Bei meinem ersten Mal grübelte ich darüber nach, was mit mir wohl geworden wäre, lebte ich nicht als Mensch unter den Menschen, sondern als Küken unter Küken, aus einem Ei gekrochen, unter Küken verblieben, die mit mir groß und Geflügel werden, lustig gackern, nach den Körnern hetzen, anstatt ein Heimkind zu sein, auf dem Klo des Kinderheimes zu sitzen. In der Terminologie der wissenden Fachwelt spricht man von einer Synkope, einem frühen, ersten kindlichen Kreislaufkollaps, gepaart mit plötzlicher Bewusstlosigkeit. Ein andauerndes, mit dem Verlust der Haltungskontrolle einhergehendes, kleines Wegtreten, das heranwachsende Kinder rasch ereilt und ohne besondere Behandlungsmaßnahme von allein wieder aufhört. Das Gehirn, heißt es ferner, werde minder durchblutet, das junge, noch nicht auf absolute Fehlerlosigkeit angelegte System der Versorgung des Gehirns mit Blut leiste sich Betriebsfehler. Die Blutgefäße der Beine zum Beispiel ziehen sich zusammen und mindern somit ihr Fassungsvermögen. Die Herzfrequenz erhöht sich deutlich. Eben noch auf der Klobrille befindlich, kippt der Protagonist infolge von emotionalem Stress zur Seite. Stress, den er sich selber auferlegt, der in meinem Fall vom Denken herrührt, mich in tiefer Denkerpose auf dem Klo sitzend ereilt, wenn ich mich im schönsten Grübeln zu den Geschehnissen der Welt an sich befinde, mir ewige Fragen stelle, von Herzweh getrieben, hinter eine Sache zu steigen versuche, die mit mir und der Welt, vor allem aber mit mir und meinem Verhältnis zur Menschheit zu tun hat. In Herzweh. Ja, es gibt da kein passenderes Wort als den Begriff Herzschmerz, Herzweh als die Ursache für das, was andere pressorische Synkope nennen. Grübeln macht Herz und Hirn schläfrig, sage ich mir jedes Mal neu. Das müde Herz ist ein wehes Herz. Ich bin ein wehes Herzkind. Ein wehes Kind unter wehen Kindern bin ich; im Leben mit sich allein, zugehörig nicht den normalen, sondern den Kindern, die solche oder ähnliche Symptome erleiden. Eine schöne Heimtücke das Ganze, die den Betroffenen am liebsten bei Urin- oder Stuhlentleerung heimsucht. Als nähere Begleitumstände der jeweiligen Ohnmächte nenne ich den selten schönen Schwindel, der mich betört, verwirrt, ablenkt und schließlich ergreift. Für Beobachter beginnen die Augen seltsam zu flimmern. Augenweiß wird sichtbar. Was Döblin die Ohnmacht des Menschen gegenüber der Allmacht der Natur nennt, spielt sich wie folgt ab. Schweiß bricht aus. Die Gesichtshaut wird blass, der Kopf zuckt und wankt und dreht sich, ehe sein Träger in Bewusstlosigkeit sinkt. Ich komme immer unverletzt zu mir. Ich stoße mir meinen Kopf nicht. Ich blute nie und erwache nach dem Koma in Verwirrtheit. Es überkommt mich stets, wenn ich allein bin. Als könnte ich im Leben am intensivsten nur denken, wenn ich allein mit mir bin und von meiner Einsamkeit weiß. Zum Glück bin ich allein und erwache jedes Mal unentdeckt, werde also nicht gepackt und unter die Dusche geschleift wie die armen Kinder im Kinderheim, denen die Ohnmacht am Tisch stehend geschieht, unter den Augen aller, vor allem der Erzieher, denen Ohnmachtsanfälle ein Dorn im Auge sind, die den Betroffenen anbrüllen, als könne der etwas dafür, als veranstalteten wir unsere Ohnmächte aus Jux. Nie wurde je gegen die drohenden Synkopen mit Übungen vorgegangen, wie das simple Ineinandergreifen der Hände, das Auseinanderziehen der Arme, das Strecken und Überkreuzen der Beine, das Anspannen der Muskulatur. Das ohnmächtige Kind wird wie ein Nussbäumchen gerüttelt. Es hat sich, kaum aus der Ohnmacht erwacht und noch stark benebelt, sofort zu erheben und an Ort und Stelle aufzurichten, den Erzieher anzusehen, zu sagen, zu rufen, was es sähe, wo es meine sich zu befinden, wer vor dem Kind stünde, anstatt dass es zu sich kommen darf, ihm sanft aufgeholfen wird, es auf den Boden gesetzt, dort sitzen bleiben und sich erholen kann, ihm ein Glas Salzwasser gereicht und mit ihm in ruhigem Tonfall gesprochen wird, bis es kontrolliert Antwort gibt und wieder bei Verstand ist, sich besser fühlt, hört, spürt, erhebt und am Leben im Heim Anteil zu nehmen wünscht. Im Laufe meines Lebens bin ich darin geübt, mit meinen Ohnmächten umzugehen. Ich spüre nach dem Erwachen Wärme in mir. Das Grübeln wirkt wie Sonneneinstrahlung. Ich erleide im Grunde gleich einem Sonnen- einen Grübelstich. Symptome wie beim Hitzschlag. Erwärmung. Rötung. Austrocknung der Haut. Der Puls geht stark und rasch. Ich falle vom Grübeln in Ohnmacht. Das zentrale Nervensystem hat Ruhe. Alles erholt sich. Die Seele pegelt sich in Normalzustand. Lebensgefahr besteht nicht. Ich liege kühl. Die Haut wird mit kalter Luft versorgt. Ich komme zu mir. Ich weiß Bescheid. Ich kenne die nachkommenden Verhaltensweisen nur allzu gut. Krämpfe suchen mich nicht heim. Arme und Beine bedürfen keiner Massage. Ich komme zu mir. Ich richte mich auf. Ich blicke mich im Spiegel an. Ich muss nicht behandelt werden. Die Ohnmacht ist ausgestanden, die Sauerstoffversorgung des Gehirns ist wieder garantiert. Keinerlei Erschöpfung. Keinerlei spürbarer Schmerz. Kein Kratzer an mir zu vermelden.
Rolf hat seine Mutter nie kennengelernt. Sie starb, als er zwei Jahre alt war. Der Vater ist im Krieg gefallen. Vierundsechzig Jahre vergehen, ehe Rolf zum ersten Mal eine emotionale Beziehung zu seiner Mutter aufbauen kann. Fünfzehn Jahre vorher begegnet ihm Brigitte in Fröndenberg-Frömern im Antik-Cafe. Man kommt ins Gespräch und stellt fest, dass nicht nur beide gebürtige Holzwickedes sondern auch miteinander verwandt sind. Seine Großmutter ist die Schwester von ihrer Urgroßmutter. Man sitzt über Alben und bisher unbekannte Gesichter auf alten Familienfotos bekommen endlich Namen. Der kleine Junge mit Lederhose ist Rolf, weiß Brigitte, und Rolf weiß endlich, wer das junge Mädchen auf seinem Foto ist. Alle Spuren führen in den Landkreis Eichsfeld, Oberthüringen, woher Rolfs Familie mütterlicherseits stammt. In einem Umzugskarton findet sich ein alter Zettel. Auf ihm die Anschrift von Inge, Tochter von Regina, beste Freundin der Mutter Rolfs. Übers Internet spüren sie Inge in einem kleinen Dorf bei Großbartloff auf. Die war platt, als ich mich am Telefon gemeldet habe, sagt Rolf. Hat uns mal vor einundfünfzig Jahren in Holzwickede besucht, seitdem bestand kein Kontakt mehr. Inge kennt Wolfgang, den Hobby-Historiker, der Urkunden und Dokumente, aber auch alte Klassenbücher sammelt. In einem von ihnen sind die Abschlusszensuren der Mutter Rolfs verzeichnet. Und auch Brigitte entdeckt in den alten Papieren Bilder und Schulzensuren ihrer Urgroßeltern. Ein bewegender Moment für den gestandenen Mann. Jetzt kann er das einstige Wohnhaus, die Schule der Mutter besuchen, dem unbekannten Wesen nahe sein. Und darüber hinaus ist er in Besitz eines Fotos gelangt, das den Großvater zeigt, Neunzehnhundertfünfzehn im Krieg gefallen, von Beruf Zigarrenmeister. Unglaubliche Momente, sagen beide und, dass es eine Zeit dauern wird, ehe sie die Erlebnisse verarbeitet haben. Was die gemeinsame Familiengeschichte betrifft, so ist eine gemeinsame Linie bis ins Jahr 1650 zurückzuverfolgen. Man weiß darüber hinaus, warum man sich gleich so sympathisch war und gut verstanden hat, einen tollen Draht zueinander gefunden. Und begeht seither anstehende Feste gemeinsam. Und sucht zusammen Eichsfeld auf. Die Gedanken, sagen beide, kreisen irgendwie anders als vorher, Gefühle ergreifen von ihnen Besitz, die schwer in Worte zu fassen sind.