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Gemessen an ihren Lebensjahren war der Bestand an Büchern und Schallplatten regelrecht mager. Ich meine, in der Wohnung der Adoptionseltern stehen keine zwanzig Bücher, unter ihnen, auf dem großen Radio, Deine Gesundheit von A bis Z und Ballett A bis Z in trauter Gemeinsamkeit mit dem Operettenführer von A bis Z und einem schmalen Band Goethes Werke, alphabetisch geordnet. Die Adoptionsmutter schwebt in höheren Sphären, eines gewissen Herrn Knigge wegen. Sie legt mir dessen Buch Über den Umgang mit Menschen nahe, belehrt mich mit Texten aus dem Buch, unterweist mich anhand der von Herrn Knigge zu Papier gebrachten Regeln, den fest in ihr Herz geschriebenen Grundregeln. Freiherr von Knigge, haucht sie verzückt, von dem im Arbeiterstaat nicht geredet wird, was sie unendlich traurig mache, erreichte zu Goethes Zeiten höhere Auflagen als Goethe selbst. Oh, wie sie ob dieser Verkündigung zu ihren Worten triumphiert, wie dabei ihre Augen glänzen. Ich kenne Knigge nicht und nicht, was die Adoptionsmutter vom Benehmen sagt. Die Schule, in die ich gehe, trägt den Namen Goethes. Gutes Benehmen, unterrichtet die Adoptionsmutter mich, bilde sich aus Regeln wie in der Schrift Buchstaben das Wort erbauten, Wort zu Wort Satz werde, Satz um Satz den gesamten Roman eines Lebens darstelle. Unumstößlich seien Umgangsformen, die als Gesamttext ein Leben bestimmten, es auf hohem Niveau zum Tragen brächten. Gutes Benehmen käme dem Rezitat gleich. Wer das Alphabet des guten Benehmens aus dem Effeff beherrscht, wem Benehmen in Fleisch und Blut übergegangen ist, dem wird die Schule des Lebens leicht und er wird sie frohgemut mit Bestnoten meistern, sagt sie in ungezählter Häufigkeit zu mir.

Es IST NICHT GELOGEN, wenn ich an dieser Stelle des Textes behaupte, während der Adoption aus Not und zur Abwehr aller mir abverlangten, auferlegten Unsinnigkeiten, im Handumdrehen das Handwerk eines guten Adoptivsohnes gelernt zu haben. Meine Bemühungen, mich in die Situation einzufinden, nehmen bedenkliches Ausmaß an. Ich verselbstständige mich. Ich gebe vor zu sein und bin es nicht. Ich lebe eine von den Adoptionseltern losgelöste innere Wahrheit, die mich hindert, den Adoptionseltern willfährig zu werden. Sie bleiben fremde Menschen für mich. Ich bin in den Anfangsjahren der Adoptionsmutter wohlgefällig, führe aus, was sie will, und führe sie trotzdem hinters Licht. Alles, was geschieht, bringt mich gegen die Adoptionseltern auf und setzt mich unfreiwillig in die Spur der Mutternndung. Ich gewöhne mich an die verschiedensten Formen permanenter Bevormundungen, Belehrungen durch die Adoptionsmutter. Entspreche ihren Anforderungen. Worin mich die Adoptionsmutter auch unterrichtet, was sie mir abverlangt und was allgemein vom Zögling erwartet wird, hat nichts mit dem zu tun, was ich als Kind geworden bin. Die Adoptionseltern machten einen Anfangsfehler, als sie beschlossen, das Thema Mutter und Vater als Thema auszuschließen, mir nichts über meine Herkunft zu sagen. Sie setzten auf Stillschweigen und drückten damit Desinteresse an mir und meiner Person aus.

Ich musste ihnen gegenüber skeptisch werden. Die Natur lässt sich nicht betrügen und ausschließen. Die Vorsichtsnahme und das Verschweigen erst haben mich in Richtung Mutter geführt. Sie haben somit erfolgreich vorangetrieben, was sie zu verhindern suchten. Es herrschte von Anfang an eine unüberwindbare Distanz zwischen uns, der Abstand zwischen ihnen und mir verlor sich nie. Ach, was wird denn meine Mutter sagen, wenn ich einst kehr zurück und einen Spitzbart trage, mein Sohn, was bist jetzt du, bin Polier, fideri, fidera, sauf nur noch Bier, fideri fidera, bin Polier, ach was wird denn meine Mutter sagen, wenn ich einst kehr zurück mit einem Schnurrbart, mein Sohn, bin Architekt, fideri, fidera, sauf Sekt, fideri, und ach was wird, kehr ich zurück mit Vollbart, bin ein Lump, fideri, fidera, sauf nur auf Pump, fideri Lumppump fidera.

Wer möchte als Menschenfresser erscheinen und diejenigen Menschen runterputzen, die einen aus dem Kinderheim geholt, ihrem Heim zugeführt, es einem muttervaterlosem Kind zur Verfügung gestellt und es gut mit einem gemeint haben? Es legt die Vermutung nahe, ich wollte mit meinen Ausführungen das letzte Band zu diesen Menschen zerschneiden. Nur findet der Schmerz immer wieder zu mir, wenn ich mich an die Adoptionsmutter erinnere und mich zu ihr befrage: Wie durfte nur eine so unerhört eitle Person wie meine Adoptionsmutter Herrscherin über ein Kind werden, eine selbst unterentwickelte Persönlichkeit. Ein Mensch, der sich gegenüber den im Dorf Lebenden als etwas Besonderes dünkte. Eine Frau, die keine Kinder gehabt hat, niemals Kinder wollte, mit Kindern nichts anzufangen wusste, einer plötzlichen Eingebung folgend, sich für ein Kind erwärmt hat und den Nachweis zur Befähigung nicht erbringen brauchte. Jene Person darf einfach so in ein Kinderheim spazieren, sich aus dem Angebot des Heimes einen Zögling auswählen und alsdann behandeln, wie sie will, nur weil die Frau mit einem Mann zusammenlebt, der etwas darstellt in der Hierarchie des winzigen Ortes an der Ostseeküste. Die fachliche Anerkennung des Ehegatten im Schulbetrieb, dessen Nähe zu Heim und Kinderheimleitung allein ermöglichen es der Unbedarften, mit einem Kind beschenkt zu werden und in der Folgezeit sich an ihm nach Gutdünken auszuprobieren.

Leidende Kinder haben sich im Frühjahr bei der Menschenrechtsorganisation Garant XXI über die unmenschlichen Bedingungen in ihrem Heim beschwert, und die Sache ist durch sie an die Öffentlichkeit gekommen. Ein Mädchen berichtet, der Direktor des Kinderheims hätte sie in eine psychiatrische Klinik einweisen lassen, wo ihr einen Monat lang Tabletten und Spritzen verabreicht worden sind. Ein Junge, der zweimal in einer derartigen Anstalt saß, drohte mit Selbstmord, würde man versuchen, ihn erneut dorthin abzuschieben. Die Staatsanwaltschaft wies die Heimleitung daraufhin an, die Rechtsverletzungen zu beseitigen und die Schuldigen zur Verantwortung zu ziehen. Dies passierte aber offensichtlich nicht. Schlimmer noch: Die Leitung des Heims, die Miliz und lokale Beamte versuchten, die Kinder mit Drohungen einzuschüchtern. Die aber ließen sich nicht beirren und reichten im September erneut eine Beschwerde ein. Mit dem Erfolg, dass die himmelschreiende Behandlung nun vor Gericht kommt.

MAN WIRD SAGEN: Aber sie war doch so entschlossen und ist mutig die Sache angegangen. Und mit ein bisschen Glück hat sie aus ihren Fehlern lernen können. Man muss sich dann allerdings gefallen lassen, gesagt zu bekommen: Theaterspielen war ihr wichtiger, als Mutterersatz zu werden. Steril war ihre Vorstellung von der Mutterschaft. Altmodisch waren ihre Ansichten, verstaubt die Bücher, aus denen sie ihre Lehren holte. Ich klage ein, von meiner Adoptionsmutter aus egoistischen Gründen für erzieherische Versuche missbraucht worden zu sein. Ich wurde in den vier Jahren der Adoption gegen meine Natur gezwungen. Ich sehe mich gegen meine Talente und das bereits vorhandene individuelle Potential fehlerhaft umerzogen. Mir ist während der Adoptionszeit am intensivsten vorenthalten worden, was ich am meisten gebraucht hätte: Zuneigung, Mutterliebe, Wärme, Entdeckung und Ausweitung meiner Talente. Von den schönen Dingen, die eine Adoption mit sich bringen soll, habe ich nur wenige Krumen abbekommen. Ich habe die Umerziehungszeit über zu verzichten, worauf auch im Heim die Heimkinder verzichten müssen, nämlich auf die Anerkennung ihrer Person, auf Einfühlung, Vermögen, Verbundenheit. Ich habe während meiner Adoption nicht viel mehr an Liebe und Zuwendung erhaschen können, als mir während meiner gesamten Kinderheimzeit zugefallen ist. Ich bin zudem den Adoptionseltern keine Bereicherung. Sie pflücken mich aus dem staatlichen Kinderheim wie von einem privaten Schuttberg. Sie passen mich als ein Erziehungsstück in ihr System ein. Sie halten den Ist-Zustand für ausreichend. Diogenes zog als Wanderlehrer aus, ein bescheidenes Leben zu führen. Es heißt, er lebte in einer Tonne und wäre tagsüber mit einer hellen Laterne in Athen unterwegs gewesen. Immer auf der Suche nach dem aufrechten, echten Menschen, den es wohl auf Erden nicht gibt. Auf die Frage nach seinem größten Wunsch soll er Alexander dem Großen geantwortet haben: Geh mir aus der Sonne. Und dann sollen beide Männer am gleichen Tage zur gleichen Uhrzeit an der gleichen Krankheit und in der gleichen Stellung gestorben sein. Diogenes galt als Schriftsteller und verfasste in seinem Leben nicht einen Text. Alle ihm unterstellten Werke sind reine Erfindung. Diogenes existiert als seine Fälschung. Mir ist zu meinem großen Leidwesen die einfache Unterart von möglicher Vatermutterliebe erspart geblieben. Alles Ersatzhandlung. Alles Notbehelf. Ich erinnere eine Ersatzmutter wie aus dem Tollhaus entlassen und mir übergestülpt. Ich habe mit einem Ersatzvater zu tun, der sich feige aus allem herausgehalten hat und mit dem Satz: Du machst das schon, die völlig Unbedarfte, die kinderlose Ehegattin an dem Heimkind hat machen lassen.