DER ALLES ENTSCHEIDENDE TEST steht an. Ich stehe stramm vor der Kommission. Ich kann mit meiner rechten Fingerspitze das linke Ohrläppchen meines Kopfes nicht fassen. Der oberste Arzt notiert den Sachverhalt auf ein Papier. Die Kommission schaut zur Heimleiterin. Die Kommission zieht sich zur Beratung mit der Heimleitung zurück. Die beiden Mädchen hopsen vor Glück auf der Stelle, freuen sich diebisch über den Befund. Mir ist ein Jahr bei den Mädchen geschenkt: Du brauchst nicht in die Schule. Du musst in kein anderes Heim. Darfst bei uns bleiben. Ich laufe mit den beiden Mädchen durch den Wald. Im Walde, im Walde, da wird mir so licht, wenn es in aller Welt dunkel, da liegen die trocknen Blätter so dicht, da wälz ich mich rauschend drunter, da mein ich zu schwimmen in rauschender Flut, das tut mir in allen Adern so gut, so gut ists mir nimmer geworden.
Ein schwarzweiß gefleckter kleiner Hund läuft hinter den Mädchen her. Der Hund jault auf und kläfft mich an. Der Hund beißt nach mir. Ich bin aus Versehen auf seine rechte Hinterpfote getreten. Ich schreie und bin entsetzt. Ich plumpse neben dem Hund auf mein Hinterteil. Der Hund humpelt durch den Wald. Die Mädchen trösten den Hund und werfen mir böse Blicke zu. Böse Mädchenblicke verfolgen mich. Mein Leben lang humpelt dieser Hund als schwarzweiße Schuld durch meine Träume. Hündische Schuld schreckt mich aus dem Schlaf. Schuld bellt und jault. In den nachfolgenden Träumen läuft der dreibeinige Hund in all meinen Traumbildern herum, die rechte vierte Pfote baumelt hinten an ihm herum. So viele Jahre, so unmerklich, unendliche Zeiten von der Kindheit entfernt, ereilt mich die Heimkindzeit mit Hundegejaul und dem am Tier hängendem Bein; das baumelnde Bein, die humpelnde Schuld. Du sagst deinen Namen zum x-ten Male, nennst den Tag deiner Geburt plus den Ort, an dem du geboren bist. Du lässt dich vermessen, wie du dich jeden Monat vermessen lässt. Sie sagen dir, um wie viele Millimeter du in der letzten Zeit gewachsen bist. Sie nennen dir dein aktuelles Gewicht, sobald du auf ihrer Waage stehst. Sie notieren zum x-ten Male deine Augenfarbe. Du musst die Krankheiten herleiten, die du schon gehabt hast. Der eine Arzt spricht mit dem anderen. Du sollst den Eindruck gewinnen, sie hätten viel zu besprechen. Sie werfen sich geheime Worte zu und nicken und sehen dich an. Dein Verhältnis zu ihnen ist wie das des Fisches zum Angler. Du bist an ihrem Haken ein kleiner Fisch. Sie sagen zum Schluss: Danke, das war es. Zieh dich an. Schick den Nächsten rein.
An einer Berliner Bushaltestelle ist ein Kind ausgesetzt worden. Es war erst einen Tag alt. Ein Passant entdeckte das Neugeborene in einer abgestellten Tasche, wie die Polizei am Montag mitteilte. Der 3100 Gramm schwere und 59 Zentimeter große Junge ist den Angaben zufolge wohlauf. Das Kind habe Glück gehabt, dass es schnell gefunden wurde, sagte ein Polizeisprecher. Die Polizei hat noch keine Spur zu der Mutter. In der roten Kunststofftasche, in der das Kind abgestellt wurde, fand sich neben Handtüchern und Decken ein Zettel mit dem Namen Moritz. Zu weiteren gefundenen Utensilien wollten die Beamten aus ermittlungstaktischen Gründen keine Angaben machen.
WIRKLICHE FOLTER GESCHIEHT IM STILLEN. Die Erzieherin mit dem dicken schwarzen Zopf am Hinterkopf stellt sich eines Tages bei mir ein. Sie schweigt mit Bedacht. Was sie mir zu sagen hat, ist mit einem Ruck des Kopfes abgetan. Ihr Blick ist so streng. Komm mal mit, heißt das. Sie bittet mich zur Tür hinaus. Ihr Gang wird vom Klacken der Hacken begleitet. Ich gehe ihr nach.
Wir sind im Speiseraum. Sie fixiert mich, so viel weiß ich, auch wenn mein Blick zu Boden gesenkt ist. Schau mich an, sagt sie. Ich hebe den Kopf, blicke in ihre Augen. Ihr Blick nicht entschlüsselbar. Ihre Lider sind zusammengekniffen. Ich spüre an der Art ihres Atmens, diesem Rhythmus, diesem unnachahmlichen Unterton beim Ein- und Ausstoßen der Luft, kurz vor dem Beginn ihrer Rede, dass etwas Wichtiges bevorsteht. Je länger so intensiv geatmet wird, umso heftiger wird nach dem Atmen die Ansprache an mich sein, so viel ist gewiss. Hoffentlich wird es nur eine kurze Standpauke. Ich blicke zu Boden, wo die Blicke kleine Löcher brennen, die zu kokeln beginnen. Ich möchte die Augen der Erzieherin nicht ansehen. Das schickt sich in einer solchen Situation nicht, macht vieles nur noch schlimmer. Ich bin in Gefahr, je länger die Erzieherin atmet, nichts sagt, mich nur umkreist. Die Erzieherin kommt mir mit ihrer Nase nahe. Sie berührt mein Kinn, hebt es an, schaut mir in die Augen, berührt meine Stirn, schaut mich lange und schweigend an, derweil ich ihrem Blick standhalte, ohne die Lider zu bewegen, bis mir die Augen brennen. Ich sage mir, dass es nicht schlimm werden wird, sich die Starre lösen wird, ich befreit bin, meinen Blick im Raum schweifen lassen kann. Die Erzieherin sieht weg. Die Erzieherin sieht mich an. Die Erzieherin beginnt, mir mit ihrem Handrücken die Wange zu tätscheln. Handhaut, an die ich mich jetzt am liebsten schmiegen würde. Ich kann mich nicht durchringen und überwinden. Sie lässt ab von mir, löst ihre Hand von meiner Wange, geht im Raum herum, sagt im monotonen kalten Ton: Alle Kinder haben eine Mama. Du und die anderen Kinder im Heim. Sie geht um mich herum, steht kurz hinter mir, geht weiter, denkt nach, will was sagen, schweigt kurz, setzt neuerlich an, was zu reden, unterbricht sich, bevor der Laut entsteht, geht, als müsste sie überlegen, wie mir der Sachverhalt beizubringen ist, zum Fenster, spricht von dort aus mit demselben kühlen Unterton: Manche Mamas kommen vorbei, manche nie. Die Frau geht seltsame Wege in diesem Raum. Meine Erzieherin, denkt das Kind, folgt einer vorgezeichneten Linie, einem künstlichen Laufsteg. Aus der Vogelperspektive, denke ich, sollte ihr Balancieren sich anmutig ausnehmen, ein Linienbild ergeben, das ich mit Buntstiften schön ausmalen könnte. Sie ist an der Tür. Hält kurz inne. Steht bedenklich lange da, um dann wieder Richtung Fenster zu gehen, auf dem Weg dorthin einmal um mich herum, an mir vorbei, ohne mich anzusehen, zum Fenster hin, dem gläsernen Ausguck, wo sie ihre Faust gegen die Wand neben dem Fenster wuchtet, sich mir zuwendet, auf mich zugeht, mit heftigen Schritten angelaufen kommt, niederkniet, mir mit ihrer Nase nah kommt. Sagt nichts. Schaut sich meinen Mund, meine Lippen an. Ihrem Gesichtsausdruck nach muss mein Mund in diesem Moment für sie ein schöner Mund sein, mit schönen Lippen, die seltsam ruhig sind, geschlossen, geheimnisvoll, glänzend.
Mamas haben viel zu tun. Mamas behüten sich. Mamas kommen nicht in dieses Heim. Sie fasst mich, packt mich bei den Oberarmen. Sie reißt mich aus meiner Verankerung, hebt mich an, trägt mich ein Stück, drückt mich mit Entschiedenheit gegen die Wand des Speisesaals, sagt wieder nichts, schaut mich mit irren großen Augen an. Setzt mich ab, rückt ab von mir, ist wieder die alte, unruhige Erzieherin. Umrundet mich einmal, zweimal. Tritt hinter mich. Legt die Hände auf meine Schultern. Zierliche Hände, deren Zierlichkeit zu spüren ist. Eine unendliche Dauer liegen die Hände auf meinen Schultern, bis sie ihre Finger von meiner Kinderschulter löst, auf dem Weg zum Fenster ist und zu mir sagt, dass ich gerade stehen soll, wenn sie mit mir spricht. Bedrängt daraufhin mit Bauch, Knie und Stirn die Wand. Rollt einmal in voller Körperdrehung die Wand ab. Ist neben mir. Schaut aus dem Augenwinkel zu mir herab. Beobachtet mich, denkt das unsichere Kind. Die Wange an die Wand gelegt, als lausche sie, so steht sie, bewegungslos. Die Arme zwischen sich und die Wand geklemmt, furchen ihre Fingernägel den Kalk, dass leise jaulende Kratzgeräusche entstehen, weißer Kalk rieselt. Wandputz, der den Boden bestäubt, sich über ihre schwarzen Schuhspitzen verteilt. Schuhspitzen, von denen sie die Rechte im Takt kräftig gegen die Kalkwand rammt, worauf dort ein kleines Loch entsteht. Rollt sich an der Wand entlang. Richtet den Rock her, beginnt unerwartet laut aufzulachen; wie in einem schlechten Film sich eine schlechte Schauspielerin kichernd benimmt, denke ich heute, als gelte es, die kindliche Geduld zu testen. Ist ruckartig am Fenster. Steht mit dem Rücken zum Fensterglas. Die Hände unter ihren Hintern gelegt, leicht nach vorn, mir zu gebeugt, raunt sie: Manche Mamas schreiben Briefe. Schöne, lange, lustige, bunte, kurze, knappe, steife und wohl frohgemute Briefe. Ihr stockt der Atem. Sie bringt keinen Ton mehr hervor. Sie ringt mit sich nach Luft und läuft rotköpfig im Raum herum, verweilt am Fenster, beißt sich in die Faust, dass ihre Zahnbögen als Bissspur im Handfleisch zu sehen sind. Die Faust am Mund presst sie hervor: Zumindest schicken Mamas Karten, auf denen geschrieben steht, dass sie nicht erscheinen können, dass sie zu tun haben, dass sie an großen Dingen, an einem Werk bauen, die allumfassende Zukunft angehen, Anstrengungen unternehmen, Mamas sind unter sehr vielen fleißigen Mamas in diesem großen Mamaland. Wo Mamas zum Wohl des Volkes werken, als Mama ihren Beitrag leisten, Mama für Mama nicht anders können und sollen und wollen und tun, was dann für alle zusammen Gemeinnutzen wird, zum Gedeih der Menschheit, und deswegen nicht Mamamuße noch Pause, Ausruhen kennen, also niemals Zeit aufbringen werden für Verplemperung von Zeit, im Kampf der Systeme. Sie hält inne, lässt eine unheimliche Pause entstehen, ehe sie sagt: Das war es, Kind. Nun aber hurtig ab in die Gruppe. Ich bin entlassen. Ich weiß Bescheid und weiß von nichts. Dieses Unwissen bleibt als Spuk mein Leben lang bestehen.