Ich bin ein Molekül, Teil einer fremden Anordnung, der lebendige Beweis zur Theorie vom erstarrten Übergangszustand. Ich verhalte mich gemäß dem Entwurf der Adoptionsmutter, bin ihr Modellversuch, bekomme die Adoptionszeit über bei jeder Mahlzeit aufs Brot geschmiert: Kannst dich umsehen, wohin du willst, du wirst keinen finden, der es so gut hat wie du, in diesem Ort nicht, im ganzen Land, bei Leuten, die nun alles tun für dich, das letzte Hemd geben würden, eher selbst verzichten könnten, als dass es dem Jungen an etwas fehlt. Oder hast du es etwa nicht gut hier bei uns, oh, was für eine dumme Frage, natürlich hast du es gut, was ich wieder rede, bestens hast du es hier, und nun greif zu, lass es dir schmecken, iss fein von der Wurst, schau an, wie das Ei wieder gut geworden ist, wie du es haben willst, nicht zu hart, nicht zu glibberig. Ich werde wie der Frühstückseier liebende Adoptionsvater angesprochen. Ich erhalte Aufgaben wie er. Ich erfülle Maßgaben wie er. Ich entspreche der getätigten Ansage wie er. Ich verhalte mich erwartungsgemäß, bin bald ruhig, bin bald schon viel folgsamer, entschuldige mich, wenn es von mir verlangt wird, bei den Adoptionseltern, den Nachbarn, den Leuten. Ich erreiche das Tagesziel. Ich verhalte mich kooperativ. Ich bin ein Lernender und noch nicht reif für die große Sache, sage ich mir. Mir fehlt es an vielem. Ich bekomme alles Nötige beigebracht. Ich darf Fragen stellen. Ich soll nicht aufgeben. Ich funktioniere. Ich werde dem Adoptionsvater ähnlicher, sagen die Leute; ganz sein Auftreten, ganz seine Gangart, seine Körperhaltung. Innerlich aufmüpfig, denke ich längst von meiner Adoptionsmutter, dass sie eine Fehlbesetzung ist, der Adoptionsvater nicht minder. Ganz schön alt, könnten echt deine Großeltern sein, hat Heinz gesagt. Irgendwas stimmt mit denen nicht. Er habe so ein Gefühl, eine gewisse Ahnung. Elf Kinder leben in der Familie des Briefträgers. Paramilitärisch erzogene Kadetten, die übermüdet in den Schulbänken dämmern, daheim Arbeiten erledigen müssen, nicht weniger schwer als die der Erwachsenen. Matte Kinder in den Bankreihen, die im Schlaf die Arme schützend vor ihr Gesicht halten, im Traumtaumel laut aufschreien und nicht nach Hause geschickt werden wollen. Von den Eltern wie Knechte behandelt. Ausgeliefert und aufgezogen unterm Regime von Zucht und Züchtigung, wo es mehr an Schlägen und Schimpf gab, als unsereins im Heim je untergekommen ist. Sie schlurften nach Hause, um für das Familienwohl zu schuften. Wir gingen ins Heim und hatten, sobald die Schularbeiten erledigt waren, Zeit, mit Knüppeln nach dem Fallschirm zu werfen, der sich in der Birke hinterm Heim verfangen hatte. Baum für Baum, die Allee entlang lassen wir die Knüppel fliegen. Säcke voller Kastanien lagern im Hinterhof. Kastanien. Eicheln. Bucheckern für Tiere im Winter, wenn Frost den Boden versiegelt und selbst die Wildschweine mit ihren derben Hauern nicht mehr unter die Frostschicht kommen. An ihrem Beispiel sahen wir, wie Familienleben Kinder belastet.
Verhältnis zu den leiblichen Verwandten des Kindes Mit der Annahme an Kindes Statt erlöschen alle aus dem Verhältnis zwischen dem Kind und seinen leiblichen Verwandten aufsteigender Linie sich ergebenden Rechte und Pflichten. Wenn ein Ehegatte das Kind des anderen Ehegatten an Kindes Statt annimmt, so findet Abs. 1 auf das Verhältnis zwischen dem Kind und dem anderen Ehegatten und dessen Verwandten keine Anwendung. Wird in diesen Fällen die Ehe vor Eintritt der Volljährigkeit des Kindes beendet, kann das Organ der Jugendhilfe auf Antrag des Annehmenden durch Beschluss die Annahme an Kindes Statt aufheben, wenn ein echtes Eltern-Kind-Verhältnis nicht mehr besteht.
DIE SECHZIGER JAHRE sind nicht eben die Jahre der Vielfalt und Jahre von Angebot und Breite innerhalb der gesellschaftlichen Plattform. Die Kunden müssen nehmen, was geboten ist, und heiligen, was zu erhaschen geht. Viele Monate steht das Auto vor der Tür, als Ausstellungsstück. Bringt einen Winter hinter sich, abtransportiert von einem Traktor der LPG in eine Extragarage, gegen ein gutes Aufgeld, wo es nicht richtig kalt wird, es dem Wagen gutgeht. Dann ist der Winter um. Der Adoptionsvater sagt: Wir müssen den Wagen fahren. Die Kollegen witzeln schon. Also wird ins Auge gefasst, am nächsten Tag zu fahren. Der Adoptionsvater wollte so früh als möglich raus aus dem Ort. Er hatte einen sicheren Fahrplan ausgearbeitet, die Abfahrtszeit wurde nicht eingehalten. Die Adoptionsmutter stand im Schlafzimmer vorm Spiegel. Sie zog sich an und wieder aus. Es wollte ihr nicht gelingen, die richtige Ausfahrgarderobe zu finden. Du nervst mich, schrie sie. Fahr alleine aus. Ei, wie es zugeht an diesem Morgen. Der Mann will los. Er ruft, was ist denn, warum geht es nicht los? Der Wagen steht bereit. Die Gebrauchsanweisung ist studiert, der Platz für die Beifahrerin hergerichtet, die, als sie fertig ist, kein Wort mit dem Mann redet, der ebenfalls stumm neben der Frau im Wagen sitzt. Der Wagen ist nicht geräumig. Die beiden sind recht beleibt, vollschlanke Nachkriegstypen. Sie haben Neulehrerspeck angesetzt, sind richtige Wohlstandsleiber geworden. Beim Fleischer darf ruhig etwas mehr auf der Waage liegen. Die Butter ist gut, wenn sie gelb ist, Wassertropfen bildet und dick aufs Vollkornbrot kommt. Das Brot soll eine Woche lang nicht angerührt und so hart werden, dass man es nur noch mit der Brotschneidemaschine geschnitten bekommt. Hauchdünne Schnitten. Dick die Butter darauf. Der Krieg ist zwanzig Jahre her. An ihren Leibern ist kein Krieg mehr abzulesen. Sie haben sich einen Fernseher gekauft, als Fernseher rar waren und ein Vermögen kosteten. Ihr Automobil ist im Ort der erste Kombiwagen mit Kofferklappe hinten. Sie haben ihn neben dem Haus auf der Wiese geparkt. Der Kombiwagen wird jeden Tag geputzt und dann vom Fenster aus besehen. Das halbe Dorf nimmt den Umweg zum Sportplatz, sich den Wagen anzuschauen. Der Wagen steht bereit. Wohin die Reise gehen sollte, weiß die Großmutter nicht zu sagen. Zu Verwandten in der Nähe, sagt sie, nennt Wismar als Ziel, siebzig Kilometer hin und zurück. Weit sind die zwei nicht gekommen. Es passierte vor der ersten Rechtskurve, am Garten-Eck, in dem die Kollegen der Schule zum Frühschoppen hockten. Sie fahren auf die Kurve zu, die langsam genommen sein will, es aber nicht wird, ganz im Gegenteil, sie wird unterschätzt, zu früh genommen, vielleicht hat die Beifahrerin ins Lenkrad gegriffen, das Mobil wird von unbekannten Kräften gepackt und mitten durch die Hecke in den Garten gelenkt. Steine knirschen. Es rummst. Wie zur Parade geht es an Tisch und Stuhl und die Kollegen vorbei, die aufspringen und zur Seite wegrennen, verwundert sind, mitansehen, wie die Ordnung gestört ist und der Wagen erst vor dem Eishäuschen mit mächtigem Motorheulen zum Stehen kommt. Und Stille herrscht nach dem Aufschrei. Die Sechziger sind bahnbrechende Zeiten. Großartige Leute wie Charlie Parker und der Trompeter Miles Davis kommen auf einer Bühne zusammen, um epochale, tonangebende Musik zu kreieren. Sanft. Schrill. Weich. Von mutter-, vater- und heimatloser Seele durchdrungen. Stan Getz und seine Musik. Südamerikanische Elemente. Cool Jazz. Baritonsaxophon und Gerry Mulligan. Dave Brubeck. Paul Desmond. Namen wie Podeste, Proteste. All das war mitunter aus dem Nachbarhaus zu hören. Rhythmen eines so anderen, bis dahin nicht gekannten Lebens, die ich wahrnahm. Klänge wie von einem anderen Planeten. Dieser verhaltene, unterkühlte Ton, der den Globus vibrieren lässt. Musik, die der Adoptionsvater Affenjaulen schimpft, verboten gehört, selbst wenn der Nachbar sie leise abspielt und oder im Kopfhörer versteckt. Ich zeichne Ostseebilder, die dem Nachbarn gefallen, der daraufhin meiner Adoptionsmutter einredet, ich wäre talentiert und müsse bei ihm Unterricht nehmen. Die Adoptionsmutter ist angetan und eilt mit mir in die Kreisstadt, in einen Laden für Künstlerbedarf. Ein schöner Laden. Geheimnisvoll. Ein wirkliches Schmuckstück. Pinsel in allen Größen. Paletten und Staffeleien. Tuben. Stäbe. Rahmen zum Selberbauen. Große, kleine Holzfiguren zum besseren Verständnis der menschlichen Anatomie, wie die Verkäuferin zur Adoptionsmutter sagt. Und überredet sie, mir die kleinste aller Holzfigur zu schenken, weil das nicht von Schaden sein kann. Ich bekomme die kleine Holzfigur und habe einen Freund, mit dem ich mich unterhalte. Ich bin dem kleinen Holzmann recht gut, biege seine Gelenke hin, wie ich will. Er steht an die Wand gelehnt oder er liegt auf meinem Kopfkissen, die Beine lässig übereinandergeschlagen. Ich kann die kleine Holzfigur in Stellung bringen, dass sie aussieht, als kratze sie sich verlegen den kahlen Kopf. Ich kann sie in Laune versetzen, tanzen und zappeln lassen und wenn mir danach ist, sie in sich gekrümmt tief nachdenklich am Boden hocken lassen. Zur Nacht lege ich sie in meinen Arm, beuge mich über sie, flüstere ihr etwas ins Ohr, ohne daran einen Gedanken zu verschwenden, dass die Puppe keine Ohren besitzt, keine Nase, keinen Mund, keine Augen, kein Geschlecht; und doch ist sie ein guter Freund. Ich setze die Puppe vor mich auf den Tisch und sie befiehlt mir, brav aufzuessen. Die Farben in den kleinen Behältnissen kommen aus England, wie der Nachbar mich aufklärt. Die englischen Farben sind in Folie eingeschweißt und stecken in kleinen, viereckigen, blütenweißen Behältnissen. Die Malstellage wird beim Nachbarn aufgestellt, wo ein Talent zu fördern ist, soll sich der Junge ausprobieren, sagt die Adoptionsmutter. Und meint es nicht ernst damit, hält jede Form von Kunst für brotlose Kunst. Ich male Bilder und höre die seltsame Musik des Nachbarn. Mein Widerstand beginnt musikalisch. Ich schenke der Großmutter mein erstes Bild, ein Gesicht mit schönen, großen Augen, die tanzen. Flüchtige Blicke nennt die Großmutter mein Gemälde. Flüchtige Blicke sind flüchtende Blicke. Flüchtende Blicke inhalieren die geringste Absonderlichkeit, ohne die Absonderlichkeit als solche benennen zu können, sie spüren wie ein scheues Wild, was in der Umgebung geschieht, höre ich die Großmutter sagen, die zu ihren weisen Worten mit dem Topflappen an der Kochmaschine hantiert, nicht zu mir aufblickt.