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Und dann geht alles grausam schnell. Der Tüteninhalt wird in die Schüssel gekippt, die Aalmenge zu gleichen Hälften über beide Behältnisse verteilt und augenblicklich mit Salz bedeckt. Salz mit vollen Händen ausgestreut, worauf die Aale lebendig werden. Ruckzuck ist die Ausziehvorrichtung zuzuschieben, dass die sich wild aufführenden Aale nicht über den Schüsselrand springen und das Weite in der Küchenenge suchen, über den Küchenfußboden unter den Küchenschrank flüchten, wo sie schwer zu fassen und nur mit dem Besenstiel herauszuholen sind. Die dünnen Aale hämmern mit Kopf, Leib, Schwanz gegen die Tischplattenunterkante. Das geht eine lange Weile so zu. Minutenlang findet dieser Todeskampf statt. In Wellen aufflackernd, in Wellen abflachend, von Tönen begleitet, die heute noch Horror für mich sind, ein ungutes Glucksen, ein elendiges Zutschen und Klatschen; mit jeder fortlaufenden Minute schwächer werdend, nicht zu beschreiben, verhallt dann das Todesröcheln. Und hat es aufgehört, wird der Tisch wieder ausgezogen, ist da dieser Brei aus Schaum, Blasen, Schleim und Salzpartikeln zu sehen, der alle toten Kadaver überzogen hat. Ein hässlicher Schlamm, voller letzter Energie und Kraft der sich im Tode windenden Aale, der dem Kind im Kopfe bleibt, ihm für den Moment selbst die Großmutter verleidet. Schaum, der sich mir wie eine Tätowierung ins Hirn gebrannt hat, wie die zu Bergen getürmten Kinderschuhe, das viele Kopfhaar und die Brillengestelle im Konzentrationslager, das wir auf Klassenfahrt besucht.

Auch wenn die Adoptionsmutter mich als ihren Erben eingesetzt und darauf wieder enterbt hat, wenn ihr mein Tun nicht recht gewesen war, ich ihrer Ansicht nach falsch gehandelt, mich als unwürdig erwiesen habe, den mir zu meinem achtzehnten Geburtstag aus Freude darüber, als Lehrerstudent genommen worden zu sein, versprochenen Wartburg Modell 5 3 5 in Rot-Weiß, habe ich nicht mehr annehmen müssen, bin dafür lieber um die Ecke in die Metallfabrik gegangen. Das schwerste Gewicht fällt als Erstes aus der Reihe, wenn die Dinge erst in Bewegung geraten, Schieflage aufkommt. Das schwerste Stück kippt zuerst auf die schiefe Ebene. Ich habe nicht Lehrer studiert, wie es die Adoptionseltern wünschten. Ich bin nicht nach Greifswald auf die Universität gegangen. Ich bin geflohen. Ich habe Hackenstaub erzeugt und bin in eine Lehre gegangen, unter lauter junge Menschen, vier, fünf Jahre jünger als ich. Ich bin an der Kunsthochschule untergekommen und bin dort in die Bibliothek geflohen. Ich habe diesen Schaum gesehen. Ich sah diese Kadaver in ihm. Das alles zusammen hat mich zeitlebens nicht nur nicht mehr losgelassen, sondern vertrieben, motiviert, mich Schriftsteller werden lassen und ist, was mich weiterhin antreibt, Orte wie Szenen und Hemden zu wechseln. Ich bin der Flüchtende, dem bewusst wird, dass er ein ewiger Flüchtling ist, von der Ostseeküste ins Vogtland abgehauen.

PILZE SUCHEN sollte besser Pilze finden heißen, weil beim Suchen von Pilzen das Finden von Pilzen das Suchen von Pilzen belohnt, das Suchen nicht das wahre Ziel ist, sondern der Zweck zum Finden, der die gefundenen Pilze heilige, nicht die nicht gefundenen Pilze. Suchen ohne Finden ist herzergreifend unerfreulich. Erst das Finden belohnt den Suchenden. Man soll finden; es soll gefunden werden; es ist nicht vorzuweisen, was nicht gefunden wird. Das Finden des Dinges an sich erst bringt dem Suchenden Erlösung. Der Suchende soll finden. Finderfreude sei ihm Ansporn, Lust erweckende, vorwärtstreibende Motivation. Ist ein Ding gefunden, sucht der Finder wieder und wieder fündig zu werden. Finden wird Sucht. Der Suchende wird suchsüchtig. Wo sich ein Pilz findet, sagt der Adoptionsvater auf der Friedhofswiese, hält zu seinen Worten den ersten Birkenpilz hoch erhoben, findet sich die gesamte Pilzfamilie ein. Wir kreisen in spiralförmiger Pirsch um die Birkenbäume. Wir ernten die anverwandten Pilze. Der Pilzkorb ist gut gefüllt. Es geht zurück ins Dorf. Suchen heißt finden, sagt der Pilzsammler auf dem Rückweg, rät mir, diesem hohen Motto zu folgen. Es wird mich durchs Leben leiten. Der Pilzsammler ist mein Adoptionsvater. Er ist Mathematiklehrer. Es sind Ferien. Er ist ein wortkarger Mann. Er redet vor der Klasse an der Tafel, redet nicht viel. Er liest die Zeitung von hinten nach vorne. Er knickt die Zeitungsseiten um. Er spielt nach dem Zeitungslesen mit sich Schach. Schwarz gegen Weiß, Weiß gegen Schwarz. Die Adoptionsmutter sagt von ihm, dass er ein Schachgenie sei. Sie hat keine Ahnung von Schach. Der Adoptionsvater lässt sich das Gerede vom Schachgenie gefallen, er ruckt unmerklich die Schultern, winkt innerlich gütig ab. Er ist mein Adoptionsvater. Er ist sechsundfünfzig Jahre alt. Er könnte vom Alter her mein Großvater sein. Wenn er mein Großvater wäre, würde mich sein Schweigen nicht stören. Ich würde das Schweigen gut finden und nicht dauernd versuchen, ihn zum Reden zu bringen. Wir haben wenig miteinander gemein. Erst wenn Pilzzeit ist, sieht man uns zusammen zum Ort hinaus die Landstraße entlang zum Friedhof am Ortsrand gehen. Kurz vor dem Friedhof schlägt der Adoptionsvater Haken, die eventuelle Verfolger erfolgreich abschütteln sollen. Ich schaue mich oft um. Es folgt uns nie einer. Man soll seine Stellen geheim halten, sie mit ins Grab nehmen, hat der Adoptionsvater einmal gesagt. Wenn man niemanden hat, sein Geheimnis keinem anvertrauen kann, soll man es für sich behalten und sich sagen: Einer wird kommen, nichts suchen und doch finden. Der Adoptionsvater sammelt leidenschaftlich Pilze. Der Adoptionsvater kennt Stellen, die nur ihm bekannt sind, sonst keinem. Der Himmel, die Winde, die Birken und einige Fliegen, Kaninchen, Vögel wissen von mir und dem Adoptionsvater, wissen von den Birkenpilzfamilien, von Opa Pilz und Oma Pilz und deren Pilzkinder und Kindeskinder der großen Pilzfamilie. In dem einzigen Urlaub mit dem Adoptionsvater und der Adoptionsmutter besuchen wir das Elbsandsteingebirge, finden bei einem Spaziergang einen Wald voll mit Pilzen. Der Pilzfreund fühlt die Nähe der Pilze mit den Nasenflügeln, es gibt einen symptomatischen Gesichtsausdruck an ihm, der positiv gesprochen nichts Gutes verheißt; wir müssen uns auf eine groß angelegte Suchaktion gefasst machen; die Adoptionsmutter findet es schade, aus und vorbei ist es mit der Wanderherrlichkeit. Alles vorbei. Am Abend sind die gefundenen Pilze zu reinigen, in schmale Streifen zu schneiden, auf Fäden zu fädeln und quer durchs Zimmer zu hängen. Ich ziehe den Pilzen ihre Häute ab. Die Adoptionsmutter zerschneidet die Pilze, legt die Filets auf das Papier der ausgelesenen Zeitungen. Der Adoptionsvater sitzt am Schachbrett, als wäre kein Urlaub. Er spielt wieder einmal gegen sich. Er hat mit uns nichts zu tun. Ihn gehen die Pilze nichts an. Er hat gefunden, den Rest besorgen seine zwei Mohren. Die Wanderung ist keine geworden. Der Wanderweg wurde abgebrochen. Ich habe mir die rechte Wange zerkratzt. Es sind so viele Spinnweben im Wald. Ich kämme mir das Haar frei von den Weben.