Выбрать главу

Mein Vater, mein Großvater, was haben sie gesehen? Sie lebten jeder ihr Leben in der Einform. Ein einziges Leben vom Anfang bis zum Ende, ohne Aufstiege, ohne Stürze, ohne Erschütterung und Gefahr, ein Leben mit kleinen Spannungen, unmerklichen Übergängen; in gleichmäßigem Rhythmus, gemächlich und still, trug sie die Welt der Zeit von der Wiege bis ins Grab. Sie lebten im selben Land, in derselben Stadt und fast immer sogar im selben Haus; was außen in der Welt geschah, ereignete sich eigentlich nur in der Zeitung und pochte nicht an ihre Zimmertür. Stefan Zweig in: Die Welt von gestern.

ICH WERDE MEIN EIGEN NICHT. Ich bleibe ein Pseudonym. Ich bleibe für mich, lebe unter dem falschen Namen der Adoptionseltern, den ich ertragen will, bis ich groß genug bin und in einem Alter, den Adoptionsmantel abzulegen. Mit über fünfzig Jahren erst lege ich den Mantel der Adoptionszeit ab, trage meine künstliche Haut zu Grabe, nehme innerlich den Namen der Mutter, des Vaters an, den Namen, wie er in meiner Geburtsurkunde eingetragen worden ist, von Heim zu Heim getragen, durch die Adoption dann ad acta gelegt, um nicht mehr in der namentlichen Hülle der Adoptionseltern wie in einer Zwangsjacke zu stecken und unter falschem Namen beerdigt zu sein. Ich empfinde mich mit dem Adoptionsnachnamen unter fremder Flagge unterwegs. Ich sollte unterm falschen Namen neue Wege eröffnet bekommen und habe mich gegen ihn benommen, mir Wege verbaut, die Tore rücksichtslos zugeschlagen, durch die ich als Heimkind hätte nie gehen können, weil die Adoptionsmutter mich nicht zur Schwester nach Stralsund geführt hat zum Beispiel, und ich nicht mit der Schwester an der Hand dann zur Mutter, zum Vater aufbrechen konnte. Ach, Schwesterlein, wann gehn wir nach Haus, morgen, wann die Hähne krähn, wollen wir nach Hause gehen, ach Brüderlein, gehen wir nach Haus, ach, Schwesterlein, wie bist du so blass, dieses macht der Morgenschein mir auf meinen Wängelein.

Im Heim hätte man mich informiert, würde ich nach Verwandtschaft gefragt haben. In der neuen Familie herrschte Mutterverschweigen. Mir ist ein Dach aus Schweigen über meinem Haupt gezimmert worden. Das Schweigen deckte alle Tatsache zu. Ich erfuhr nicht, dass unweit von uns an derselben Ostseeküste meine Schwester lebt. Schweigen deckte mich zur Nacht zu. Schweigen erweckte mich am Morgen. Ich wusch mich mit dem Wasser und der Seife des Schweigens. Ich lebe unter fremdem Namen und ich esse Schweigen zu meiner Person als Morgenbrot und bekomme Schweigen als Mittagsmahl vorgesetzt, zum Abend hin ist mir ihre Verschwiegenheit dick aufs Butterbrot geschmiert. Ich werde im Stoff des Schweigens eingekleidet und habe mich in Jacke wie Schuh, Hose wie Weste und unterm lustig anmutenden Pudel auf dem Kopf als Persona non grata in der Hülle des Schweigens wohlzufühlen. Ich bekomme einen neuen Namen und verliere mit ihm meine Unverletzlichkeit. Ich lebe unter falschem Namen. Ich werde durch die Adoptionseltern diplomatisch vertreten, sie nehmen an meiner Stelle Aufgaben wahr, die mich als Heimkind entrechten. Ich werde Gast in ihrem Staate. Ich habe das Kinderheim nach ihrem Willen nicht mehr zu betreten. Sie sind ab nun das gastgebende Land und fühlen sich ermächtigt, über meinen Kopf hinweg das Kinderheim zum Sperrgebiet zu machen. Jeden Besuch des Heimes meinerseits werten sie als Grenzverletzung. Geben vor, mich gegen Beschädigungen durch Heimkontakt zu Heimkindern zu schützen. Ich möchte ausbrechen und sitze in ihrer Botschaft als alleinige Geisel fest.

ICH SETZE DER ADOPTIONSMUTTER zögerlich nach, wenn es zum Rapport mit ihr geht. Ich blicke auf ihren mit großen roten Mohnblättern beklatschten Kittelschürzenhintern. Ich habe die Räumlichkeiten vor Augen. Die kurze steile Treppe. Das bunte Geländer aus Holz. Der kleine quadratische Flur und der in der Flurecke aufgestellte, doppelte Spiegel über Eck. In das Eck ein kleiner Tisch eingepasst. Auf ihm ein Notizbuch, eine Schale mit Schreibstiften. Daneben die Tür zum Reich der Großmutter, die Tür zur Küche. Weiter rechts an der Garderobe vorbei die Tür zum Wohnzimmer, die Tür zum winzigen Klo mit Schrägdach und Fensterklappe. Der Vorhang zur Treppe, die zum Boden führt, ist dunkelgrün und mit goldenen Mustern verziert. Die kurze steile Treppe zum Dachboden bin ich eines Tages heimlich emporgestiegen. Das Vorhängeschloss an der Dachbodentür war mit dem Schlüssel aus dem Küchentischschubfach zu öffnen. Der Dachboden war groß und geheimnisvoll. Es standen zwei große, ausrangierte Kleiderschränke dort. Ich sehe die dicken Balken. Die Dachziegel. Die Löcher Himmel zwischen den Dachziegeln. Die tollen Winkel und düsteren Ecken auf dem Dachboden. Die Körbe und Kisten auf dem Dachbodenfußboden. Ungehobelte, ausgetretene Dielen. Und ich weiß die kleine, damenfächergroße Dachbodenluke, zu der ich, so oft es mir möglich war, hinausgeschaut habe. Über die Felder. Über den Sportplatz. Über die Wipfel der Bäume. Ich erinnere den Weg über die schmale Bodentreppe, zurück auf leisen Sohlen, denn ich hatte auf dem Boden nichts zu suchen.

Die Küche war das Reich der beiden Frauen. In ihr befand sich die Kochmaschine. Ringel rangel Rose, Butter in der Dose, Schmalz im Kasten, morgen wollen wir fasten, übermorgen Lämmlein schlachten, das soll schreien: Mäh mäh. Der Küchenschrank war mit einer spinatgrünen Matte belegt, die Risse aufwies. Hinterm Glas das Geschirr. Rechts neben dem Fenster weiß ich die Tür zur Speisekammer, wo ich mich einige Male versteckt habe, um die Gespräche in der Küche zu belauschen. Die Sitzungen haben mich um einiges klüger gemacht, mir Kunde davon gegeben, wie die Adoptionsmutter von mir redete, was sie mit mir vorhatte und nur flüsternd der Großmutter bekannt machte. Die linke Tür in der Küche führte zum Schlafzimmer der Adoptionseltern hin.