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In Thüringen starb ein Neugeborenes, weil es nicht versorgt wurde, in Berlin, weil die Mutter gestorben war. Ein weiterer Fall eines unnatürlichen Babytodes ereignete sich in Thüringen. In Nordhausen starb ein Neugeborenes, weil es offensichtlich nicht versorgt wurde. Notarzt und Polizei fanden den unterkühlten und leblosen Säugling am Donnerstagabend in der Wohnung einer 27-jährigen Mutter, wie die Polizei mitteilte. Der Arzt habe noch versucht, das kleine Mädchen auf dem Weg ins Krankenhaus zu reanimieren. Nach ersten Ermittlungen hatte die Frau das Kind allein im Bad ihrer Plattenbauwohnung entbunden. Zum Zeitpunkt der Geburt sollen sich auch der neunjährige Sohn der Kindesmutter sowie dessen gleichaltriger Freund in der Wohnung aufgehalten haben. Die Staatsanwaltschaft leitete Ermittlungen wegen Totschlag-Verdachts gegen die Frau ein. Eine Obduktion solle Klarheit über die genauen Umstände der Geburt und die Lebensfähigkeit des Säuglings bringen. Die Mutter wurde in ein Krankenhaus gebracht. Der neunjährige Sohn wird zurzeit von Nachbarn versorgt. Ein Polizeisprecher sagte, die Wohnung habe sich nicht in einem verwahrlosten Zustand befunden. Die Frau habe bislang keine Angaben gemacht.

IM HEIM VERABREICHEN sie den Kindern auf Löffeln gegossen braunen Lebertran. Mir wird schlecht davon. Ich kann das Zeug nicht schlucken, muss mich übergeben. Und immer wird der Lebertran nachgeschoben. Das erste Stück Räucheraal spucke ich auf den Tisch der Adoptionsküche. Aus dem Heim in die Traubenzeit geschickt, ist das Schmalhansleben ausgestanden, eingetauscht gegen die paradiesischen Üppigkeit der Mahlzeiten an der Tischlereifesttafel und Anfasser genannte Keulen der Weihnachtsgans. Ich bewältige ihre Festessen nicht. Ich weiß, wie man die Hauptnachspeise macht: Mohn mit kochendem Wasser übergießen, drei Stunden einweichen, die Hefe in Zucker verrühren, Schüssel zudecken und die Masse sich an einen warmen Ort verdoppeln lassen, Milch eingießen, weißes Mehl einrühren, Eier zugeben und kneten, Butter in Flöckchenform, Teig walken, Kugel formen, die Teigkugel mit kaltem Wasser übergießen, den Teig aus dem Wasser nehmen, trocknen, auf mehliger Arbeitsplatte weich und elastisch kneten, in die eingefettete Schüssel legen, dreißig Minuten gehen lassen, in der Zwischenzeit die Füllung bereiten: Mohn im Sieb abtropfen, in der Kaffeemühle ausmahlen, mit Mandeln, Rosinen, Zitronenschale vermischen, alles in einen Topf in Milch und Zucker erhitzen, mit dem Schneebesen Mehl, Milch und Zuckermilch sämig rühren, über den Mohn gießen, Eigelb untermengen, in einer Extraschüssel das Eiweiß steif schlagen, die weiße Wolke unter die Mohnmasse ziehen, die Backform einfetten, den Herd vorheizen, den Teig drücken, quetschen, halbieren, die Hälften auf mehliger Arbeitsfläche rollen, halbieren und zu einem Rechteck formen, mit dem Kuchenspatel die Mohnmasse auf die Teigplatten verteilen, einen Rand von einem Zentimeter Breite freilassen, zerlassene Butter auf den Mohn tröpfeln, längs bis zur Mitte aufrollen, gleich der Biskuitrolle, die beiden Rollen so arrangieren, dass sie sich in der Mitte treffen, sich fest verschwören, eins sind, zusammenhalten, die Oberseiten mit der Mischung aus Ei und Sahne pinseln, die Kuchen eine Stunde goldbraun und knusprig backen, in der Form abkühlen. Aber ich kriege die schlesische Mohnsüßspeise nicht runter, schmecke Bitternis. Sie rennen mit mir durch den Flur, die Treppenstufen empor und binden mich mit dem Gürtel des Meisters ans Fensterkreuz, wo ich wegtrete, in Mohnschlaf falle. Sie binden mich los und verfrachten mich ins Bett; die große Schüssel aus Emaille, in der Mohnstriezel bereitet werden kann, steht als Auffangschüssel zu Füßen bereit. So war ich also zum Mitglied einer Tischlerfamilie geworden. Im Zustand schwindelnder Gebärden bemerkte ich nicht, dass auch sie mich jeden Tag rund um die Uhr beobachteten und abwägten, meine Verhaltensweisen registrierten, über mich ausführlich sprachen. Flüchtig betrachtet, wurde hier gearbeitet, verhandelt, sich zugerufen, beisammengesessen, wie überall in Tischlereien Brauch. Mir gegenüber verhielt man sich zum Scheine.

Eine Mutter hat in ihrer Dillinger Wohnung ihre vier Jahre alte Tochter umgebracht. Die Frau habe das Kind vermutlich mit einem Kissen erstickt, teilte das Polizeipräsidium Schwaben Nord in Augsburg mit. Die 33-Jährige habe am Vortag selbst bei der Polizei angerufen und das Verbrechen gemeldet. Zum Tatmotiv machten die Beamten aus ermittlungstaktischen Gründen noch keine Angaben. Zur Tatzeit hatte sich die Frau mit ihrer Tochter alleine in der Wohnung in einem Mehrfamilienhaus befunden. Sie wurde festgenommen und legte bei ihrer ersten Vernehmung ein Geständnis ab. Die Staatsanwaltschaft beantragte Haftbefehl wegen Mordes.

WAS DAS LEISETRETEN, tonlose Umschleichen in einem Hause anbelangt, so bringe ich es zu einer achtbaren Meisterschaft. Ich bin gut unterrichtet. Mich bilden im Vorschulkinderheim die ersten Dielen aus. Verdienstvoll wie Wachhunde schlagen sie an. Boshaft treibt es ein Dielenbrettduo zur Küche hin, dem Reich der Köchin Blume. Nicht einfach, die zwei schmächtigen, so harmlos aussehenden Dielen zu überwinden. Durch viele Überwindungseinheiten schaffe ich mir einen Weg von meinem Bett aus zur Küche hin, erstelle mir ein Dielenraster, das knarrende Dielen in stockfinsterer Dunkelheit hell und rot signalisiert. Dielen, die launisch sind. Dielen wollen nicht gestört werden. Dielen achten streng auf Dielenzeit. Dielen verhalten sich in der Nacht anders als am Tage. Selbst wenn die Dielen unterhalb dicker Teppiche liegen, murren sie zur Nacht hörbar, wo sie am Tag verschwiegen liegen. Ich fahnde intensiv nach möglichen Gehwegen zum Flur hinaus, über das Dielengebiet hinweg, hin zu den Orten des geheimen Vorrates, der versteckten Extraportionen, die jedes kluge Kind im Heim anlegt und aufsucht, wenn ihm danach ist. Ich erbeute achtlos ausliegende, absichtsvoll abgelegte Süßigkeiten. Ich mache Bonbons ausfindig, trage die Beute in mein Versteck. Im ersten Kinderheim ist es das unterm Kopfkissen befindliche Matratzenloch. Im zweiten Kinderheim lege ich das Versteck weit hinter dem Mülleimer an. In das Maul nimm deinen Schuh, kommet wer daher, so fahr drauf zu, dann glaubt man, du seist Wu Wu, und kriecht ins Bett, lässt dich in Ruh. Trippel, trippel, trap, trab, trab, heut schließ ich die Tür nicht ab. Ich präge mir die Abfolge der einzelnen Fußsetzungen ein. Ich orientiere mich anhand der Musterungen, Astlöcher, Maserungen. Ich setze meine Fußpunkte gezielt, um all die unliebsamen, ketzerischen Dielen auszutragen; das leiseste Geräusch kann mich ausleuchten, mir einen Konkurrenten auf die Fährte setzen; der Hinterhältige, der Dielenbrettnebeneinsteiger, der mich auskundschaftet, sich meiner Techniken bedient, an meine Schätze zu gelangen sucht, sie sich einzuverleiben, sich zu bereichern, auf meinen ausgeklügelten Pfaden wandelnd. Und niemand kann mit Sicherheit sagen, wer außer einem selbst noch so im Kinderheim unterwegs ist. Der Hausmeister kann auf geübten leisen Sohlen seinen Rundgang gestalten, sich im Hause umhören, überallhin seine gefürchteten flüchtigen Überprüfungsblicke senden.