Выбрать главу

Ich sitze am Frühstückstisch und esse zu den Waschgeräuschen mein geröstetes Mischbrot, das lange vor mir liegt und gut mit Zucker bestreut ist und vor mir liegen bleibt, bis der Adoptionsvater die Schlafanzugshose wieder hochgezogen hat. Ich beiße in das harte Brot. Der Adoptionsvater entledigt sich daraufhin der seidigen, geheimnisvoll glänzenden Schlafanzugsjacke, zeigt den Oberkörper her, das fahle Rückenfleisch, das erstaunlich hell, schlaff und von Muttermalen gezeichnet ist; mit Sommersprossen übersät, grad wie ein Sternenhimmel. Iss, Junge, iss, haucht die Großmutter. Der Adoptionsvater dreht den Wasserhahn auf. Er beugt sich unter den Wasserstrahl. Kaltes Wasser fließt über seinen Hinterkopf an Hals und Ohr vorbei. Nichts spritzt daneben wie bei mir, wenn ich an meinem kleineren Toilettenwaschbecken stehe. Mit einem Handgriff lenkt er das Wasser als dünnen Faden auf den Kopf.

Die Adoptionsmutter bekommt von der Großmutter den Krug aus Blech mit dem warmen Spülwasser gereicht. Die Temperatur des Wassers ist die vom Adoptionsvater gewünschte, nicht zu kalt, nicht zu heiß. Die Adoptionsmutter walkt den Adoptionsvaterschopf durch. Dazu nimmt sie eine eckige, klobige Seife. Das Haar ist am Hinterkopf schütterer, ein haarloser Kranz wird sichtbar. Den Kranz bekommt man nur bei dieser Prozedur zu Gesicht. Normalerweise wird das vordere Haupthaar nach hinten über die Lücke gelegt und festgegelt. Wenn der Adoptionsvater sich aufrichtet, hängen die langen Haare vor seinem Gesicht bis an sein Kinn herunter. Er sieht dann einem Hund ähnlich, oder den Pilzköpfen, die er von Herzen hasst.

Alles an der Prozedur ist so vorbildlich eingeübt. Die Seife wird ihm hingehalten. Er muss nicht lange tasten. Er greift zu und hat sie in seiner Hand. Der Krug wird ihm gereicht. Er muss nur nach dem Henkel fassen. Der Krug wird vom Adoptionsvater eine seltsame, lange Weile schwebend in den leeren Küchenraum gehalten. Die Adoptionsmutter nimmt ihn an sich und gibt den Krug an die Großmutter weiter, die ihn empfängt und auf den Herd zurückstellt. Der Adoptionsvater legt das Handtuch über den Hinterkopf und zieht den Kopf unter dem Hahn hervor. Sein Haupt ist vollends mit dem Tuch bedeckt und nur die langen Haare bilden noch eine freie Gardine. Der Adoptionsvater setzt sich auf den bereitgestellten Stuhl. Erst vorsichtig, dann immer stärker nibbelt die Adoptionsmutter den Adoptionsvater trocken. Mit dem durch ein trockenes Handtuch umwickelten Kopf verschwindet der Gereinigte ins Schlafzimmer, aus dem er gekämmt, gefönt und für den Schuldienst vollständig angekleidete nunmehr als der Herr Lehrer heraustritt, als den ich ihn kenne.

IM ADOPTIONSHAUS ist die Küchenklappe unterhalb des Küchenherdes, der Kochmaschine genannt wird. In meiner Erinnerung ist der Herd ein Wunderteil mit rundherum führender Stange, Stangenhalter, Rohr, Feuerstelle, verschiedenen Klappen, einem Aschblech. Die Großmutter richtet die Backröhre der Kochmaschinerie für den Backvorgang her. Die Kochmaschine wird jeden Morgen angeheizt. Klappen sind zum gegebenen Zeitpunkt zu öffnen und zu schließen. Hebel werden in Gang gesetzt. Die Großmutter steht wie auf der Dampflok, die auf einer Schmalspurbahn von Bad Doberan abfährt. Die Lokomotive wird von der Bevölkerung liebevoll Molli genannt. An sie erinnert mich die Großmutter, wenn sie an der Kochmaschine steht. Auf dem Weg nach Bad Doberan über Kühlungsborn, Heiligendamm und zurück rattert die Lok, fährt, an Feldern vorbei, prachtvolle, alte Alleen entlang, durch den Buchenwald, an kleinen Tümpeln vorbei, auf denen Schwäne als Dauergäste schwimmen. Der Molli quetscht sich zwischen die bürgerlichen Häuserreihen in Bad Doberan und faucht mächtig.

Wir standen am liebsten direkt hinter der Lok, ließen unser Haar peitschen, unsere Gesichter von Rußpartikeln sprenkeln. Wir stießen laute Schreie aus, wenn die Dampflok warnend hupte, das Hupen die Ohren nahezu betäubte. In dem Film, der eine vergebliche Liebe zwischen einem Studenten und einer Variete-Entertainerin im Berlin der dreißiger Jahre vor dem Hintergrund des aufkommenden Nationalsozialismus erzählt, schreit Liza Minnelli unterhalb einer Bahnbrücke, um das Gefühl von absoluter Freiheit zu genießen. Wir schreien auf der vorderen Plattform hinter der fauchenden Lokomotive.

Ich bin, neben dem trittsicheren Schleichen, hervorragend darin geübt, gesteiftes Leinentuch über Schüsseln so anzuheben, dass ihm nichts von seiner erhabenen Steife verloren geht und ich an den Pudding herankomme. Zu diesem Zwecke lerne ich, gesteifte Überziehtücher so anzuheben und wieder so über den Schüsselrand zu bringen, dass keine Falte von meiner Freveltat zeugt. Ich übe jenen wichtigen, nahezu chirurgischen Kunstschnitt mit der Gabel in den verführerischen Brei, dessen es bedarf, damit äußerlich nichts von dem Eingriff zu sehen ist, keinerlei Narben auf der Griesbreihaut bleiben. Wie ein Fachmann löse ich von der Masse Brei. Es braucht Übung und eine gewisse Fertigkeit, an einem Wabbelpudding so zu operieren, dass die Operation unauffällig ist. Man trennt den Wabbel unterhalb der Oberschicht durch, hebt die Oberdecke an, legt sie beiseite, schneidet sich ein Stück aus der Bechermasse, passt die Oberdecke wieder ein und fertig. Man kann auch eine gleichmäßige Schicht vom Gesamtkörper oben abtrennen, muss dann aber den verbliebenen Rest mit einem Hauch von Wasserdunst überziehen. Wundtopfsteiftuch-Methode nenne ich die Methode, die mir immer einen ordentlichen Batzen Götterspeise und Fruchtgelee beschert hat, ohne dass je eine Nachbehandlung nötig war.

Ich erinnere mich mehr und mehr. Das Schlafzimmer mit seinem Riesenschrank. Die Kernfedermatratzen. Der Spalt zwischen den Kernfedermatratzen. Die Seidendecke über beiden Betten. Federn und Kopfkissen. Goldfarbton. Der kleine Eisenofen mit acht Kacheln bestückt. Die Fensterscheiben zugefroren. Eispanzerung, in die Löcher gehaucht werden, um den Winter vor dem Haus zu sehen. Ich erinnere die Scheune, das Hühnergatter, die Hühner im Gatter, den ausgehöhlten Baumstamm, in den hinein das Hühnerfutter geschüttet wurde. Im Futter Eierschalen, die ich dem Nachbarn bringe. Ich gehe die Treppe wieder unterm Schlafzimmerfenster zum Keller, der ein Waschkeller ist, mit einem runden Waschzuber. Ich erinnere die zwei Waschbadewannen. Das Bad im Zuber. Wasser, von der Großmutter eingelassen. Wannen, in denen ich stehe, mich rubbeln lasse. Das Waschbrett. Die Riesenkelle zum Umrühren der Wäschestücke.

Der Geruch nach Seife und Schmutzpartikel. Die Tür hinterm Waschzuber. Die Türen hinter der Tür zu unserem Keller. Die Regale voller Einweckgläser. Erdbeeren. Apfelstücke. Grüne Bohnen. Birnen. Tomaten. Pflaumenmus. Kartoffeln in Stiegen. Äpfel auf Latten ausgelegt, zwischen den einzelnen Früchten Lagen Zeitungspapier. Das Funzellicht der blanken Birne. Der Kohlenkeller. Die Kohlenberge vor dem Kohlenfenster, durch das die Kohlen geschaufelt werden. Den schwarzen Ruß, den man nach der Arbeit schnauft. Die Treppe vom Keller zu den Nachbarn hinauf. Die geheimnisvolle Treppe. Die verbotene Treppe. Die Treppe der Nachbarn, die man nicht besteigen darf; nur im äußersten Notfall, wenn der Schlüssel zu unserer Wohnung nicht gefunden wird und man sich Zugang über die Nachbarwohnung zur eigenen Wohnung verschaffen muss. Die Wohnung der Nachbarn, schnell zu durchhuschen. Der Geruch nach altem Kram. Der viele Kitsch. Die vielen Teppiche übereinandergelegt. Der viel schönere Flur der Nachbarn. Der gemeinsame Vorflur. Die Tür zu unserer Wohnung. Hinter der Tür die schmale bunte Treppe. Der lange Teppich, den sie Läufer nennen, der von Stufe zu Stufe läuft, von Messingstangen gehalten, die in Messinghalterungen stecken, einmal im Jahr, wenn der Frühjahrsputz ansteht, ausgelöst, dass die Treppe bloß und nackt ausschaut ohne ihren Läufer, den die Großmutter und die Adoptionsmutter ums Haus zur Klopfstange zum Ausstauben tragen. Die Klopfstange, gut geeignet zum Hangeln und Klettern. Du schönes Schweinebaumeln. Die Wäschestangen. Die Wäscheleinen. Die Stangen zwischen die Leinen gebracht. Die mit weißer Wäsche versehenen Leinen. Wäschestücke, die dann gen Himmel vom Wind erfasst werden und im Winde flattern.