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MIR TRÄUMT, ich sitze in einem Bus. Die Tür schließt. Der Bus fährt an. Ich sitze der Mutter zur Seite. Der Bus ist angefüllt mit Freunden, Weggefährten, Erziehern. In Gruppe versammelt, stehen an der Bushaltestelle Leute, die mir gewogen sind. Die Gruppe wird zunehmend kleiner, bis sie aus den Augen gerät. Ich erwache. Ich erfahre nie das Ziel der Reise. Es geht nicht weiter mit dem Traum. Ich bin kein Flüchtling. Ich bin aus keinen Heimen ausgebrochen. Die Menschen und das Land, in dem ich von Kindesbeinen an gelebt habe, sie sind mir fremd geworden, als wäre das alles nicht wahr. Meine Spielkameraden, müde und alt sind sie, bebaut ist das Feld, gerodet der Wald. Ich kann Euch nicht sagen, was geschah, nur, dass man Herren und Damen, dazu edle Ritter den Tod ihrer lieben Freunde beweinen sah. Das ist das Ende des Liedes. Das ist die Not der Nibelungen.

Die Polizei sucht nach der Mutter, die am Donnerstag in Nordhausen ihr Baby ausgesetzt hat. Der nur wenige Tage alte Junge war am späten Donnerstagnachmittag im Treppenhaus eines Wohnblocks gefunden worden. Nach bisherigen Ermittlungen hatte der oder die Unbekannte am Donnerstagnachmittag in dem Haus geklingelt. Die Tür sei von oben geöffnet worden. Allerdings ging nach bisherigen Erkenntnissen keiner der Bewohner ins Treppenhaus. Das Baby sei dann von einer Frau gefunden worden, die vom Einkaufen gekommen war. Bewohner alarmierten den Notarzt, der das Baby ins Krankenhaus brachte. Der drei bis sieben Tage alte Junge sei nach ersten Untersuchungen gesund. Die Polizei in Nordhausen sucht nach Zeugen, denen eine Frau aufgefallen ist, die eine Tasche, ein Bündel oder ein Päckchen bei sich hatte. Staatsanwaltschaft und Polizei sind inzwischen nach Absprache übereingekommen, das eingeleitete Ermittlungsverfahren einzustellen. Eine Straftat wäre an eine Gefahr für das Kind gebunden, sagte ein Sprecher am Freitag. Die war in diesem Fall nicht gegeben. Das Baby war zu keiner Zeit in ernsthafter Gefahr, da das Haus zu dieser Zeit stark frequentiert war und das Baby schnell gefunden wurde. Darauf sei die Tat auch ausgerichtet gewesen. Der Täter oder die Täterin habe offenbar gewollt und dafür gesorgt, dass das Kind in dem Mehrfamilienhaus schnell gefunden wurde. Damit ist die Situation ähnlich wie beim nicht strafbaren Ablegen eines Kindes in einer sogenannten Babyklappe. Das Jugendamt will jetzt die Vormundschaft über den Jungen übernehmen. Problematisch könnte es nur werden, wenn die Mutter später ihr Kind wiederhaben möchte. Rechtlich bestehe dafür jetzt kein Anspruch mehr.

ICH BIN EIN BRAVES KIND mit soliden Sommersprossen im Gesicht. Ich ziehe mir Verletzungen zu. Schrammen, Beulen, blaue Flecken. Ich werde nicht besucht. Ich kenne keinerlei tränenreiche Bedrückung. Wenn Besuch anlangt, bleibe ich auf dem Spielplatz hinterm Haus, am Klettergerüst. Du hörst auf, gleich den anderen Kindern zu rennen, wenn Fremde anlangen, sich an die Fremden zu drücken, den Kopf an raue Mäntel zu legen, nach Händen zu fassen in Leder gesteckt.

Mit bettelnden Augen, die Nimm uns mit, wir wollen hier nicht länger sein sagen. Schicksal meint, allein sein in der Gruppe und Strenge zu ertragen. Wir krempeln unsere Hosentaschen um. Die Inhalte fallen auf den Boden. Man fragt nicht nach einem Warum. Auf Befehl wird aufgestanden, getrottet, sich die Hände gewaschen, die Zähne ein weiteres Mal geputzt, inmitten des Raumes auf den Stuhl gestiegen, die Knie fest beisammen, die Hände artig auf die Oberschenkel gelegt, kerzengerade mit durchgedrücktem Rücken die Nase zum Fenster hin, bis man dich von der Übung befreit. Man kommt ohne Zärtlichkeit aus, wie auch ohne Taschengeld. Ich schreibe jetzt nur noch für Heinz. Seit Tegen Dort ist, schreibe ich meine netten Zeilen nur noch der Bianca zugedacht, die dieser schmeicheln, weswegen sie den Heinz mit anderen Augen sieht, ihm zur Seite sitzt, wodurch Heinz sozusagen schwebend wird. Zum Dank haut Heinz jedem, der im Ansatz wagt, gegen mich was zu haben, prophylaktisch im Voraus eins auf die Fresse.

Der Blick geht ins Leere. Wie in Trance sitzt die Gorilla-Mama Gana im Käfig, das tote Baby Claudio (13 Monate) liegt wie eine Puppe in den mächtigen Händen. Bewegende Szenen am Affenhaus des Zoos in Münster. Viele Zoobesucher reagieren geschockt. Eltern müssen ihren Kindern erklären, was passiert ist. Der Zoo hat Hinweisschilder mit einer Erklärung vor dem Gehege aufgestellt. Wir wollen den Besuchern die Natur zeigen, wie sie ist, sagt der Zoobiologe. Der Prozess des Abschiednehmens ist wichtig. Wir wollen die sozialen Vorgänge nicht unterbrechen. Zwei Jahre zuvor hatte sich Gana aus Eifersucht immer wieder mit Gorilla-Dame Changa, die im gleichen Gehege lebt, um deren Baby gestritten. Das Affenmädchen wurde von Gana erst schwer verletzt, wenige Monate später sogar getötet. Nachdem Gana dann vor einem Jahr ihr erstes Kind Mary Zwo auf die Welt gebracht hatte, vernachlässigte sie ihre Tochter, das Affenmädchen musste von Kinderärzten gerettet werden. Ob Affen-Mama Gana schuld am Tod ihres Jungen Claudio ist, muss nun untersucht werden, die Todesursache ist noch unklar. Genaueres wissen wir erst, wenn Gana von ihm ablässt und wir ihn obduziert haben, gibt der Zoobiologe den Medien bekannt.

Es KANN JA NICHT immer so bleiben hier unter dem wechselnden Mond, es blüht eine Zeit und verschwindet, was mit uns die Erde bewohnt, es haben viel fröhliche Menschen lang vor uns gelebt und gelacht, den Ruhenden unter dem Grabe sei freundlich ein Becher gebracht, es werden viel fröhliche Menschen lang nach uns des Lebens sich freun, wir sitzen so fröhlich beisammen und haben uns alle so lieb, wir heitern einander das Leben auf, ach, wenn es doch immer so blieb, und weil es nicht immer kann bleiben, so haltet die Freude recht fest, wer weiß denn, wie bald uns zerstreuet das Schicksal nach Ost und West, und alle, ja alle wirds freuen, wenn einem was Gutes geschah, und kommen wir wieder zusammen auf wechselnder Lebensbahn, so knüpfen ans fröhliche Ende den fröhlichen Anfang wir an.