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Nach der Entdeckung einer verwesten Kinderleiche in einem ehemaligen Kinderheim auf der britischen Kanalinsel Jersey melden sich immer mehr Zeugen, die über sexuellen Missbrauch von Mädchen und Jungen in der Einrichtung berichten. Die örtliche Polizei vermutet noch weitere Leichen in dem Gebäude. Systematisch seien in dem Heim» Haut de la Garenne «in der Ortschaft St. Martin ältere Kinder von Angestellten angestachelt worden, Jüngere anzugreifen und zu vergewaltigen, berichtet der heute 59-jährige Peter Hannaford. Er selbst sei als Heimkind mit zwölf Jahren» fast jede Nacht «Opfer solcher Gewalttaten geworden. Andere Zeugen berichten, dass sich Heim-Mitarbeiter bei Partys betranken und sich gezielt die» schwächsten Kinder «für sexuellen Missbrauch aussuchten.»Vergewaltigungen von Mädchen ebenso wie Jungen in allen Altersgruppen waren an der Tagesordnung«, berichtet eine heute 49 Jahre alte ehemalige Heimbewohnerin. Insgesamt hätten sich inzwischen mehr als 150 mutmaßliche Opfer und Zeugen von Vergewaltigungen gemeldet, die bis Anfang der 60er Jahre zurückreichen sollen, heißt es bei der Polizei. Mit der Entdeckung weiterer Kinderleichen wird gerechnet, nachdem speziell abgerichtete Spürhunde angeschlagen haben. Bevor in dem Gebäude, das heute eine Jugendherberge ist, bei der weiteren Suche Fundamente aufgegraben werden und Mauerwerk abgetragen wird, muss die Statik untersucht werden, um einen Einsturz zu verhindern.

ICH BIN SIEBEN JAHRE. Die Mauer ist errichtet. Sie führen uns in den Speisesaal. Der Fernseher läuft. Wir starren die Mattscheibe an, den Mann mit dem eckigen Bart. Er hält eine lange Rede. Wir halten aus, wir dösen ein, kippen vom Stuhl, werden wieder hingesetzt. Der Fernseher wird ausgeknipst. Wir stehen auf und gehen in Reihe zum Saal hinaus. Von der Rede ist nichts hängen geblieben als der unheimliche, zuckende Bart.

Im ersten Trickfilm meiner Heimkindzeit fällt zu Beginn des Streifens Schnee. Trickfilmschnee rieselt und tanzt und wallt und schwebt und frohlockt. Ein Hase hoppelt über die Schneedecke an einen Schneemann vorbei. Der Hase hoppelt zu einem Schneereh, an einem Schneebaum vorbei, zu der Hütte im Schnee hin, an die Schneehütte vorbei, die eine russische Blockhütte ist. Unterhalb des Giebels haucht ein Kind von innen her ein Guckloch in die zugefrorene Fensterscheibe, vergrößert es, um Ausblick zu erhalten. Es schneiet, wenn es schneien will und schneiet seinen Lauf, und wenns genug geschneiet hat, so hört es wieder auf. Ja! Mein Hirn ist im Querschnitt ein Schneebaum. Ich bin so alt, wie meine Erinnerungen um mich Ringe bilden. Ich kreise. Mutter. Schnee. Mutterschnee. Es gibt immer ein Vor dem Danach und ein Davor, bei dem was kommt. Die Zeiten springen in meinem Kopf. Ich bin ein Tennisspieler, schlage Erinnerungen wie Bälle, die alle aus mir hervorschießen wie aus einem Erinnerungsautomaten, von mir getroffen und gegen die Erinnerungswand geschmettert sein wollen. Erinnerungsbälle fliegen mir um die Ohren, dass ich die Übersicht verliere, erschöpft aufgeben will, die Erinnerungen springen, hüpfen, rollen, trudeln lasse und am Schreibtisch wie an einem Tennisplatzboden sitze, von Erinnerungsbällen eingedeckt, mein Ansinnen, Übersicht zu bekommen, verlache und nur noch an die kleinen Katzen denke, die die Mädchen trugen. Das Seil in unserer Mitte sehe ich uns ausgehen, höre mich die alten Kinderheimlieder singen, einfache Texte, die ich nie vergesse. Wir sind hinausgegangen, den Sonnenschein zu fangen, komm mit und versuch es doch selbst einmal.

Ich werde weiter sonderbar. Ich bin Kind unter Kindern. Wir sind am Strand. In Hemd und Hose sitze ich bei einiger Hitze an das steile Ufer gepresst. Ich sehe mich im Schatten. Steil erhebt sich die Küste, wird drohend hoch, scheint sich gegen mich aufzurichten. So schmal ist der Strand. Ein Schwebebalken. Sanft und weich rinnt Sand durch meine Finger. Die Wellen locken, betteln und bitten: Komm doch, Junge, komm. Im Schattenreich der steilen Küste hocke ich am Ostseestrand als einsame, einzeln ausgestellte Strandrand- oder Steilküstenfigur. Das unwillige Kind. Der verstockte Bub. Das Kind, das man nicht überreden muss, weil das Kind sich abweisend bis seltsam benimmt. Das Kind, das sich absondert, sagt, man solle es in Ruhe lassen. Das Kind, von dem niemand weiß, dass es in einer engen Haut steckt, die es abstreifen möchte, nicht abstreifen kann. Erheben möchte sich das Kind. Hin zu den anderen Kindern möchte das Kind. Und sitzt beiseite in sich gekrümmt. Nicht Kind unter badenden Kindern. Die Arme möchte es ausbreiten, ins Wasser laufen, Wassertropfen empfangen, ganze Wasserschübe, unter Wasser geraten, von Wellen bestürmt. Es kann nicht. Es sieht sich nicht einmal mit den anderen Kindern unter der Dusche stehen. Es wird so sitzen bleiben und dem Wasser der Ostsee nicht entgegentreten, dem Wasser jubelnd zurufen, ihm zeigen, wie sehr es das Wasser mag, gern hat, liebt. Vergeblich.

Ich wollte einen Film darüber machen, wie Fantasie und Liebe die Reinheit beschützen, einen Film, in dem man Lügen erzählt, die einer höheren Wahrheit entsprechen. Aber ich wollte auch versuchen, die Schönheit und die Poesie zu erreichen, und dabei ist es egal, ob man die Leute zum Lachen oder zum Weinen bringt. Roberto Benigni, Das Leben ist schön.

UND DANN FALLE ICH zum ersten Mal vom Klo. Von nichts anderem als Grübeln dazu verleitet, urplötzlich ausgehebelt, wie es unter Boxern heißt. Mich schwindelt nicht, auch gibt es sonst keinerlei Vorzeichen. Es passiert; wenn es mir geschieht, trifft es mich heute noch von Zeit zu Zeit ohne Ankündigung. Beim ersten Mal kippe ich allmählich zur Seite, gehe schlichtweg zu Boden, nehme in Zeitlupentempo Schräglage ein, löse mich von der Klobrille, nähere mich dem Kachelfußboden, komme mit Kachelkälte in Berührung, ohne sie zu spüren, verharre liegend in angestammter Sitzhaltung. Steif wie eine Puppe liege ich als denkendes Wesen, die Hände beide noch fest unter dem Kinn, die Augen bewegungslos und weit offen, wie von Sugar Ray Robinson ausgeknockt, dem besten Boxer aller Zeiten und meiner frühen Jahre; oder Floyd Patterson, dem Olympiasieger im Mittelgewicht, der eben erst gegen seinen Landsmann Archie Moore gewonnen hat. Getroffen liege ich am Boden, höre nicht, wie der große Ringrichter mich nach den gültigen Regeln anzählt und darauf für kampfunfähig erklärt. Das Denken, Sinnen, Grübeln kennt keine Regeln. Der Kampf ist bereits gegen mich entschieden, gerate ich in denkende Zustände. Das Umfallen und Wegtreten, der Punkt der Ohnmacht, nichts ist vorherzusehen, wie ich nicht fähig bin, mich aus dem Gefrierzustand meiner Gedanken zu lösen, den Kampf von mir aus zu beenden. Die Handtücher bleiben an ihren Haken. Ich gehe immer wieder к. o. von meinen Grübeleien. Ein Gefecht, das nur einen Sieger und mich als Verlierer kennt. Ein Kampf, der nicht zu gewinnen ist. Richter, die Regelverstöße ahnden, Verwarnungen oder eine Disqualifikation aussprechen, sind nicht zu vermerken. Ich denke nach und grübele allein für mich und werde, wenn ich zu sehr ins Grübeln gerate, von einem nicht vorhersehbaren Schlag, Tief-, Nacken-, Nieren- oder Handwurzelschlag getroffen. Keine Zeit für mich abzuducken. Kein Gegner im Raum zum Sich-am-Gegner-zu-Klammern. Ich kippe, von unlösbaren Gedanken verleitet, seitwärts weg und all mein Denken hat sich damit vorerst. Bin ich erwacht, berapple ich mich, komme zu mir, richte mich mühsam auf, schaue sofort in den Spiegel, überlege angestrengt, was dieses Mal zu dem Vorfall geführt haben könnte, und erinnere mich an nichts als einen Anfangsgedanken, der sich ausgebreitet und zur Ohnmacht geführt hat.