Stein um Stein müssen wir die Kante monatlich einmal aus der Fassung nehmen, säubern und wieder neu einfügen. Steine vom Ostseestrand aufgelesen. Alle ein Maß, eine Form, eine Größe, ein Gewicht, werden sie von uns herausgenommen, gereinigt, blank geschrubbt, mit weißer Farbe bestrichen. Das Tünchen der Steine ist eine mühselige, undankbare Sonderarbeit, die der Herr Heimleiter persönlich beaufsichtigt. Der Stein wird aus der Rasenrandreihe genommen und von seiner Altfarbe befreit. Der gesäuberte Stein darf keine alten Farbspurenelemente aufweisen. Finden sich alte Farbpartikel, ist das Kind ein Kind, das Schaden angerichtet hat, die Ordnung stört, die Steine mit Finger und Nagel fix und fertig zu reinigen hat. Schaut alle her, fordert der Herr Direktor, setzt den Stein an die Hand des Kindes, bringt den Fingernagel der Kinderhand an den Farbrest, kratzt ihn mit dem Fingernagel des Kindes fort; fordert von allen anderen Kindern, sich bei der Arbeit nicht so zu haben, die Fingernägel zu benutzen, die nachwachsen. Die Steine werden mit einem matten Weiß vorgestrichen. Die Führung des Pinsels hat sich an den Stein anzupassen. Jeder Stein hat eine eigene äußere Struktur, weiß der Herr Heimleiter, die als Maserung ihren sichtbaren Ausdruck fände, wie auf unseren Köpfen die kurzen Haare Stoppel und Wellen, Wirbel und Lücken bilden. Ganz so wären die Steine auch beschaffen und mit dem Pinsel so zu behandeln, dass die maßgebliche Strichrichtung erhalten würde, uns beim Streichen der Steine lenke. Den Pinsel in Farbe eintauchen, mit ihm kreuz und quer den Stein einkleistern, ist uns strengstens verboten. Der Anstrich hat bis in die Ausstülpung, Erhebung und Senke am Stein zu verlaufen und soll grundsätzlich im Uhrzeigersinn aufgetragen sein. Auf dass ein jedes Kind sich der hohen Philosophie gegenüber beuge, wohnt der Herr Heimleiter dem Pinselakt bei, beobachtet seine Pinselführer, rückt uns auf die Pelle, beschimpft uns, spart nicht an Tadel und Lob, wie ihm gerade ist; und kann nicht verhindern, dass ihm im Groll die Hand ausrutscht, er den Falschmaler mit Kopfnüssen beschenkt, dessen Pinsel nimmt, ihn zerbricht, im schlimmeren Fall den Handballen des Frevlers drückt, dass seine Fingerknochen knacken. Ist der Herr Heimleiter in Rage, geht er auf und ab, stoppt alle Arbeiten, lässt uns antreten, schreitet die gesamte Malerriege ab, schwingt sich zum Donnerwetter auf, brüllt, dass er ein gerechter Mann sein will, solange ihm der Kragen nicht platzt, man ihn nicht reizt und nicht in Rage bringt. Mit ihm sei gut Kirschessen, er fahre mit jedem Einzelnen von uns Schlitten, wie es sich gehört, aber er könne auch zum Löwen werden; wenn jeder das erledige, was ihm aufgetragen, herrsche wundervolle Harmonie und Einigkeit. Steht zu den Worten, wie der Seemann auf wankenden Planken steht. Wippt den Oberkörper zu jedem Wort, als wäre er von Windstößen heimgesucht. Bläht seine Wangen, wie Segel sich blähen. Schiebt das linke Bein vor, vollführt hospitalistisch anmutende Hin-und-her-Bewegungen, die Hände hinterm Rücken fest ineinandergefügt; lässt den Oberkörper vor und zurück schnellen, schaukelt sich wie der Hoch- oder Weitspringer, als stünde er vor dem alles entscheidenden Sprung. Mir ist das Wort Heimtücke in diesem Zusammenhang in Erinnerung und Speichel am Mund des Herrn Heimleiters, er zischt uns an; und dass er gut zu uns sei, wenn er sich nicht aufregen müsse; und er kein Erbarmen kenne, keine Ausnahme mache, sich den Missetäter zur Brust nehmen werde. Geht das nicht in eure Schädel? Ist das denn nicht zu verstehen, ihr Vermasselten. Wir kuschen und fügen uns ein. Wir bereiten die Steine wie von ihm verlangt, setzen sie an ihre Ausgangsplätze zurück. Stehen sie in Reih und Glied, nimmt der Herr Heimleiter die Rasenparade ab. Zu allen Gegenständen im Heim hat der Herr Heimleiter ein besonderes Verhältnis. Möbel sind bei ihm nicht Möbel. Für ihn sind ihre Lehnen, Polster, Möbelbeine just für einen einzigen Zweck erdacht und installiert worden, dem Menschen zu dienen, schön zu sein, gut erhalten und von Attacken verschont zu bleiben. In keinen Sessel darf sich einer nach Lust und Laune wuchten, die Beine über die Lehne stülpen, im Schneidersitz hocken, gar auf der Sitzfläche stehen und hopsen. Weil Möbel nicht aufschreien, Schranktüren nicht weinen, Schubladen nicht klagen und jammern, ist die Fußbank nur mit den Füßen, nicht mit dem Hintern als Sitzfläche zu nutzen. Es schickt sich nicht, die Schranktür zu donnern, die Blumenvasen ohne Untersetzer auf das blanke Tischholz zu stellen. Da haut es den Herrn Heimleiter um. Da verschlägt es ihm die Sprache. Da muss hart durchgegriffen, schonungslos vorgegangen werden; aus Respekt vor der Handwerksarbeit, wider die Überheblichkeit und Impertinenz. Wer sich an der scheinbar leblosen Welt vergangen hat, hat zum Stuhl zu gehen, ihn freundlich anzusprechen, sich bei einem Tisch zu entschuldigen, ihm nach der Entschuldigung einen Guten Tag zu wünschen. Auf den groben Klotz gehört ein gröberer Hammer. Die gezielte Maßnahme ist besser als der zurechtweisende Satz. Der Bösewicht soll auswendig lernen. Der auf Abwege geratene Zögling soll die Hausordnung kennen, einzelne Teile aufs Wort hersagen. Die Hausordnung ist wichtiger als eine Schulfibel. Es habe noch keinem geschadet, für das Gemeinwohl faule Kartoffeln aus der Kellerhalde zu klauben, zu lernen, was aussortiert gehört, was nicht nach der Norm ist, sich nicht in die Gemeinschaft einpassen will. Das gesamte Heim hat auf dem Hof anzutreten. Alle müssen wir zur Strafe stehen, bis sich der Schuldige freiwillig meldet, den Dienst in der Küche, die Arbeit im Kartoffelkeller anzutreten. Je rascher sich der Schuldige bekennt, umso schneller ist das Strammstehen um, der Rest darf ins Heim zurück, auf die Zimmer, die Sachen auf den Millimeter geordnet stapeln, bis der Herr Heimleiter zur Kontrolle aufs Zimmer kommt.
Du bleibst im Heim, steckst fest in ihm wie das kleine Rad in einem Riesenuhrwerk, dessen Klöppel dir im Sekundentakt auf den Schädel klopfen; kein hartes Klopfen, sanft und regelmäßig, dass es kaum auszuhalten ist, dein Heimkindsein. Frühes Wecken, gemeinsames Waschen. Du kennst die Geräusche aus den Zimmern der Nachbarheimkinder, wie du das schlechte Radioprogramm des Hausmeisterehepaars kennst, ihre Volksmusiken. Wenn wir auch kein Federbett haben, tun wir uns ein Loch ausgraben, legen Moos und Reisig nein, das soll unser Federbett sein. Wir sind geübt in flinke Reinigung der Zimmer, der Nachttische, Antreten zur Flurreinigung, zum Fußbodenwischen. Mahlzeiten und Sitzordnungen, Abtreten, Vortreten, Zurücktreten, Rumstehen, Kehrtwenden, Abgehen, Hineingehen, Hinausgehen. Als Paar sind die Treppenstufen hinauf- und hinabzugehen. In der Freizeit sind eingeübte Spiele zu absolvieren. Abgegriffene Bücher. Selten Zeit zum Lesen. Ruhe und Schweigen nach dem letzten Toilettengang bis zum Lichtausschalten. Und manche Kinder täten nichts lieber, als aus dem Heim auszubrechen, dem gemeinsamen Trott zu entkommen; die Beine in die Hände genommen, über Stoppelstein und Feld. Und andere Kinder wiederum reden leise davon, sich wegzumachen, abzusinken, zum Grunde zu schweben, dort zu sein, wo sie dich nicht finden und nie mehr zurückbringen können, aus der tiefen, schönen unbekannten, kalten, nassen Anderwelt. Ade, ihr Brüder mein, kann nicht mehr bei euch sein, die Gesellschaft muss ich meiden, muss aus dem Heime scheiden, das tut so weh, wollt ihr mich noch einmal sehn, steiget auf des Berges Höhn, schaut herab ins tiefe Tal, da seht ihr mich zum letzten Mal, gehet noch ein wenig mit, hab euch alle geladen, hab gemacht kein Unterschied, und der Weg ist weit zu die fremden Leut. Denn da ist der Hunger, und der schärfste Freund des Hungers ist der Durst, der ungefragt kommt. Du kannst dir in den Magen boxen. Du kannst dir in deiner Zelle die Kehle abschnüren, Hunger und Durst besiegen dich. Es geht nur darum, wie lange du durchhältst, wie vielen Stunden es braucht, bist du zum Kriechwasser wirst. Die Wände geben dir keinen Halt. Die Wände sind von denen, die vor dir mit dem Rücken zur Wand standen, glatt gerieben. Glänzend wie Metall und auch so hart. In Silberpapier gewickelt, wird die tote Forelle ins Feuer geworfen. Du sitzt ein. Du hörst Türen knacken. Zwischendurch ist lange Zeit Ruhe. Wo bin ich, beginnst du dich zu fragen und sollst dich befragen, der du eingesperrt bist. Hier kannst du hämmern, brüllen, beißen, klopfen und dir die Lunge aus dem Leib schreien. Wenn es genug ist, legen sie dir Knebel an, binden dir Handbänder um, trainieren sich in der Kunst des Armauskugeins, der Handhabung von Haltegriffen und Tritten gegen dich, die du dir beigebracht hast, wie sie sagen, noch während sie in der Überzahl sind, zu zweit, zu dritt gegen dich. Du bist ihnen ausgeliefert, liegst nackt vor ihren Füßen. Sie haben Anweisung, erfüllen Pflicht, sind gewohnt, grinsen zufrieden, wenn du aufgibst und still aufgehört hast zu toben. Du darfst dann auch auf die Toilette gehen, bekommst zu trinken und zu essen, auch wenn sie dich Müllsack, Zigeuner und Schande schimpfen.