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Zeitlebens kämpfte Peter Wawerzinek mit seiner Mutterlosigkeit. Als er sie Jahre nach dem Mauerfall aufsuchte und mit ihr die acht Halbgeschwister, die alle in derselben Kleinstadt lebten, war das über die Jahrzehnte überlebensgroß gewordene Mutterbild der Wirklichkeit nicht gewachsen. Es blieb bei der einzigen Begegnung. Aber sie löste — nach jahrelanger Veröffentlichungspause — einen Schreibschub bei Peter Wawerzinek aus, in dem er sich das Trauma aus dem Leib schrieb: Über Jahre hinweg arbeitete er wie besessen an Rabenliebe, übersetzte das lebenslange Gefühl von Verlassenheit, Verlorenheit und Muttersehnsucht in ein großes Stück Literatur, das in der deutschsprachigen Literatur seinesgleichen noch nicht hatte.

Für einen Auszug aus seinem Roman "Rabenliebe" hat Peter Wawerzinek den 34. Ingeborg-Bachmann-Preis erhalten. Der 1954 in Rostock geborene Schriftsteller überzeugte sowohl die Jury als auch die Zuschauer, die ihm zusätzlich per Internetabstimmung den Publikumspreis verliehen.

Der von der Stadt Klagenfurt gestiftete Hauptpreis, der mit 25.000 Euro dotiert ist, gilt seit seiner Gründung 1977 als eine der wichtigsten Literaturehrungen im deutschsprachigen Raum. Er ist nach der in Klagenfurt geborenen Dichterin Ingeborg Bachmann (1926–1973) benannt.

Rezensionen und Kritiken

«Die schmerzvolle Geschichte eines Kindes, das von seiner Mutter in der DDR zurückgelassen wird, als sie in den Westen ausreist, stammt von einem Autor, der wirklich etwas zu sagen hat und dem differenzierte sprachliche Mittel zu Gebote stehen. Seine vielschichtige Textpartitur hinterließ im Wettbewerb den stärksten Eindruck und ging zu Recht als Siegertext aus dem Bachmann-Wettbewerb hervor.«

Süddeutsche Zeitung

«Wawerzineks Text ist eine behutsame, aber dennoch vor Bildern sprudelnde Rekonstruktion von Erinnerungen, der man sich kaum entziehen konnte.«

taz

«Als am letzten Tag Peter Wawerzinek zu seiner dichten und intensiven DDR-Kindheitsgeschichte anhob, hatte man — zum ersten Mal in drei Tagen — das Gefühl, hier habe jemand wirklich etwas zu erzählen.«

FAZ

«Ich stimme für einen Text, der die Lebenswunde seines Autors preisgibt und mit Hilfe der Fantasie in etwas verwandelt, an dem der Leser teilhaben kann. Eine Prosa, die ein großes Geschenk ist und die enorme Bedeutung der Sprache für das Dasein nicht nur behauptet, sondern ganz konkret vorführt. Ich stimme für die 'Rabenliebe' eines verlassenen Kindes, für Peter Wawerzinek. «

Aus der Jury-Begründung von Heike Feßmann zum Bachmann Preisträger 2010