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Alles, was ich sonst so aus der Vergangenheit erinnere, ist matt und grau und mit den Jahren auch stumpf geworden. So deutlich, als hätte ich es erst vorherige Nacht verlassen, ist mir das Bett der Adoptionseltern vor Augen. Sooft ich an die erste Nacht und all die Nächte nach der ersten Nacht dort zurückdenke, befällt mich das kindliche Grauen. Ich liege in der Mitte über dem Spalt der Fe-der-kern-ma-trat-zen, der geschlossen ist, wenn ich zur Nachtruhe liege, sich aber öffnet, auseinanderklafft, legen sich von rechts und links die beiden Nachtleiber der Adoptionseltern auf die Matratzen. Sie räkeln sich unter ihren Federbetten, traktieren die Fe-der-kern-ma-trat-zen, dass die sich biegen unter den Lasten, wobei sich zwischen den Rändern der Fe-der-kern-ma-trat-zen ein klaffender Spalt bildet, der mich in eine beklemmende Situation bringt. Aus dem wohligen Schlaf reißt es mich. Über einer tiefen Schlucht hänge ich plötzlich, kralle mich an Berghängen fest, drohe, wenn die Kräfte nachlassen, unweigerlich abzustürzen. Mit Armen und Beine halte ich mich über diesem Abgrund, rette jede Nacht meine körperliche Schmächtigkeit mit der Fußzehe, den Fingerspitzen vor dem Absturz in den Fe-der-kern-ma-trat-zen-Graben, den Fe-der-kern-ma-trat-zen-Canyon. Die Fe-der-kern-ma-trat-zen-Nächte entwickeln sich zur ewig wiederkehrenden bösen Erscheinung. Durch eine simple Versuchsanordnung ist sie am ehesten zu veranschaulichen. Die Demonstration ist dem Physikunterricht in der Unterstufe entlehnt. Man lege zwei Fe-der-kern-ma-trat-zen eng zu einer Fläche aus und gebe über die Trennlinie ein schmales Brett (eine altmodische Elle, ein helles, französisches Baguette, ein viereckiges Mecklenburger Vollkornbrot tun es auch), beschwere die Fe-der-kern-ma-trat-zen zeitgleich mit zwei großen Eisenkugeln oder schweren Medizinbällen. Die Fe-der-kern-ma-trat-zen beulen nach unten aus. Die Elle in ihrer Mitte, eben noch auf der Kimme liegend, verschwindet, wie das französische Brot schwups verschwindet, Messer, Gabel, Schere, Teller, Kelle, Tasse, Brotmaschine, Häuser, Wälder, Berge, Bäume, Rinder, Rinden, alles würde verschwinden. Wie ich, der ich ein schmales Kerlchen bin nach den zehn fettlosen Jahren Heimkost. Jede Nacht wieder neu über der gefräßigen Klappe der zwei Fe-der-kern-ma-trat-zen. Und die Kräfte des Widerstandes lassen in der Nacht rascher nach, als man noch am Tage denkt. Man gibt schneller auf und sucht sich mit dem Spalt zu arrangieren, richtet es sich in dem Spalt so gut es im Schlechten geht ein. Als der liebe Gott die Welt erschaffen, schuf er Vögel, Rindvieh und auch Affen mitten in die große Welt, hat den Adam ganz alleine hinzugestellt, und dieser ist allein geblieben, hat folglich keinen Handel getrieben, sonst womit sich die Zeit vertrieben, dazu schweigt des Sängers Höflichkeit. Ich beklage mich bei der Großmutter, die mich Häschen in der Grube nennt. Armes Häschen, bist du krank, dass du nicht mehr hüpfen kannst, Häschen hüpf. Sie erreicht, dass mir die Liege in der Wohnstube angeboten wird; eine Art Ottomane, nach hinten zu schmaler werdend, nicht viel breiter als der Platz über der Matratzenspalte, aber eben kein schnappendes Maul mehr, sondern eine angenehme Ruhestätte, auf der ich mich mit Geschick drehen und nach Herzenslaune wenden kann, die Nacht für mich liege, nicht der vollen Länge nach, aber immerhin, heilsamen Schlaf finde.

Scott Robert Becker aus dem Bundesstaat Kansas hat sich laut Fernsehberichten kurz nach der Geburt des Mädchens April von der Mutter scheiden lassen und dabei sein Kind aus den Augen verloren. Wenig später besann er sich aber und startete eine Suche nach seiner Tochter, die erst jetzt dank Internet zum Erfolg führte. In einem Restaurant in Atlanta im US-Bundesstaat Georgia schlossen sich Vater und Tochter vergangene Woche in die Arme. Auch April suchte seit geraumer Zeit ihren Vater und surfte viele Male erfolglos im Internet. Bis ihr dann die Idee kam, dass ihr Vater nach ihr suche, die Suchmaschine mit» Scott Robert Becker sucht April «zu füttern. Sofort stieß sie auf die von ihrem Vater eingerichtete Internetseite: Liebe April, wenn Du das liest, bitte schicke mir eine E-Mail. Ich bin Dein Vater und möchte so gern mit Dir reden. Die in Georgia lebende April Antoniou ist inzwischen Mutter zweier Kinder im Alter von vier und sechs Jahren.

UND IM VERLAUF der Adoption klopfen immer neue Muttersehnsüchte an meine Pforte. Ich bin das brave Adoptionskind und wende mich von der Adoptionsfamilie ab. Außer der Großmutter, die eine starke Anziehungskraft auf mich ausübt, die mich nicht abschreckt, mir das Kochen beibringt, habe ich niemanden mehr. Vorher war da das Kinderheim, die lose Gemeinschaft der Verlorenen. Jetzt sind da die Großmutter und deren Unterdrückung im Haus, denn auch sie ist nur geduldet, angehalten, sich zu beschäftigen. Sie gewinnt mich als ihren Anhänger, weil es ihr nicht anders geht als mir. Ich nehme sie nicht als Mutterersatz an. Ich kann mir vorstellen, wie es ist, eine Oma zu haben. Ich trete zu ihrem Denken über. Was die Adoptionsmutter mit mir unternimmt und sich an Aufgabenstellung ausdenkt, lerne ich auswendig, übe ich ein. Und entwickle gleichzeitig den Wunsch, das Adoptionshaus so schnell als möglich wieder zu verlassen.

wir alle, die wir träumen und denken;

wir schließen Bilanz, und der unsichtbare Saldo spricht immer gegen uns.

MAN BESCHIMPFT MICH NICHT. Ich werde unterwiesen, auf einen Missstand aufmerksam gemacht und sehe mich freundlich angehalten, ohne Widerrede zu verrichten, den Anweisungen zu folgen, nach dem Sinn nicht zu fragen. Ich bin kein Heimkind, bin Dorfkind, habe gewisse Dinge zu tun und Spaß an dem zu haben, was sie für mich mit mir unternehmen. Der Pöbel soll unter seinesgleichen bleiben, nach der Pfeife des Mobs selig und verloren tanzen. Der allgemeinen Gesellschaft und ihren schamlosen Vergnügungen gegenüber ist Vorsicht geboten, Gewöhnlichkeit und Vulgarität sind abzulehnen. Ich bin ein Maskenkind. Mein Hut, der hat drei Ecken, drei Ecken hat mein Hut, und hätte er nicht drei Ecken, so wäre es nicht mein Hut. Die Großmutter unterrichtet mich in Grundlagen. Ich bin ihr aufmerksamer Schüler und bald aufs Beste von ihr unterwiesen, was Grüne Klöße aus Mehl und Stärke, Kartoffelbrei mit Sauerampfer anbelangt, Kalbsnierenbraten, Forelle, Aal in Gelee. Sie weckt mich vor dem allgemeinen Aufstehen: Heute ist Aaltag, Junge rasch. Sie übergibt mir die Börse, die Tragetasche. Ich eile durch die Vormorgennacht zum Fischerlandesteg, wo sie Donnerstag immer dünne, zum Räuchern ungeeignete Aale kiloweise gegen ein geringes Geld feilbieten. Nimm so viel, wie sie dir geben, mahnt die Großmutter. Ich reiche dem Fischverkäufer den Beutel hin. Er lässt hinterm Verkaufstisch die Strippen genannten dünnen Aale in die Extratragetasche aus derbem wasserundurchlässigem Material verschwinden. Gibt es schon wieder Aal in Gelee bei euch, auch gut, und grüß mir deine Oma schön, sagt der Fischer, reicht mir die Beutel. Kein leichtes Unterfangen, die schwere, lebendig wabernde Aalstrippentragetasche den Weg zurück zu schleppen. Gewicht ist ein anderes Wort für Gravitationskraft, jene Kraft, mit welcher ein Körper, in diesem Fall meine Tragetasche voller Aale, von der Erde angezogen wird. Das Gewicht ist an der Balkenwaage ablesbar. Meine jungen Arme bekommen die Gravitationskraft mit zunehmendem Weg immer stärker zu spüren. Ich muss die Tasche abstellen, Hand und Arm ausschütteln. Immer öfter die Hände abwechseln. Immer häufiger anhalten, ausruhen, anheben, den Zappelbeutel vorwärtstragen. Aus dem Tragen wird ein wehes Schleppen. Zum Schluss möchte ich den Beutel ziehen, schleifen, stehen lassen, die Last los sein. Und habe nach dem Durchatmen neuen Mut zu fassen, mich zu überwinden. Die Großmutter wartete.

Das Meer befindet sich am Ende der Straße, hinter dem kleinen Park, unterhalb der zehn bis zwölf Meter hohen Steilküste. Ich mühe mich ab und muss an den kleinen Strandläufer denken, der unbelastet am Strand entlangläuft, nach Nahrung pickt und unbesorgt lebt und keinen Einkaufsbeutel kennt und nichts von der Prozedur weiß, die meine Aale daheim erwartet. Da ist die Großmutter, die mich tapfer nennt, lobt, mir die Tasche abnimmt, jedes Maclass="underline" Feine Dinger, ach und wie die erst schmecken werden, sagt. Ich trete scheu neben sie hin, halte gebührenden Abstand zum Küchentisch, der ein Möbel mit ausziehbarem Unterteil ist, in der Zugvorrichtung zwei Emailleschüsseln eingepasst, tief wie die Sandlöcher, die wir Kinder mit unseren Händen am Strand graben, um die Wasser von unten zu locken, uns die Grube zu füllen. Die beiden Schüsseln sind in kreisrunde Aussparungen eingepasst. Der Tischbelag ist an einigen Stellen rissig. Kleine Löchlein entstehen. Risse und Löcher bilden mit der Gaze im Wachstuch ein besonderes Dekor. Es erinnert an alte Kunst, Ölgemälde alter Meister. Vertrocknete Einzelstücke verlieren den Halt, lösen sich, geben die Gemeinschaft auf, hinterlassen Lücken. Die Großmutter repariert die Oberfläche mit Tapetenleim und Zeitungspapier.