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DIE AUSTRALISCHE REGIERUNG führte einst ein Gesetz ein, mit dem Regierungsbeamte ermächtigt wurden, Kinder von Ureinwohnern von ihren Müttern zu trennen, damit sich die Zukunftsaussichten der betroffenen Kinder verbesserten. Es wurden auf diese Weise unzählige Familien auseinandergerissen, die den Müttern entrissenen Kinder in Schlafsäle verbracht und zur Adoption freigegeben. In ihren Gebieten wurden die Wanderbewegungen der Aborigines kontrolliert. Verwandte wurden voneinander isoliert. Der familiäre Vernichtungszug ging mit der Zerstörung der kulturellen Identität einher; ohne Zugang zu ihren sakralen Orten erstarb die Traumzeit-Mythologie, das auf ständige Erneuerung im Ritus angelegte Weltbild der Aborigines, durch nichts Vergleichbares zu ersetzen.

Zogen die Aborigines in europäische Siedlungen ein, so lieferten sie sich der herrschenden Siedlungspolitik aus. Sie lebten als Viehtreiber, Hilfsarbeiter. Sie durften ihre Sprache nicht mehr sprechen. Ihre Zeremonien und Gebräuche wurden verboten, ihnen der Kontakt zu anderen Aborigines streng untersagt.

DIE WOHNUNG DER ADOPTIONSELTERN. Dicke Vorhänge, mit Beginn der Dämmerung zugezogen, hindern jedes Licht von außen einzudringen. Die Vorhänge wiegen schwer und lassen sich nur unwillig bewegen. Die Halterungsstangen sind gut verankert und leicht gebogen, vom Gewicht der Vorhänge mürbe geworden. Das Wohnzimmer erinnere ich dunkelgrün, das Innere einer Galle. Die Möbel sind dunkelbraun lackiert. Schwere, eckige Sitzkissen mit goldenen Fäden eingefasst, mit Kordeln versehen. Bommeln. Schnüre. Dunkle Kissen. Dunkle Lehnen. Dunkle Tischbeine. Eine dunkle Anrichte mit einem dunklen Anrichtenaufbau. Eine dunkle Stehlampe mit dunklem Lampenbogen. Am Metallbogen ein riesiger, dunkler Lampenschirm. Lichtundurchlässig. Pergament oder Tierhaut. Üppig ausladende Deckenleuchte mit acht dunklen Krakenarmen drohend über dem dunklen Wohnzimmertisch, um ihn herum vier Stühle, drei Sessel. In der Ecke der vierbeinige Fernseher, groß wie ein Geldschrank. Decken und Deckchen. Selbst auf dem zierlichen, auf Rollbeinen verschiebbaren Teetischwagen. Abwechslung bescheren die zwei seidigen Sitzkissen auf der mit Schutzdecken eingemummelten Omakautsch, die von der Adoptionsmutter mit rabiater Handschlagkante in Knickhaltung gebracht werden, sodass sich ihre beiden seidigen Ecken in lachhafte Zierzipfel verwandeln, die sich spitz zur Decke recken, als würden die Sitzkissen um Hilfe rufen. Wenn die Adoptionsmutter die Kissen mit Vertiefung versieht, kommentiert die Großmutter ihr Tun mit einer Kopfbewegung über die Schulter der Adoptionsmutter zu mir hin. Die Kautsch der Großmutter steht im Großmutterzimmer. Sie nennt sie Kautsch wie К und autsch hinten dran. Kautsch wie autsch sage auch ich zu dem Möbelstück. Das Zimmer liegt hinter der Tür im Flur links neben dem Doppelspiegel. Das Zimmer ist nicht größer, als ein Doppelbett groß sein kann. Die Kautsch ist mit Samt bezogen. Ich fahre mit meinen Fingern die Oberflächen, Seitenflächen, Ränder ab, um Linien zu hinterlassen, die am Ende einem gepflügten Acker ähnlich sehen. Der Samt ist mir kirschenrot in Erinnerung. Ein tiefes gesundes Rot, zum Hineinbeißen frisch und knackig. Die Großmutter schläft in einem Bauernbett mit Holzbogen. Das Bett knarrt so schön. Knarre, alte Ware, knarre. Die Wände sind voller Tapeten. Die Tapeten sind leer. Gehen uns die Tapeten flöten. Wo kriegen wir nur neue schwere Muster her. Denn da ist ja nur die eine Wand mit dem einen Bild geschmückt. Auf dem Bild eine Landschaft. Ein Landschaftsausschnitt. Oberschlesien, wie die Großmutter lobt. Nicht viel größer als ein bescheidener Rembrandt. Die Landschaft, die das Land schafft. Land. Wand. Wald. Allee. Bäume mit dicken Stummeln statt Asten: alles von dunkler Farbgebung. Auf der Kautsch-autsch sitzen ist schön. Die Wohnung der Adoptionseltern kommt ohne Dusche aus. Die Toilette ist viel zu eng für die zwei beleibten Benutzer, denkt das Kind. In der engen Toilette gibt es nur das winzige Handwaschbecken, das mehr ein Modell von einem Waschbecken ist, als dass man es benutzen kann. Eine Miniaturausgabe. Mir reicht es hin. Ich bin klein. Ich kann in der Enge fröhlich sein. Ich kann mich an dem Becken waschen, weil ich kleine Hände mit schmalen Fingern habe. Und lassen sich Tropfen nicht vermeiden, muss das Kind sich bescheiden. Die Fußbank unter meine Füße geschoben und gut eingeübte Hüftverrenkungen getätigt, ermögliche ich mir eine tropfenarme morgendliche Katzenwäsche. Und ist da auch in der Enge kein Platz für die Ganzkörperwäsche, so muss ich dennoch nicht in die Küche umziehen, ans Waschbecken, an die Abwaschschüssel vom Ausziehtisch treten. In der Küche, rechts neben der Eingangstür, steht dem Adoptionsvater sein gusseiserner Ausguss zur Verfügung. Dreimal größer als mein Minibecken und fest in die Küchenwand montiert. An ihm unterzieht der Adoptionsvater sich der Reinigung, ein immer gleicher, komplexer Bühnenakt, ein Ein-Personen-Theaterstück. Es ist eine klatschende Auftaktmusik zu hören. Besser noch lässt sich die Szene mit einer Komposition von Franz Liszt untermalt beschreiben, eine seiner neunzehn Ungarischen Rhapsodien, entstanden unter dem Einfluss der magyarischen Volksmusik, Nummer zwei, in der Interpretation von Jenö Jando. Alles Weitere läuft wie in einem Stummfilm ab. Wer will, bedient sich der Literatur. Man kann zu dem Spiel auch den von einem Raben selbst gesprochenen Text Edgar Allen Poes über der Musik schweben lassen; und dieser Rabe spricht dann mit der Stimme von Gustaf Gründgens.

Einst, um eine Mittnacht graulich, da ich trübe sann und traurich müde über manchem alten Folio lag vergess' Lehr' — da der Schlaf schon kam gekrochen, scholl auf einmal leis ein Pochen, gleichwie wenn ein Fingerknochen pocht von der Türe her.

EINEM RABEN GLEICH in morgendlichen Pantinen, trottet der Adoptionsvater zum gusseisernen Becken. Dürre Bengelbeine in klapprigen Latschen. Hauspantinen, die mit dem Mann gealtert scheinen, zu beiden Seiten lädiert und unübersehbar reparaturbedürftig. Zu diesen Hauspantinen völlig unpassend, trägt der Mann einen tadellos sitzenden Seidenschlafanzug. Das schicke Teil etabliert sich unterhalb einer von Hand gehäkelten, deutlich übergroßen Joppe, die an dem Leib des Adoptionsvaters schlottert. Der Adoptionsvater legt erst die Wolljacke ab und knöpft auf dem Gang zum Gusseisenbecken die Seidenschlafanzugsjacke auf, um sie über die Sitzfläche des Küchenstuhls neben dem Waschbecken zu legen, der für ihn dort hingestellt worden ist; nebenbei bemerkt, es ist der Küchenstuhl, auf dem ich sonst sitze. Ich bin der einzige Zuschauer. Die anderen sind mit sich und mir beschäftigt, tun jedenfalls um mich herum, der ich zwischen Tischkante und Fensterbrett geklemmt am Tisch sitze, den Hals recke und von den Frauen kopfschüttelnd ermahnt werde, den Kopf gerückt bekomme, derweil ich auf mein Frühstück zu warten habe, links neben mir die schmale Tür zur Speisekammer versperrend, das Reich der Großmutter.

Der Adoptionsvater lässt vor dem Becken recht bald die Schlafanzughose runter, gibt allmorgendlich die nackte untere Teilansicht von sich zu sehen, wie einem modernen Ölgemälde entnommen oder als Teil eines gewollt skandalösen Theaterstücks der jüngeren Zeit. Dreht den Wasserhahn auf. Wäscht sich untenherum. Lässt den Waschlappen auf- und abtauchen. Spielt mit dem Waschlappen Verstecken. Kann klatschende Waschlappenaufprallgeräusche nicht vermeiden. Verrät durch das Klatschen, wo sich der unsichtbare Lappen befindet, weil morgens alles so schnell gehen soll und er sich stets mit kaltem, manchmal eiskaltem Wasser waschen muss. Ein wascherprobter, alter Waschlappen klatscht an müde, alte Männerhüfte, verschwindet zwischen Bauchunterseite und Innenschenkel, blitzt am Gesäß auf, erzeugt dabei ein Glucksen wie von Stiefeln beim Wasserwaten im modrigflachen Gewässer. Mich kräuselt das Waschlappenklatschen. Ich habe bis heute kein anderes Wort zur Beschreibung des Vorganges gefunden als das Wort kräuseln, das dem Erlebten als Begriff in etwa Ausdruck verleiht.