa.

»Also, wenn ihr mich fragt«, meldete sich Dex mit seinem üblichen unverschämten Grinsen zu Wort, »ich hätte nichts dagegen, noch mal loszufahren. Und ich kann an der Datierung des Gesteins weiterarbeiten, wenn Wiley mir die Daten rüberschickt und Jamie nichts dagegen hat, am Lenkrad zu sitzen.«

Jamies Gedanken überschlugen sich. Ich will Dex nicht auf diesem Trip dabeihaben. Er wird ihn kaputtmachen.

Ruinieren. Irgendwie wird er alles verpfuschen.

Aber dann hörte er die leise Stimme seines Großvaters: Nimm ihn mit. Das ist der einzige Weg, der dir offen steht.

Kämpfe nicht dagegen an. Akzeptiere es.

Sein Blick schweifte von Dex' großspurigem Grinsen zu Vijays Gesicht. Sie wirkte angespannt; ihre großen, dunklen Augen waren auf ihn gerichtet, als wartete sie auf eine Explosion. Wenn Dex mitkommt, wird er nicht hier bei ihr sein, während ich weg bin, dachte Jamie.

Er schaute wieder zu Dex. »Was meinst du, Dex?

Vielleicht jagen wir nur hinter einem Phantom her.«

»Oder wir entdecken die größte Touristenattraktion aller Zeiten«, erwiderte Dex leichthin.

Jamie merkte, wie er mit den Zähnen knirschte. Bei diesem Trip könnte es den ersten Mord auf dem Mars geben, dachte er.

MORGEN: SOL 100

»Ihr habt die besten Brennstoffzellen«, sagte Wiley Craig, als Jamie und Dex in ihre Anzüge stiegen. »Hab sie mit denen in Rover Numero uno ausgetauscht.«

»Mit Staubstürmen dürfte es kein Problem geben«, versicherte ihnen Fuchida. »Das Wetter hat sich stabilisiert. Es ist fast schon Sommer.«

Dex lachte. »Ja. Vielleicht kriegen wir da draußen für 'n paar Stunden Temperaturen über dem Gefrierpunkt.«

Vijay trat beiseite, als die beiden Männer die Arme durch die Ärmel der Raumanzug-Oberteile steckten. Craig half Jamie, Fuchida half Dex.

Stiefel, Unterteil, Oberteil. Die Verschlüsse an den Knöcheln, der Taille und den Handgelenken überprüfen. Tornistergerät. Die Anschlüsse checken: Strom, Luft, Wasser.

»Stacy will euch noch etwas sagen, bevor ihr rausgeht«, erkärte Vijay.

Jamie griff nach seinem Helm auf dem Bord über dem Anzuggestell. »Dann hol sie mal her.«

»Ja«, sagte Dex und zog sich den Helm über den Kopf.

»Wir sind bereit für das große Spiel, Coach.«

Vijay ging rasch fort. Jamie setzte den Helm auf, verschloss den Halsring und führte dann mit Dex den Funkcheck durch.

Stacy kam durch den Gang auf sie zu, der von den Ausrüstungsschränken gebildet wurde. Sie trug den vorschriftsmäßigen Overall. Vijay begleitete sie, und Jamie fiel auf, wie groß, massiv, ja beinahe wuchtig Stacy neben ihr aussah. Vijay, die ebenfalls einen Overall trug, wirkte klein, dunkelhäutig, üppig und blühend.

Und besorgt. Jamie schaute in ihre mitternachtsschwarzen Augen und sah Furcht.

Bevor er etwas zu ihr sagen konnte, ergriff Stacy das Wort. »Ich habe eine volle Woche im Plan freigeräumt. Ich erwarte, dass ihr in spätestens sieben Tagen wieder hier seid.«

»Außer, wenn wir Marsmenschen finden«, witzelte Dex.

Stacy gestattete sich ein steifes Lächeln, das ihre strenge Fassade durchbrach. »Wenn ihr etwas Überraschendes findet, werden wir den Plan natürlich umschreiben müssen.«

Jamie dachte, dass sie sich in eine Bürokratin verwandelte, die sich mehr Sorgen um den Plan machte als darüber, was sie entdecken mochten. Aber sie bewältigt ihre Aufgabe als Expeditionsleiterin besser, als ich es getan habe, gestand er sich ein.

»Die vorgesehenen Exkursionen zu den Vulkanen und noch einmal zum Boden des Canyons müssen bis zu eurer Rückkehr warten«, rief ihnen Stacy ins Gedächtnis. »Unsere gesamte Erkundungsarbeit ist gestoppt, bis ihr wieder hier seid.«

»Ich verstehe«, sagte Jamie leise.

»Die Schwebegleiter haben eure Route detailliert verzeichnet«, fuhr Stacy fort.

»Wir haben das Bildmaterial«, erwiderte Dex.

»Tja … dann alles Gute.« Sie streckte Jamie die Hand hin.

Sie zitterte ein wenig. Sie ist genauso aufgeregt wie ich, erkannte Jamie. Aber sie verbirgt es ziemlich gut.

Dex gab ihr die Hand und warf Vijay dann eine Kusshand zu. Jamie hätte sie gern in die Arme genommen, aber er wusste, das würde in dem hartschaligen Raumanzug unbeholfen und töricht wirken. Sie schaute ihm in die Augen, und er sah Angst, Nervosität und noch etwas anderes, was er nicht einordnen konnte. Aber sie macht sich Sorgen, dachte er. Sie macht sich Sorgen um mich. Oder um Dex.

»Viel Glück«, sagte sie und achtete sorgfältig darauf, dass ihre Stimme ruhig und neutral klang.

»In spätestens einer Woche sind wir wieder da«, versicherte ihnen Dex.

Jamie beachtete die anderen nicht. Sein Blick war nur auf Vijay gerichtet.

»Kommt heil und gesund wieder«, sagte sie und sah ihn direkt an.

Er nickte in seinem Helm. Ich komme zu dir zurück, wollte er sagen. Aber vor all den anderen, vor Dex brachte er die Worte nicht über die Lippen.

Stattdessen klappte er das Helmvisier herunter und machte sich auf den Weg zur Luftschleuse.

»Handschuhe!«, rief Wiley Craig. »Jamie, du musst deine Handschuhe anziehen!«

Jamie blieb abrupt stehen. Seine Handschuhe mit den kraftverstärkenden Miniatur-Servomotoren auf dem Handrücken lagen noch auf der Bank vor seinem Spind, wie zwei tote Hummer.

»Herrgott«, knurrte Craig und reichte Jamie die Handschuhe, »wozu hamwer denn 'ne Checkliste, wenn du sie einfach ignorierst?«

»Danke, Wiley.« Jamie zog sich die steifen Handschuhe an und verschloss die Manschetten um seine Handgelenke.

»Jamie will seine Marsianer mit bloßen Händen fangen und dann an den Marterpfahl binden«, scherzte Dex.

Jamie hielt seine behandschuhten Hände hoch und sagte durchs geschlossene Visier: »Ich werd sie nicht noch mal vergessen.«

»Einmal reicht, dann biste tot«, brummte Craig.

Jamie sah erneut Vijay an. Sie wirkte sehr bekümmert.

Die stets praktisch veranlagte Stacy sagte in bestimmtem Ton: »Ihr beiden überprüft einander ausführlich, bevor ihr den Rover verlasst. Jedes Mal. Meldet euch bei mir, wenn ihr rausgeht, dann gehen wir die Checkliste zusammen durch. Verstanden?«

»Ja, Mama«, sagte Dex mit einem Lachen.

Jamie hielt das für eine verdammt gute Idee.

Vijay löste Rodriguez bis zum Abendessen an der Kommunikationskonsole ab, dann kam der Astronaut ins Kommunikationszentrum zurück.

»Essenszeit«, sagte er und machte mit seiner verbundenen Hand eine Geste in Richtung Messe.

»Warum isst du nicht erst mal was«, erwiderte Vijay. »Ich komme hier schon klar, bis du fertig bist.«

»Hab schon gegessen.« Rodriguez ließ sich auf dem Stuhl neben ihr nieder. »So langsam krieg ich raus, wie das mit einer Hand geht.«

Vijay grinste ihn unwillkürlich an. »Du meinst, du brauchst dich von Trudy nicht mehr füttern zu lassen?«

Seine dunklen Wangen röteten sich merklich. »Nee. Aber sag's ihr bloß nicht!«

Vijay lachte.

»Geh schon essen«, sagte Rodriguez. »Wenn sich die beiden melden, ruf ich dich, okay?«

Widerstrebend nahm Vijay das Headset ab. »Okay.«

Dex schickte einen Routineanruf durch, als sie Halt machten, um zu übernachten; rein geschäftsmäßig, nichts Persönliches. Vijay stocherte in ihrem Abendessen herum und ging dann in ihre Unterkunft.