SAUERFLEISCH, DAUERLAUF, STOPPUHREN. Dressur. Grobe Leberwurststücke. Wut. Innere Stimmen. Autobahnen. Radfahrstrecken. Die Themen reihen sich wahllos. Ein Erzählstrang bedingt den nächsten, formt einen gigantischen Erzählkomplex. Ein Gedanke blitzt auf und will in Ausführlichkeit bearbeitet sein. Dann meldet sich das Leben von innen her, aus dem Bauch hervor. Die unbekannte Mutter, das tote Wesen, will nicht weiter mein Thema sein und vom Sohn ausgebeutet werden. Ich bin eine Schreibbankfiliale, von plötzlichen Überfällen heimgesucht. Alles, was ich aufschreibe, ist fehl am Platz. Was gewissenhaft vorbereitet und nach Plan ausgeführt aussieht, das Gegenteil von aller Ordnung ist es. Ich schaffe den Weg nicht. Ich kehre um. Ich bleibe in meiner Kunst stecken. Mich schwindelt mitten in der Natur. Unbestimmbar. Zeitlos. Vage gehe ich durch einen Wald und komme nicht voran, obwohl ich mir im Voraus alles so gut ausgemalt und eingeredet habe; ich bin längst vom Wege ab, schreibe über die Mutter, einzig um aufzuschreiben, wie mir wird, sprich: ich überfalle mich, halte an auf mich, lege den Schlamm der Zeit nicht frei, bewahre meine Kugelschreiber gleich einer abgesägten Schrotflinte auf. Das Kind, die Waise, der Mann, der Vater seiner Kinder, der Mensch, der ich bin, eine Einbildung, ein Konstrukt, eine Gefahr für sich selbst. Einer, der nicht schreibt, wenn er schreibt, fern jener Person, von der ich meine, dass ich sie bin und über mich schreibe. Einer, der nicht schreibt, sondern da sitzt, wo er sitzt und mit den Fingern tippt und nicht zu schreiben hat, nur so erscheint.
ES GIBT DIE AUFERSTEHUNG der toten Mutter nicht. Sie bleibt im Kind gestorben, ist tot, bleibt es. Es gibt keinen Begriff für das Gefühl als tote Mutter. Es besteht ab dem Zeitpunkt nicht einmal mehr eine fiktive Verbindung zu dem Begriff Mutter. Wenn sich das Wort Mutter als Gefühl erst einmal erledigt hat, wird der Begriff so bedeutungslos wie der Begriff Vaterland, Muttersprache. Die Bindung löst sich. Es braucht die Mutter nicht mehr, die schon lange in mir abgestorben ist, wie ich nun weiß. Auch wenn ich eine lebende Frau besuchte, deren verwandtschaftlich korrekte Bezeichnung Mutter ist, habe ich weiter mit der toten Mutter zu tun. Der Zauber ist vorbei. Kein Mensch mehr anzutreffen. Die Muttersuche hat mit der Mutterfindung aufgehört. Mein Empfinden für die Mutter ist aufgebraucht. Ausgestanden das Heimweh auslösende Grundgefühl, ausgestanden die übergroße Bereitschaft, der Frevlerin zu verzeihen, sie in die Arme zu schließen. Ich schließe die Mutterfindung ab. Die Mutterfindung hat aufgehört, als ich im ersten Kinderheim zum ersten Mal ma und ma gestammelt habe, obwohl eher davon auszugehen ist, dass ma und ma von mir zum Gefallen der Heimleiterin und der beiden Mädchen aufgesagt worden ist.
Auf der Ausruh-Kautsch in meinem Zimmer, dem Sofa der Großmutter, spult der Film meines Lebens von allein ab. Ein Streifen ohne Ton, eine schlichte Kamerafahrt, langsam und genüsslich: Vorbei und entlang der Schonung, an Draht und Stachelverhau, zu Zeiten, als ich ein Grenzzaunsoldat war auf Friedenswacht an der grünen Grenze zum westlichen Mutterland hin im Auftrag des Ostens, eine automatische Waffe umgehängt, mit einem Posten unterwegs, der nicht weiß, was mir im Grenzdienst dauernd durch den Kopf geht, nämlich die Chance hier zu nutzen und zur Mutter zu flüchten, das Haus der Mutter zu stürmen, die Mutter mit vorgehaltener Waffe peinlich zu befragen, warum sie mich und meine Schwester verlassen hat. Zu jener Zeit wäre mir der Besuch bei der Mutter wichtig gewesen und ich hätte ihn für ein Weiterleben wichtig genommen. Das Kind ist erwachsen geworden und in der Mutterlosigkeit daheim. Es hat keinen Sinn, sich etwas vorzumachen.
Portrait
Peter Wawerzinek wurde unter dem Namen Peter Runkel 1954 in Rostock geboren. Er wuchs in verschiedenen Heimen und bei verschiedenen Pflegefamilien auf. Seit 1988 freier Schriftsteller, Regisseur, Hörspielautor und Sänger.
Veröffentlichungen:
Moppel Schappiks Tätowierungen (1991); Das Kind, das ich war (1994); Das Desinteresse (Hasenverlag 2010)
Auszeichnungen:
Berliner Kritikerpreis für Literatur (1991), Hörspielpreis der Berliner Akademie der Künste (1993), Ingeborg-Bachmann-Preis und den gleichnamigen Publikumspreis (2010)
Klappentext
Bachmannpreis 2010 plus Publikumspreis für "Rabenliebe".
Ein Buch wie ein Erdbeben. Über fünfzig Jahre quälte sich Peter Wawerzinek mit der Frage, warum seine Mutter ihn als Waise in der DDR zurückgelassen hatte. Dann fand und besuchte er sie. Das Ergebnis ist ein literarischer Sprengsatz, wie ihn die deutsche Literatur noch nicht zu bieten hatte. Ihre Abwesenheit war das schwarze Loch, der alles verschlingende Negativpol in Peter Wawerzineks Leben. Wie hatte seine Mutter es ihm antun können, ihn als Kleinkind in der DDR zurückzulassen, als sie in den Westen floh? Der Junge, herumgereicht in verschiedenen Kinderheimen, blieb stumm bis weit ins vierte Jahr, mied Menschen, lauschte lieber den Vögeln, ahmte ihren Gesang nach, auf dem Rücken liegend, tschilpend und tschirpend. Die Köchin des Heims wollte ihn adoptieren, ihr Mann wollte das nicht. Eine Handwerkerfamilie nahm ihn auf, gab ihn aber wieder ans Heim zurück.
Wo war Heimat? Wo seine Wurzeln? Wo gehörte er hin?
Dass er auch eine Schwester hat, erfuhr er mit vierzehn. Im Heim hatte ihm niemand davon erzählt, auch später die ungeliebte Adoptionsmutter nicht. Als Grenzsoldat unternahm er einen Fluchtversuch Richtung Mutter in den Westen, kehrte aber, schon jenseits des Grenzzauns, auf halbem Weg wieder um. Wollte er sie, die ihn ausgestoßen und sich nie gemeldet hatte, wirklich wiedersehen?