ICH BIN MIT DEM TOD der Adoptionseltern Besitzer einer Mappe geworden, angefüllt mit Kinderzeichnungen, ausgeführt im ersten Kinderheim, drei Jahre lang, durch die Doktoren veranlasst, die meine geistige Entwicklung einschätzen und bestimmen, wie mit mir zu verfahren ist. Es gibt in jeder Anstalt einen Prinzhorn und Bewahrer, der zusammenträgt, was an Zeichnungen und Bildern vorhanden ist. Es wurde eine Akte angelegt. Meine Kunst gibt in expressiver Formenspräche Kunde von meinem Lebenskampf, meinen vorrangigen Visionen und Träumen. Ich finde sie in einem geheimen Eckchen, in einem anonymen Schuber, unter Kleidungsstücken versteckt, sie sind mir von der Adoptionsmutter absichtlich vorenthalten, um mich vor meiner zeichnerischen Kinderwelt zu bewahren, mich nicht an meine Vergangenheit zu koppeln. Schmetterlinge sehe ich. Menschen. Vögel. Menschenvögel. Vogelmenschen. Fahnen flatternd im Wind. Steif und eckig sind meine Ausflugsschiffe, Boote, Dampfer. Bäume sehe ich mit erhobenen Armen in einer Front stehen, wie zur Erschießung aufgereiht. Vor ihnen steht mein Vogelhaus und alle Vögel sind da, Meisen vorrangig, meine ach so geselligen, kleinen gefiederten Freunde, die Wintervögel. Blaumeisen. Kohlmeisen, die in kleinen Gemeinschaften umherziehen, in der Weltgegend herumkommen, viel zu berichten wissen, mit dem Goldhähnchen, dem Kleiber und Baumläufer verwandt sind, zwei Wochen ihre Eier ausbrüten, ihre Jungen pausenlos und beispielhaft umkümmern, gegen Angriffe mit Flügelschlag verteidigen. Ja ja, die Meisen, die Meisen, wolln mit der Braut verreisen. Ich sehe sie wie in einem stummen Film. Die Großmutter spricht ohne Ton, es bewegen sich die Lippen, mir ist, als sagten sie: Du bist verwandt mit der Fledermaus, dem Igel, dem Feldhamster. Sie alle fressen sich für den Winterschlaf Fettvorräte an, die kalten Monate zu überstehen. Sieh, Junge, deine Winterzeit ist nun um. Du hast den Eisblock verlassen. Du erwachst zu Leben, das Winterschlafkoma ist überstanden. Deine Sinne beschleunigen sich, die Körpertemperatur steigt an und wird zu deiner echten Körpertemperatur. Du hast in den Heimen wie das winterschlafende Tier in seiner Höhle überdauert, die Fettvorräte sind aufgebraucht. Du bist ein Eichhörnchen, bist ein Dachs, ein Braunbär. Das Heimleben hat dich in einen winterschlaf artigen Zustand versetzt, den man bei den Tieren beobachtet, die bei Nahrungsmangel und Kälte ihren Stoffwechsel herabsetzen und in Schlafstarre fallen. Die Großmutter sagt zu mir, ich wäre ein erstaunlich widerstandfähiges kleines Insekt, das in sich eine Art organische Verbindung produziert hat, die wie Frostschutzmittel wirkt. So einer kann dann leicht Temperaturen unter dem menschlichen Gefrierpunkt überstehen. Sei froh, dass du kein Sommerschläfer bist. Sie streichelt mich sanft, obwohl sie weiter am Herd hantiert, nicht aus dem Stummfilmstreifen aussteigt. Der Sommerschlaf ist ein böser Zustand der Starre, dem Winterschlaf äußerlich ähnlich. Er überfällt den Menschen, bemächtigt sich seiner. Von Hitze und Trockenheit ermattet, döst das Wesen und stirbt dann schlafend. Wollt rasten nicht in Vaters Haus, wollt wandern in alle Welt hinaus, Siegfried nur ein Stecken trug, das war ihm bitter und leid genug, und als er ging im finstern Wald, kam er zu einer Schmiede bald, da sah er Eisen und Stahl genug, ein lustig Feuer Flammen schlug, oh Meister, liebster Meister mein, lass du mich deinen Gesellen sein, lehr du mich mit Fleiß und Acht, wie man die guten Schwerter macht, Siegfried den Hammer wohl schwingen kunnt, er schlug den Amboss in den Grund, er schlug, dass weit der Wald erklang und alles Eisen in Stücke sprang, und von der letzten Eisenstang macht er ein Schwert, so breit und lang und schlug wie ein andrer Held die Riesen und Drachen in Wald und Feld. Wenn ich nicht in der Schule bin und nicht mit den Jungs in der Natur, auf den engen Wegen entlang der Ostseeküste, bin ich in der Küche bei Großmutter. Die Großmutter fertigt an der Kochmaschine Essen. Die Großmutter ist eine Kochmaschinistin. Ich mag ihren Kartoffelbrei. Die Großmutter hat in mir die Lust auf Kartoffelbrei geweckt. Der Großmutter verdanke ich mein Kartoffelsein und Kartoffeldenken. Ich erinnere ihren Kartoffelbrei. Meine Gedanken duften nach Kartoffeln. Die Kartoffel wird ein Teil von mir, wird meine Philosophie. Ich stelle an der Seite der Großmutter meinen ersten Kartoffelbrei her. Kartoffelbrei ist meine Freudenode an das Dasein. Ich benutze für meinen Kartoffelbrei die Einbrenne der Großmutter. Das Rezept verdankt die Großmutter ihrer Großmutter, weit vor meiner Adoptionszeit vermittelt. Nun kann sie ihre Weltsicht an mich weiterreichen. Die Adoptionseltern essen den Brei und loben ihn und interessieren sich nicht. Die Erde ist für mich eine sich um ihre Achse drehende Kartoffelknolle. Knollen kreisen um Knollen und um die große Knollensonne herum. Der Mond ist die in Silberpapier gehüllte Backkartoffel. Eine Bratröhre ist das Universum, trudelnd unter unzähligen anders gestalteten Bratröhren in der unendlichen Großraumküche. Die Menschheit ist ein Acker. Der Mensch ist eine Kartoffel, die kleinste aller möglichen Knollen weist eine Hirn genannte Ausstülpung auf, die uns von der Vorstellung befreit, einmalig unterm Himmel zu sein. Wenn man die Knolle Mensch nicht richtig lagert, pflegt und hin und wieder wendet, bekommt sie Faulstellen, keimt zu früh, zerfällt vor der Zeit. Die Großmutter steht am Herd und stampft die Kartoffeln im Topf. Ich höre sie sagen: Wo es an Hinwendung fehlt, werden Völker vom Hunger angefressen. Gemeinden verlassen die sicheren Inseln und fallen den kartoffelfeindlichen Mächten in die Hände. Es gibt abgebrühte, faule, gute, schlechte, gibt ausgekochte, mickrige, große, genmanipulierte, gibt harte, kleine, weiche Kartoffeln. Es gibt die haltlos ruchbare, gemeine Kartoffel. Fände man die rechte Mixtur zwischen unterschiedlichen Menschen, könnten Menschen einen vorzüglichen Menschheitskartoffelsalat ergeben. Jedes Land ist eine Stiege voller im Herbst von den Feldern gesammelter Krummbirnen, Grundäpfeln, Erdkastanien, Ackerbodenrüben, Knabberknallen, Kellerknollen, Grambeeren oder wie die Kartoffel noch genannt wird. Eine Nation ist gut im Kochtopf zu verwenden, die nächste Nation taugt besser für die Bratpfanne. Schön ist der Kartoffeldruck. Ich liebe fortan Kartoffeln, Großmutters Kartoffelpuffer. Ich bekomme eine Kittelschürze umgebunden. Ich stehe am Küchentisch, am Herd auf meiner Fußbank. Ich darf der Großmutter zuarbeiten. Wir schneiden die geschälten Kartoffeln in Stücke. Wir reinigen sie mit Wasser, werfen sie in einen Topf, kochen die Kartoffelstücke in Salzwasser weich, belassen sie im Wasser unterm Deckel, wickeln den Topf in dicke Handtücher, stellen ihn unter die Bettdecke, zerlassen Butter in der Pfanne, geben der Butter Zwiebelstücke bei und eine von der Großmutter zusammengestellte Mischung aus Kräutern. Wir ziehen den Topf unter der Bettdecke hervor, geben die Butterkräuterzwiebelmischung bei, zerstampfen alles mit dem Stampfer zu Brei. Ich esse Kartoffelbrei und höre das Meer im Hintergrund sanft plätschern. Kartoffelbrei steht obenan auf meiner Jahresspeisekarte. Frühlingskartoffeln sind die allerbesten Kartoffeln für den Kartoffelbrei überhaupt. Mit Quark, Muskatnuss und in Butter gebratenen Zwiebelstücken versetzt, mit Schüben frischer Milch versehen, mit Pfeffer und Salz abgeschmeckt, ist der Kartoffelbrei eine Ode an die Freude und an den Kartoffelbreiesser. Die Zwiebel soll die rote Zwiebel sein, klein geschnitten, in Gänseschmalz glasig gebraten. Liegt der Kartoffelbrei dann als Batzen auf deinem Teller, so sollen die Zwiebelstücke bräunliche Sommersprossen in dessen Gesicht sein. Der Würfel Einbrenne wird aus der gelblichen Masse herausgeschnitten. Mit dem Löffel wird in den heißen Brei sodann die Kartoffelbreikuhle gedrückt, in das Loch hinein die Einbrenne gelegt. Die dampfende Dramatik nimmt ihren Lauf. Wie vom sicheren Hotelbalkon aus, wohnt man dem Desaster bei, wenn die Einbrenne schmilzt. Im Kleinen sollst du gesehen haben, um im Großen besser zu verstehen, sagt die Großmutter. Und schon sehe ich das angeschlagene Boot, randvoll mit Flüchtlingen. Flüchtlinge. Ströme. Menschen steigen auf und versinken, aus rostigen Wracks geschleudert; und können die nahen Ufer nicht erreichen. Der Schwimmkunst Unkundige, ausgemergelt. Kleine Menschenpartikel kämpfen im Kartoffelbreiloch gegen die kreiselnden Wirbel, sinken ab, tauchen auf, verschwinden, ersaufen, werden mit dem großen Löffel untergerührt. Ich habe über dem Taumel der groß mütterlichen Einbrenne die Weltpolitik als Schaustück erfahren, fortan beängstigen mich die über die Medien verbreiteten Realitäten nicht.