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Ich spreche im Beisein der zwei Mädchen im Haus Sonne dann endlich mein erstes Wortgebilde. Plötzlich und unerwartet, wie aus dem Munde der Heimleiterin zu erfahren ist, beginne ich zu sprechen. Ich rede eine Doppelsilbe, mein erstes ma zu ma. Das mutterlose Kind sagt Ma-ma zur allgemeinen Verwunderung aller. Ma-ma rufe ich ins Haus. Ma-ma rufe ich im Spielgartenhinterhof. Ma-ma sage ich zu allem, was ich sehe. Ma-ma nenne ich die Türklinke. Mama nenne ich das Bett, die anderen Kinder. Sie sind alle aus dem Häuschen, sprechen die Flure hoch und runter, Treppe auf und Treppe ab von einem Wunder. Ma-ma sage ich und sie wissen, das wird ein gutes Jahr. Ma-ma sage ich, wenn sie wollen, dass ich es sage. Ma-ma sage ich, damit sie sich daran erfreuen. Ma-ma sage ich, weil sie sich um mich herumstellen und sich daran erfreuen. Die Heimleiterin findet den Umstand, dass ich mit dem ersten Sonntag des neuen Jahres Ma-ma sage, bemerkenswert. Ma-ma sage ich zu den beiden Mädchen. Mama wie Mama-lade, sagt das eine ihrer beiden Mädchen. Mama wie Mama-rine, albert das zweite Mädchen. Mama, behauptet die noch junge, entzückt aussehende Erzieherin, die heimlich zuckende Knietänze einstudiert und Elvis Presley meint, ihren Knieschwungapostel, geboren in East Tupelo, Mississippi; der Star, der seiner Ma-ma zum Geburtstag hat extra einen Geburtstagssong auf Platte pressen lassen. Ma-ma sage ich noch eine gute Weile, dann nutzt sich der Effekt ab, man winkt nur noch ab, wenn ich daherkomme und Ma-ma rufe.

ICH LEIDE am Verlust weiblicher Wärme. Hoffen und Bangen sind als unendliche Aktion auch eine Form von Wärmebildung. Hätte ich nicht Wärme gesammelt, mit Wärme gegeizt, jedwede Form von Hoffnung geheimst, mich an Wärme vergriffen, mir an Zukunft genommen, wo ich ihrer habhaft werden konnte, um nicht zu erfrieren, als Lichtlein nicht auszugehen nach dem Entzünden, Brüder, Schwestern, ich wäre in den Kinderheimen erfroren. Ich bin auf ewig das verklemmte Kind, das mit dem Verlust seiner Identität in die Rolle seines Doubles schlüpft, seine lebendige Zweitausgabe wird. Ich bin als Abguss mein Original. Ich bin ich meint, ich lebe in mir verborgen, mein Leben verläuft unterm Pseudonym. Ich spiele Rolle. Ich forme mich zur menschlichen Plastik. Ich denke mir die Heimleiterin als Mutter für mich. Ich bin ein Roboter. Ich funktioniere wie all die kleinen Menschenmaschinen um mich herum. Ich singe gern. Ich erfinde Melodien beim Spazierengehen. Ich singe in mich hinein. Man könnte sagen, der da ist Ausdruck von normaler Verhaltensstörung, ist das Produkt einer unentwegten Fehlentwicklung, keiner Person zuzuweisen, stets seine eigene Beeinträchtigung auf vielen wichtigen menschlichen Ebenen eine Niete, eins mit allen Kinderheimkindern dieser Welt.

Ich bin Niemand

und werde auch Niemand sein. Jetzt

bin ich ja zum Sein noch zu klein;

aber auch später. Mütter und Väter,

erbarmt euch mein. Zwar es lohnt nicht

des Pflegens Müh: ich werde doch gemäht.

Mich kann keiner brauchen: jetzt ist es

zu früh und morgen ist es zu spät.

Ich habe nur dieses eine Kleid, es wird dünn

und es verbleicht, aber es hält eine Ewigkeit

vielleicht.

Lied der Waise

MAMA. MAMBO. MAMBAS. Mamelucken. Mammut. Ich lerne weitere Worte sprechen, kann bald vollständige Sätze sagen. Es geht voran und es braucht Jahre, bis aus dem Zurückgebliebenen ein schulbereiter Junge gezimmert ist. Einen Test nach dem anderen muss ich zwischenzeitlich über mich ergehen lassen. Die Ärzte haben ihre transportablen Schreibmaschinen mit. Sie sitzen hinter mir und fragen mich aus. Sie hören mir zu, notieren was, schreiben auf, nehmen zu Protokoll und sind längst dazu übergegangen zu erkunden, wann ich anfange ihnen zu misstrauen. Du bist im Sprechzimmer, und es wird recht wenig mit dir gesprochen. Du bist in keinerlei Wohnlichkeit und siehst auf die Teppiche, auf denen ihre Schreibtische stehen. Weiche Teppiche für ihre Schuhe. Du stehst nackt und barfüßig vor ihnen, auf blankem Boden und nickst, wenn sie dich was fragen, in die Kegel ihrer Lampen gehüllt, deren Lichter sich unterschiedlich brechen und an den Wänden hinter ihnen seltsame Schatten bilden, die lustig zucken, was sie nicht mitbekommen, weil sie dem Ganzen ihre Rücken präsentieren.

ALL MEINE ERINNERUNG ist schwarzweiß. Ein guter langer Streifen mit vielen Unterbrechungen, Rissen. Das Licht geht an im Erinnerungssaal. Es wird so ungestüm hell, die Augen stechen. Ich trage Tränen davon und kann für ewige Momente gar nichts denken und fühlen. Der Film, in den ich mich hineinversetze, beleuchtet das Jahrhundert, in dem ich mich nur vage auskenne. Das Jahrhundert, in dem ich mich am längsten aufgehalten habe, dieses zwanzigste Jahrhundert, je weiter ich mich in den Kinostuhl versenke, weist es vornweg den Vietnamkrieg als das Erlebnis meiner Jugend aus. Dieser fiese Kerl mit dem miesen Haarschnitt, der dem Vietnamesen auf offener Straße seinen Colt an die Schläfe drückt, den Abzug zieht und mit seinem Schuss einen Proteststurm auslöst; welche Siegeschancen Amerika je noch hätte haben können, dieser eine Killer hat den Militärs alles vermasselt, die Hippies ermöglicht, die beiden mutigen dunkelhäutigen Schnellläufer auf die Podeste erhoben, wie ich sie und meine Generation fiebernd noch auf ihren Podesten erinnern. Ihre Fäuste in die Höhe gestreckt, stehen sie bei der Siegerehrung, verweisen mit geballter schwarzer Kraft auf die ewige Schande mit Namen Amerika. Nähere Daten zu Tat und Umständen: Olympische Spiele in Mexiko. Smith heißt der Gewinner der Goldmedaille. John Carlos heißt der andere, der die Bronzemedaille im gleichen Wettstreit erobert hat. Sie halten ihre Fäuste mit je einem schwarzen Lederhandschuh bekleidet empor. Handschuhe von einem Paar Handschuhe genommen. Den Tag zuvor am Eckladen gekauft. Dunkel und schön, glatt und glänzend wie sie selbst. Sie teilen sich das Paar brüderlich. Sie treten ins Stadion ein und stülpen sich erst kurz vor ihrem Weltauftritt die Handschuhe über. Der eine von beiden sich zuerst den rechten Handschuh über die Rechte, der anderen den linken über seine Linke. So schreiten sie zum Protestpodest, die Fäuste zu recken, die Köpfe zu neigen, ihre Kinnladen auf ihren Brustkörben ruhend, wie sie die historische Aufnahme zeigt, die zum Symbol des Widerstandes rund um den Globus wird. Das zweite Foto aus meiner Zeit von Tagen, Taten, Menschen, die mir bis an mein Grab im Gedächtnis haften bleiben. Podest/ Protest, jubele ich heute wie damals mit den zwei Athleten, die aus dem amerikanischen Team wie aus einem falschen Traum ausgeschlossen wurden und sich von der weißen Verlierermasse beschuldigt sehen, die farbige Olympiaweste in Mexiko befleckt zu haben.

Ich trage in diesem Film knielange hellbraune Sommershorts ohne Raffinessen, dazu das kurzärmlige Hemd, kratzende Söckchen und viel zu enge Schuhe. Ton in Ton die Shorts. Jedes Kleidungsstück den anderen Kleidungsstücken angeglichen, mit einer Musterung von damals versehen, die modisch genannt werden soll und mich hat stets an die Schildkröte, Unterseite ihres Panzers denken lassen. Die Jacke war aus Filz, denke ich mal. Eine Art Joppe, die mir an den freien Stellen die Haut gepiesackt hat. Es wird ein Sportfesttag gewesen sein, zu dem sie mich so hergerichtet haben. Klamotten, für festliche Eventualitäten gedacht, wie die Adoptionsmutter betont hat. Der Hausmeister im Heim dagegen hat von Eventualität gesprochen, wenn die Raumtemperatur trotz voller Heizungskraft unterhalb des eingestellten Wertes lag. Die unerwartete Eventualität, Kinderchen, mit welcher jedermann rechnen soll, nur niemand rechnen kann, hat mir da reingepfuscht. Die Heizung läuft. Die Luft erwärmt sich nicht auf die gewünschte Temperatur. Die Luft nimmt nicht die gewünschte Temperatur an. All der neumodische Kram. Diese verdammte Temperatursteuerung, die grob genommen nix als ihre Macken und Grenzen präsentiert. Schiete hoch vier, schimpft er. Wenn ich richtig behalten habe: Liegt die Raumtemperatur beispielsweise im Sommer über dem eingestellten Wert, sorgt der Thermostat dafür, dass die Heizung nicht arbeitet, dadurch kühlt der Raum aber nicht ab. Um mit solchen Eventualitäten fertig zu werden, fluchte der Hausmeister, muss ein Mechanismus her, dessen Bezeichnung ich lange habe nicht aussprechen können, bis zu dem Tag, als ich aus der Nacht gekrochen das Wort Homöostasemechanismus zu sprechen herausgefunden habe.