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Trieb, von August Stramm:

Schrecken Sträuben, Wehren Ringen, Ächzen Schluchzen, Stürzen, Du!

BEIM RÜBENHACKEN geht uns Roswitha in der Ackerrille voran. Wir halten absichtlich Abstand. Es ist uns zusätzlich zur Hitze vom Anblick der Roswitha heiß. Wir sind für die Erntehilfe abgestellt. Der Rücken schmerzt vom Mühen und Bücken. Wir hacken die Setzlinge ohne Konzentration. Roswitha steckt in nichts als ihrer Haut, die mit einem Badeanzug überzogen ist, der in ihrer Arbeitshose verschwindet, besser aus ihr hervor aufblüht, hell und grün. Hinter der Roswitha gehend, sind ihre großen Titten als Überbreite auszumachen. Die zierlich gebaute Roswitha hat die dicksten Brüste aller Mädchen auf dem Erntefeld, die Jungen drängeln sich in ihrer Rille und laufen ihr nach wie Schafböcke, dicht nacheinander. Ich schlage mir den Knöchel auf mit meiner Hacke. Heinz schwindelt beim Anblick der Wölbungen, die Verlockung wird bei ihm so groß, dass er am liebsten hingehen, die unfassbar fernen Busen ergreifen und drücken würde. Roswitha schuftet und kommt zügig voran. Roswitha ist am Tagesende die beste Rübenhackerin der Riege und hat von dem Aufruhr hinter sich nichts mitbekommen. Ich sehe mich wieder in der Kammer hinter der Toilette, wo der Adoptionsvater schulische Akten in Regalen verbirgt. Dort halte ich mich versteckt, in der kurzen Zeit, die Roswitha bei der Adoptionsmutter Nachhilfe bekommt. Ich sehe wieder, wie sie sich die Hände wäscht, das Haar kämmt, auf dem Klo sitzt. Ich mache mich schmal. Ich halte die Luft an. Ich belausche das Tun der Roswitha in der Toilette. Ich bilde mich auf dem Bücherdachboden weiter fort, durchsuche die Bücher nach erregenden Bildern, erforsche den Mund-zu-Mund-Kuss, lese von Dingen, die obszön genannt und tabuisiert worden sind. Das Füßeküssen. Der Kuss beim Akt. Der Judaskuss, das Zeichen des Verrates. Eine Schlange kommt aus einer Säule hervorgekrochen und sagt: Das Mädchen, das dich küsst, wird deine Königin sein. Brutus fällt auf die Knie, rutscht auf den Bauch, küsst die Mutter Erde, wird von ihr geküsst, steht in dem Buch beschrieben, wo es heißt, auch Brutus werde töten, was ihn zuerst umfasst und küsst. Dornröschen wird wachgeküsst. Der Wunsch zu küssen lenkt mein sexuelles Erwachen. Ich will bei den Mädchen landen. Dornröschen, nimm dich ja in acht, Taler, Taler, du musst wandern, von der einen Hand zur anderen, da kam die böse Fee herein, Dornröschen, schlafe hundert Jahr, Brüderlein, komm tanz mit mir, beide Hände reich ich dir, einmal hin, einmal her, rundherum wuchs die Hecke riesengroß, Dornröschen, wache wieder auf, wieder auf, wieder auf. Die Mädchen stehen in Gruppe und versuchen einen langen Faden aufzugreifen, weiterzureichen, der sich durch ihr Tun vernetzt und Muster annimmt, die in immer komplizierter werdender Greiftechnik mit den Fingern übernommen werden müssen. Wir Jungen zeigen Gegenstände her, Zeitungsausschnitte, Feuerzeuge, Spielkarten, mit denen wir spielen. Einer muss die Hand hinhalten, einer macht den Rücken für uns krumm. Wir messen unsere Kräfte, wir fangen an zu lachen, wiehern, benehmen uns wie betrunken, stieben auseinander, halten uns die Bäuche, kriegen uns ein, sind mit einem Mal wieder ernst und beherrscht, als wäre eben nicht Tobsucht, Albernheit angesagt. Wir sind in dem Alter, in dem wir lieber murmeln; uns auf den Boden werfen, mit den Augen auszumessen, wessen Glaser näher am Loch liegt. Wir möchten unser Springseil durchs Leben schleppen und sind dem Springseil entwachsen. Doch mittendrin wird uns das Springseil peinlich, wir lassen es liegen, wo wir es fallen lassen, werfen es nicht fort, sondern übergeben es an die nachfolgende Generation. Wir sind unterkühlte Jungen auf dem Weg zum Mann. Die wenigen nahen Momente mit den Mädchen beginnen wir zu genießen, wenn eines uns berührt, werden wir abwesende Geschöpfe, auf das andere Wesen eingenormt, das Mädchen, mit dem wir über ein Seil springen, von anderen Mädchen geschwungen. Mädchen, deren Nähe wir so intensiv spüren, für deren Nähe wir alles hingeben, jede Achtsamkeit uns gegenüber verwerfen, das einigende Jungengefühl aufgeben, uns sticheln, in Grund und Boden kommentieren, was manchen von uns aufbringt, rot werden und hinreißen lässt, Dinge zu tun, die man von uns nicht kennt, wie sich wegen einer Nichtigkeit kloppen.

Die meisten Menschenkinder kommen mit den Farben der Schmetterlinge bunt zur Welt, grad wie die Paradiesvögel.

SIE GLEICHT WOHL einem Rosenstock, drum liegt sie mir im Herzen. Ich entkleide mich. Ich stehe nackt im Raum und spüre die Kälte der Nacht nicht. Ich bin dreizehn Jahre. Sie trägt auch einen roten Rock, kann züchtig, freundlich scherzen, sie blühet wie ein Röselein, die Bäcklein wie das Mündelein, liebst du mich, so lieb ich dich, Röslein. Ich will küssen. Ich will den ersten Kuss, will die Berührung eines anderen Menschen mit den Lippen, nicht als Geste der Zuneigung. Das Röslein, das mir werden muß, beut mir her deinen roten Mund, Röslein auf der Heiden, ein Kuß gib mir aus Herzensgrund, so steht mein Herz in Freuden, küßt du mich, küß ich dich, Röslein auf der Heiden. Ich will nicht irgendein Mädchen küssen. Ich will Roswitha küssen. Wer ist, der uns dies Liedlein macht? Ich weiß nicht mehr, wie ich es geschafft habe, Roswitha in den Park zu bestellen. Es ist ein kalter Novembertag. Sturmwarnungen im Radio. Die herbstsonnenverwöhnten Blätter haben keine Zeit, sich sanft aus ihren Verankerungen zu lösen, sondern sehen sich brutal vom Ast gerissen. Kein größer Freud auf Erden ist, denn der bei seiner Liebsten ist. Nach dem Schneefall der Vornacht liegt im Wäldchen eine zentimeterdicke Schneedecke. Roswitha kommt, und ich sehe ihr an, dass sie friert. Wir gehen schmale Wege. Ich bin Belmondo, Roswitha ist meine frierende Deneuve. Wir gehen wie in einem filmischen Streifen über den Schnee im Wäldchen auf und ab. Wir sind das Filmpaar im wundervollen Schneetannenwald. Roswitha Deneuve ist eingemummelt, was ich von ihr sehe, ist wunderschön. Wir gehen auf die Liebesschlucht zu. Der Wind benimmt sich zu grob vorne entlang der Steilküste. Wir kommen in den kleinen Waldparkabschnitt mit seinen zwei verschneiten Bänken. Auf Höhe des Findlings, der als Ehrenmal für sowjetische Soldaten fungiert, unterm roten Stern, halte ich den Augenblick für angemessen. Ich stehe meiner Deneuve gegenüber. Sie hält ihren Kopf unter der Kapuze versteckt, nichts ist vom wundervollen Haar, unter ihrer Kapuze versteckt, zu sehen. Ich stehe bar jeder Kopfbedeckung. Schneeflocken setzen sich auf mein Haar und schmelzen sofort. Ich bin auf den ersten innigen Kuss versessen, bin im Sprung begriffen, bin das wilde Kusstier, das Roswitha anfallen wird, das arme Reh, das in den Park gekommen ist und nicht ahnt, was sich der Schwerenöter für diesen Tag vorgenommen hat. Ich fasse Mut. Ich bin ein Schiff und bin das Meer und bin mein Kapitän. Es treibt mich auf Roswitha zu. Ich greife an, lange hin, nehme sie; alle Worte beschreiben nichts und geben die Situation nicht wieder, küsst ein Junge zum ersten Mal einen Mädchenmund. Alle Leitungen brennen durch. Aber der Kuss bleibt hinter den Vorstellungen vom Küssen weit zurück. Roswithas Nase läuft. Ich presse Roswitha in Manier des ungezügelten Casanovas den unendlichen ersten Kuss mitten auf den Schnoddermund. Kann nicht ablassen. Spüre den kalten Nasenrotz Roswithas. Es gelingt mir nicht, den Mund von meiner Novemberschneedeneuve zu lösen. Der Kuss beginnt mich zu ärgern, mein Benehmen Roswitha gegenüber ärgert mich. Ich kann nicht von der Roswitha lassen. Ich küsse sie und küsse und merke nicht einmal, wie sie um Luft ringt, sich gegen meine Aufdringlichkeit sträubt, halte für Wallung, wogegen sie strebt, nehme ihre verstärkten Bewegungen für innige Teilnahme, setze im Kuss zum neuerlichen, fortgeführten Kuss an, fasse ihren Kopf, bin wie von Sinnen, nicht fähig, mich wieder einzukriegen, abzubrechen, wegzulaufen, mich meiner zu schämen, die Schmach zu überdenken. Ich spüre nichts, fühle nicht einmal unterbewusst, instinktiv, dass meine Deneuve weit entfernt ist, an meinen Küssen Gefallen zu finden. Roswithas Nase läuft stärker. Ich presse sie so wild, dass sie einknickt. Und ich Dummer sinke mit ihr in den dünnen Schnee. Roswitha stößt mich im Sinken von sich, rollt beiseite, erhebt sich, ist über mir, der ich beseelt auf dem Rücken liege, die Augen geschlossen, bis Roswitha über mir ist und wilde Schläge gegen mich setzt, dass es klatscht und klatscht, ins Gesicht, auf den Kopf, über den Körper verteilt, wohin sie trifft, breitbeinig über mir stehend, Schnee und Dreck regnet auf mich nieder; und die wütende Roswitha behält mich im Auge, Hass im Blick, sagt sie böse Worte: Schwein, Perverser. Schäm dich, ruft sie noch im Weglaufen, schreit und läuft von Schreien angetrieben fort aus diesem Erinnerungsbild, und ich liege versteinert die lange schöne, grausig wohlige Weile, die ich mich an Roswitha erinnere, da, ehe ich mich aufrichte und der Roswitha nach aus meiner unrühmlichen Erinnerung stehle. Die Zeit frisst ihre liebsten Kinder. Unsere Busenkönigin ist vor einigen Jahren am Brustkrebs gestorben, heißt es auf dem einzigen Klassentreffen, zu dem ich über dreißig Jahre verspätet gefahren bin.