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Schreckliche Vorwürfe gegen den Kindergarten» Sonnenkäfer «in Mechelgrün: Erzieherinnen sollen Kinder gequält haben mit Zwangsfüttern, mit Schlägen, mit grauenhafter Lieblosigkeit. Für Durchfall gab es Schläge, Erbrochenes musste gegessen werden, nasse Schlüpfer wurden Kindern zur Strafe ins Gesicht gedrückt. Diese unglaublichen Vorwürfe gegen drei Erzieherinnen stehen in einem Schreiben an die Neuensalzer Bürgermeisterin. Das Schreiben hat eine Technische Kraft der Kita verfasst. Es liegt dem Vogtland-Anzeiger vor.»Vorerst kein Kommentar«, sagt die Frau. Es soll noch einen ähnlichen Brief geben, geschrieben von der vierten Erzieherin, auch sie hüllt sich in Schweigen. Zeitungsberichte würden nur schaden. Gestern Abend hatte der Elternrat des Kindergartens Eltern, Erzieherinnen und Bürgermeisterin Carmen Künzel zu einem Elternabend in den Zschockauer Hof eingeladen.

Die Versammlung dauerte bei Redaktionsschluss noch an. Nach Informationen unserer Zeitung werden Vorwürfe gegen Bürgermeisterin Künzel laut. Hauptvorwurf: Sie kenne seit drei Wochen die Anschuldigungen und habe nichts unternommen, auch die Eltern nicht informiert. Die Eltern haben gestern das Kreisjugendamt eingeschaltet. Dort muss helle Aufregung herrschen wegen der Vorwürfe. Hat Landrat Lenk den Vorfall zur Chefsache gemacht? Das Landratsamt schreibt, dass es» fachlich nicht korrekte Arbeit im Kindergarten «gegeben habe, die Prüfung laufe. Vor knapp einer Woche hatte der Vogtland-Anzeiger über den Mechelgrüner Kindergarten berichtet, dass eine Erzieherin dort Kindern Pflaster auf den Mund klebt, wenn sie zu laut sind. Eine Stellungnahme von der Gemeinde war bisher nicht zu bekommen. Auch eine Anfrage an Frau Künzel gestern blieb unbeantwortet. Nach Recherchen unserer Zeitung wurde der Arbeitsvertrag mit der schlimmsten Erzieherin aufgelöst, jener, die Kinder bis drei Jahre betreut und der die größten Verfehlungen vorgehalten werden. Angeblich soll diese herzlose Erzieherin eine Abfindung von der Gemeinde bekommen haben, damit sie nicht vors Arbeitsgericht zieht. Stimmt das, Frau Künzel? Die zwei anderen Erzieherinnen sind beurlaubt, wie es am Schwarzen Brett des Kindergartens heißt. Derzeit wird der Betrieb des Kindergartens aufrechterhalten mit der vierten Erzieherin und Personal vom zweiten Kindergarten der Gemeinde in Neuensalz. Am vergangenen Sonntag hatte es einen Treff von Eltern gegeben: Tenor war, Strafanzeige gegen alle, die ihre Verantwortung nicht wahrgenommen haben, zu stellen.

WIR SCHREIBEN DAS JAHR 1963. Martin Luther junior King führt eine große Bürgerrechtskampagne in Birmingham, Alabama an. Im Süden kommt es zu Aufruhr um die Registrierung Schwarzer in Wählerlisten. King tritt gegen Rassentrennung an, für gleichgestellte Schulbildung, menschliche Wohnungen. King führt den Marschblock auf Washington zu, wo er seine berühmte Rede hält, I have a dream sagt. Wir erfahren davon erst viel später, haben mit Menschen zu tun, denen das alles Alltag und Weltpolitik war, die mit solchen Geschehnissen im Hinterkopf zu uns sprachen. Kein Wunder also, dass die Ereignisse in diesem Bericht an dieser Stelle Platz nehmen. Ich wühle in meinen CDs, lege Wilson Pickett ein, der neben James Brown zu den großen Soulstars der 6oer gehört. I Can't Stop etabliert den Southern Soul aus Memphis, Tennessee, im besten Studio von allerbesten Musikern jener Zeit aufgenommen. Pleuse Please Me und From Me To YOU und She Loves You Lauren sich den Rang ab. Seien wir korrekt und diszipliniert. Bianca und die Sache mit der 35-Pfennig-Walter-Ulbricht-Briefmarke stehen für die größte Entdeckung meines Lebens. Die Entdeckung ändert mein Verhältnis zum anderen Geschlecht. Das Tierkreiszeichen der Chinesen ist das des Hasen. Ich mag Hasen sehr. Eine Briefmarke in meiner Briefmarkensammlung zeigt einen Hasen beim Hunderennen. Ich weiß nicht, dass der Hase unecht ist. Ich weiß nicht, dass die Windhunde einem Gestell nachhasten, das von einem Fell überzogen ist, das dem Pelz eines Hasen ähnlich sieht. Der Gärtner von nebenan, der auch ein Hasenmeister ist, sagt, dass er nach dem Krieg im Hinterhof Hundewettspiele mit aus dem Krieg übriggebliebenen Hunden veranstaltet hat. Er versucht, mir meine Hundemarken abzuluchsen. Die gebe ich nicht her. Die brauche ich für eine Tauschaktion. Das kann der Hasenmeister gut verstehen. Er ist oft betrunken und schiebt eine Fahne vor sich her. Er raucht Selbstgedrehte und schaut mich manchmal merkwürdig an, streicht mir übers Haar, nennt mich Minjong, sagt, dass er mir mit den Jahren Dinge erklären wird, über richtige Hunderennen auf ovalen Bahnen, die im Grunde Hetzjagden sind, warum jeder Rennhund einen Pass besitzt, in ihm den Namen der Mutter, des Vaters eingetragen. Er nennt sich Trainer, weiß, wann eine Hündin läufig ist, führt mich zu seinen Kaninchenställen, die er geheim hält vor den Heimkindern.

Sie würden meinen Tieren die Pelze vom Leibe streicheln, sagt er und bringt mir bei, wie er die Hasen bürstet. Jeden Tag eine Stunde, wenn sie haaren, zwei. Das Bürsten hilft den Langohren durch die Mauser. Er trainiert die Hasen für die Hasenschau. Er sagt, wahre Schönheiten seid ihr, meine Hasen, ihr mit euren blauen Augen. Drückt seinem Rammler einen Kuss aufs Fell, redet mit geröteten Augen. Aus dem Krieg mitgebracht. Spricht von der tollen Zeit, Fischsoljanka aus dem Stahlhelm gelöffelt, wilde Tänze. Hasenscharte, Hasenscharte, ruft Heinz Bianca hinterher, hält sich den Bauch beim Lachen, ruft Silberblick, Silberblick. Die nennt ihn Angsthase, weil er nicht von der Seebrücke ins Wasser springt, kein Ei aus der Eierschale saugen will oder einen Regenwurm nicht essen und sein eigenes Pipi nicht trinken mag. Bianca ist immer vorneweg und eins von den Mädchen, die lieber ein Junge geworden wären. Beim Klettern am Gerüst macht ihr keiner was vor und so leicht nach. Sie hat zwei kräftige Arme. Sie kann eine Menge übereinander gestapelte Suppenteller tragen. Hab mein Wagen vollgeladen, voll mit alten Weibsen, als wir in die Stadt neinkamen hüben sie an zu keifen, drum lad ich all mein Lebentage nie alte Weibsen auf mein Wage, hieh, Schimmel, hieh, hab mein Wagen vollgeladen, voll mit Männer alten, als wir in die Stadt neinkamen, murrten sie und schalten, hieh, Schimmel, hieh, hab mein Wagen vollgeladen, voll mit jungen Mädchen, als wir zu dem Tor neinkamen, sangen sie durchs Städtchen, zieh Schimmel, zieh.