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Bianca zeigt die lila Briefmarke kurz einmal her. Sie liegt auf ihrer flachen Hand. Sie hält die flache Hand dicht an ihrer Brust. Die Marke ist schön. Die Marke erregt mich, wie zu erwarten war. Bianca führt die Marke unterhalb meiner Nase entlang, beobachtet mich dabei, schaut mir in die Augen, will sehen, was für Riesenaugen ich mache. Das Licht der Taschenlampe sticht meine Pupillen. Ich bin bereit, alle Marken Bianca zu geben. Bianca ziert sich. Ich schiebe ihr meinen Markenstapel hin. Sie nimmt an und gibt sich gut gelaunt, ist albern, verschränkt die Arme, grinst mich breit an, sagt: Was, wenn ich sie dir nicht geben will? Gib sie mir, sie steht mir zu. Such sie doch, gluckst Bianca, macht mich wütend. Ruckzuck bin ich um die Bianca rum, fahnde nach meinem Besitz, suche viel zu lange und ausgiebig. Gebe die Suche auf, finde die Marke nicht, bin am Kochen. Verfluche das Mädchen. Spüre, dass mir gleich Tränen kommen. Und Bianca lacht, wischt mir mit ihrem Schlafanzugsärmel die Tränchen weg, dass ich aufhöre zu betteln, die Bianca anzuflehen, nicht vertragsbrüchig zu sein, sondern die Bianca umschubse. Die kichert und gluckst in Wiederholung: Such sie richtig. Such sie richtig. Ich suche und ich finde die Marke nicht. Die Marke bleibt unauffindbar, ist verschollen. Es ist absurdes Theater. Es ist an dem Stück nichts mehr komödiantisch. Es ist gemein, wie lange sich die Bianca mir gegenüber so aufführt; der ich fast zwei Jahre jünger bin als sie. Ich habe der Bianca meine Marken ausgeliefert. Sie verweigert sie mir frech. Die gemeinsame Bettdecke ist längst fortgeschleudert und zu Boden gegangen. Was hier zum schlechten Beispiel durch eine Tauschpartnerin abgezogen wird, ist unehrenhaft und gehört sich nicht unter Philatelisten. Wir sind allein im Heim. Ich kann zu niemandem gehen, mich über die Bianca beschweren, den Fall der Köchin erläutern, dass die sich die freche Bianca schnappt, ihr die Leviten verliest, sie zurechtweist, in Kenntnis setzt, dass es im Tauschhandel Regeln gibt, die einzuhalten sind, sonst wäre ja reinste Anarchie ausgerufen. Ich kriege dermaßen eine Wut auf die Bianca, dass ich die Bianca bei ihren Haaren fasse und dran zerre. Die schreit auf. Die nimmt mich in den Schwitzkasten. Wir plumpsen vom Bett auf die Zudecke am Boden. Der Schwitzkasten wirkt. Ich bekomme keine Luft. Ich sterbe und die Bianca erlöst mich. Ich soll ihr versprechen, artig zu sein, unter die Bettdecke zurückzuschlüpfen, wo sie mit mir noch einmal über alles reden wird. In vernünftigem Tonfall. Mit Manier und Anstand.

Gesagt, getan, sitzen wir unbewegt unter der Bettdecke. Es herrscht wieder das Licht der Taschenlampen. Meine Marken sind bei der Bianca im Nachttisch verstaut. Ich sitze der Glucke gegenüber. Ich bewege mich nicht, ich werfe der Bianca nur abwertende Blicke zu. Blicke mit zusammengekniffenen Augenschlitzen, die ihr signalisieren sollen, dass ich nicht aufgeben werde, bis die 35 er-Walter-Ulbricht-Briefmarke zum rechtmäßigen, neuen Besitzer hinübergewechselt hat. Komische Figuren dürfen sinnlos erscheinende Dinge tun. Komische Figuren ergehen sich im Extremfall, wie bei Becke«, in reiner Pantomime. Meine Drohungen sind zwecklos. Ich lasse dennoch nicht von meinen verkniffenen Augenlidern ab. Der Handlungsfaden ist bis zu seiner Unkenntlichkeit aufgelöst. Die Figuren sind ihrer Funktion beraubt. Ich bin der Bianca in die Hände geraten. Ich bin ihr ausgeliefert. Ich bin lilasüchtig. Man spricht unter Fachleuten vom Theater der Grausamkeit, das die Bianca mit mir betreibt. Ich bin erschöpft. Ich bin ohne Chance. Ich bin so gut wie erledigt. Der schöne Tauschtag rutscht ins Makaber-Gewalttätige ab.

Das Ende ist der Anfang, und doch machen wir weiter, heißt es bei Beckett. Bianca lacht und zischelt: Gib nicht auf. Such nur, such. Ich bündele meine Wut. Ich schubs die Bianca um, hebe sie an, werfe die Bianca zu Boden. Bianca lacht im Umkippen: Du findest sie nicht. Niemand findet sie. Sie will Kaltheiß mit mir spielen. Ich gehe darauf ein. Ich bin da und dort mit meinen Händen. Ich suche die Bianca dort und hier zu umfassen und bin von dem Mädchen mit kälter, kalt, warm, heiß, heißer bald in die Richtung geführt, bald in die nächste gelenkt und lande vor dem Schockgebilde zwischen ihren Beinen. Wir halten ein. Bianca sagt: Du wirst die Marke nur finden, wenn ich es will. Ich bin die Königin. Du bist die Königin. Meine stille Empörung ist Ausdruck einer existentiellen Stresssituation. Ich bin am Ende meiner Mittel angelangt. Mit wütender Kraftreserve setze ich mich noch einmal gegen die Bianca in Szene, nehme allen Mut zusammen, lange hin, wohin gelangt sein will, durchsuche ihr Mädchenhaar, schaue unter den Achseln nach, durchforsche die Rückenpartie. Die Marke ist auf Nimmerwiedersehen verschwunden, steckt nirgends, nicht hinter den Ohren, im Mund nicht, nicht zwischen den Zehen und Fingern. Bianca lenkt überraschend ein, schlägt einen Deal vor. Du kriegst die Marke, wenn ich dafür was kriege. Ich sage zu, egal was sie von mir will. Sammler sind risikofreudig. Sammler sind verrückt. Ich gebe meine Hand darauf, die Hand eines Sammlers.

Sie möchte meinen Penis berühren, der sich beim Ringen und Suchen vor ihrer Wunde aufgerichtet hat, ein Zeigestock, der zwischen meinen Beinen ragt. Bianca legt die 35er-Walter-Ulbricht-Briefmarke von sonst woher geholt aufs Laken. Das Licht ihrer Taschenlampe auf meinen Penis gerichtet, erlebe ich ihn wie nicht so oft im Leben. Sie greift meinen Penis, betastet die Haut, sucht die Haut nach hinten zu verschieben, dass es schmerzt, mich aber nicht aufschreien lässt. Ich halte dem Schmerz stand. Bianca sagt: Jetzt du. Greif mich an. Ich will der Bianca nicht zwischen die Beine fassen. Ich will ihre Wunde nicht berühren. Ich weigere mich, den Finger an ihr Fleisch zu legen. Bianca ermahnt mich, niemandem davon zu erzählen. Ich bin entlassen. Ich flüchte das Tauschbettenlager. Ich stürme den Flur entlang, die Treppenstufen runter, in mein Zimmer, wo ich mich unter der Bettdecke meines Bettes verberge; und fühle mich wie in all den vorherigen Kinderheimjahren nicht; einzig die lila Marke wärmt mir die Hand. Ich fühle mein Glied schmerzen. Wenn mich das Geschehen unterhalb der Bettdecke verwirrt hat, so habe ich jetzt bei einer Sache einen unschätzbaren Vorteil, die den Jungs, wenn sie eng beisammenstehen und tuscheln, Kopfzerbrechen bereitet. Wie unter Bibelforschern werden heikle, abwegige, kühne Theorien geschwungen. Ich mische mich nicht ein. Ich habe der Bianca ein Versprechen gegeben.

DA IST DIESER WINTERTAG wieder, der mich auf dem Weg zu den Adoptionseltern sieht. Das ist der Beginn meiner Adoption. Da bin ich einiges über zehn Jahre alt. Schnee liegt in der Luft. Schnee fällt und wird Schneefall, der nicht vorhergesagt worden ist, so plötzlich aufgezogen, wo es diesen Tag für mich in die nächste Lebensrunde geht. Es schneit. Schnee ist mein Lebensbegleiter. Der genaue Weg ist mir von der Erzieherin erklärt worden: Die Straße hoch bis zur Drogerie, am Bäckerladen vorbei auf den Russenplatz zu, die erste Seitenstraße hinein und bis zum Sportplatz, dort gegenüber obere Etage. Na, bitte. Wie du das aufsagen kannst, lobt mich die Ankleiderin. Ich sage den Namen der Lehrerfamilie auf, wohnhaft in der Mittleren Allee. Ich kenne den Sportplatz nicht, habe nie zuvor von ihm gehört. Alles am Neuen ist neu. Ich lasse mich von der Erzieherin fertig ankleiden. Die Erzieherin nennt mich einen großen Jungen, dem man nichts groß erklären braucht. Ich richte mich an ihren Worten auf. Ich wachse über das Lob hinaus, dem Lob der schönen Erzieherin mit dem schwarzen, langen, dicken, festen Zopf am Rücken, den ich an ihr liebe, der ihr bis zum Hintern reicht. Ich habe gesehen, wie sich die Erzieherin mit einem Nassrasierer die Beine von Schaum frei rasierte, Spuren von Haut wie Bahnen von einem Schneeschieber frei geschoben. Schaum am Knöchel, am Rand ihrer Unterhose, die seidig glänzte. Dieselben zarten Finger kleiden mich an. Der Mund, aus dem hervor in Konzentration die Zunge der Erzieherin wuchs, die sprechende Miesmuschel, instruiert mich. Ich werde von der Erzieherin losgeschickt. Einen flüchtigen Klaps erinnere ich zu ihren Worten vor dem Treppenabsatz, mir nachgerufen: Kommst gerade recht zum Abendbrot. Wird Gutes geben bei denen. Da bin ich mir sicher, Kleiner. Mir schwante Unglück, aber ich frage nicht, warum ich den Weg allein gehen muss. Ich stürme los und gerate prompt in Schnee, von dem ich sagen könnte, er ist mir zur Hilfe gefallen, hat sich mir absichtsvoll vor die Augen geworfen, dass ich umherirre, trotz der Wegbeschreibung durch die Erzieherin den Weg zu den Adoptionseltern nicht finde. Als weißes Bemühen. Als letzte, schneetolle Behinderung. Weil die Adoption nicht glückhaft würde. Schnee fällt. Schneefall will mich aufhalten. Ich höre, sehe, fühle und vernehme die Warnung nicht. Ich renne stattdessen einzelnen Flocken nach, laufe auf Flocken zu, jage ihnen hinterdrein und drehe mich im Kreise um die Flocken, die um mich tanzen. Wie lustig die Flocken fallen und treiben, wie anders die Leute im Schneeflockenfall aussehen. Alles um mich herum ist Schnee und Wirbel. Und weiter fällt der Schnee, wird dichter. Ich komme mit dem Schneeeinfangen nicht mehr hinterher. Immer stärker fällt der Schnee über die kleine Ostseeortschaft her, leitet mich entlang meines Weges an der Friedhofsmauer vorbei, auf deren rundliche Kuppel sich der Schnee absetzt. Mit beiden Händen schiebe ich den Schnee zusammen, forme nach der ersten die nächste Schneekugel meines schönen Wintertages, klaube den Schnee vom Mauerwulst, bis mir die Finger frieren, ich sie zwischen Unterhose und Haut stecke, damit sie mir nicht abfallen. Ich weiß die Schmerzen nach der Freude wieder. Ich sehe mich auf der Stelle hopsen. Das Ziepen in den Fingern hält mich lange auf. Die Zeit ruft Ansätze zur Dunkelheit auf den Plan. Dunkelheit hinterm Schnee, hinter schneegefüllten Wolken, die aufkommen, früher als erwartet, den Tag in Nachtdunkelheit hüllen. Ich laufe an der mittleren Allee vorbei. Ich gehe hin und zurück. Ich verirre mich. Ich tapse im Schneedunkel herum, finde den Namen der Allee auf keinem Schild vermerkt, weil die Schilder mit Schnee bedeckt sind und allesamt viel zu hoch angebracht, sodass es dem Knirps, der ich bin, unmöglich ist, zu ihnen hochzuspringen, sie mit einem Handstreich von ihrem Schneebefall reinzuwischen. Auf die Idee, einen Schneeball zu formen, das Schild damit zu torpedieren, komme ich nicht, klamm, wie mir die Finger sind. Dabei kann ich gut werfen und treffen. Ich brauchte auch nur mit dem Fuß so kräftig gegen die Pfähle der Schilder treten, dass der Schnee abfällt, den Namen der Straße verrät.