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Der Adoptivsohn hat etwas ausgefressen. Die Hand der Adoptionsmutter liegt auf dem Geländer. Das Geländer hat sie eigenhändig gestrichen und die Latten mit stinkender Farbe grell lackiert. Jede Sprosse in einer anderen Farbe, wie bei einem Regenbogen. Die Farbfolge ist mir auf ewig als Rot zu Orange und Gelb zu Grün zu Blau und Indigo zu Violett in Erinnerung; und runter die Treppe von Violett zu Indigo zu Blau zu Grün zu Gelb zu Orange zu Rot. Oben an der schmalen Treppe steht sie als Despotin und blickt auf mich dort unten herab. Wie einsichtig und optimistisch ich auch vor ihr stehe, mich für was weiß ich für Taten entschuldigen mag, sie nimmt keine Entschuldigungen hin, sondern zeigt sich ungehalten, wünscht keinerlei Diskussionen, spricht von Ansehen und Verlust, den ich ihnen allen als Schaden zugefügt. Erwischt und gescholten, tapse ich die Stufen der Treppe empor, nehme den letzten Treppenstufenabsatz mit einem Sprung in den Flur auf sie zu und an der Adoptionsmutter vorbei, die den missratenen Jungen ins Wohnzimmer leitet, wo der Adoptionsvater am Tische sitzt, die Hände übereinandergelegt, in Amt und Würden, die Standpauke zu halten, die sie ihm eingeredet hat und für angebracht erachtet. Eifrig nimmt sie mir vor dem Eintritt den Schulranzen ab, bringt mit ihren Fingern mein Kopfhaar in Ordnung, versucht mich, mit der Bürste zur Hand, von Schmutz an der Kleidung frei zu bürsten, dass ich picobello vor dem Adoptionsvater stehe, wie vor einem Beamten, dem ich nicht umständlich kommen soll, sondern die Sicht der Dinge hersagen, weil er sowieso von meinen Schandtaten weiß, was er mich auch fragt, weil sie immer alles schon gewusst haben, noch bevor ich den Nachhauseweg angetreten habe. Und obwohl sie Bescheid wissen, habe ich anzutreten, dazustehen und zu erzählen, was sie zu hören wünschen. Also leiere ich meinen Text herunter, variiere die Zugeständnisse, gebe mal dies und dann wiederum das zu.

Die Adoptionsmutter wartet im Flur hinter der Tür den jeweiligen Ausgang der Standpauke ab. Die Großmutter verhält sich still und denkt sich ihren Teil. Ich sehe mich vom Adoptionsvater mit einer Verwarnung oder Strafe entlassen. Die Adoptionsmutter nimmt mich im Flur in Empfang, um mir zu sagen, was für ein Glück im Unglück ich hätte, so einen milden Richter als Adoptionsvater zu haben. Sie redet, wenn sie von mir persönlich tief enttäuscht worden ist, von den rezessiven Genen, dem Dilemma der Erbkrankheit, den üblen elterlichen Genanteilen, Gene meiner Abstammung, die schlechtesten der schlechten; bösartige Gene, gegen die der allerbeste Wille nicht ankommt.

Die Großmutter hält sich beide Wangen vor Schrecken und schüttelt den Kopf. Ihre Gesten an mich bedeuten ihr Nein zu dem Zeug, das da dem Munde ihrer Tochter entspringt, als wüsste sie, was der Verfehlung auf dem Fuße folgt, nämlich der innere Aufschrei, das Aufbegehren, längst fällig, viel zu lange in mir gestaut, eines Tages wird es aus mir hervorbrechen und mich laut kontern lassen, dass die Adoptionsmutter nicht meine Mutter ist und niemand mir nie wieder hier was zu sagen hat. Und wie ich die Tür hinter mich werfe, weiß ich die Großmutter in ihrer Ahnung bestätigt und mich auf dem rechten Pfad, dem der beginnenden Abnabelung, des aufkeimenden Selbstvertrauens. Ade, du lieber Tannenwald, ade, wie rief die Scheidestund so bald, mir ist das Herz so trüb und schwer, du siehst ihn nimmermehr, ade, du liebes Waldesgrün, ihr Blümlein mögt noch lange blühn, mögt andre Wandrer noch erfreun und ihnen eure Düfte streun, und scheid ich auch auf lebenslang, Wald, Fels, Vogelsang an euch, an euch zu aller Zeit gedenke ich in Freudigkeit.

Es häufen sich die Tage, an denen ich es nicht mehr aushalte. Verlassen, verlassen, verlassen bin ich wie ein Stein auf der Straße, so verlassen bin ich, keinen Vater, keine Mutter, kein Feinsliebchen hab ich, jetzt seh ich recht deutlich, wie verlassen bin ich, jetzt geh ich zum Friedhof zum Friedhof hinaus, dort knie ich mich nieder und weine mich aus. Ich bin aus dem Adoptionselternhaus ausgerissen, ich bin der sich unbeherrscht aufführenden Adoptionsmutter entkommen, die an diesem Tag völlig durchgedreht ist, mit ihrem Ausklopfer hinter mir herlief und wie irre schrie: Das sind die Gene. Die Gene schlagen durch. Du bist voller Gene deiner Mutter, die ein Freudenmädchen ist, ein Freudenmädchen, ja, das ist sie, damit du es weißt, was den Vater anbelangt, eingelocht gehört der Verbrecher wie alle Verbrecher seines Schlages, diese Nichtse von Saufausen, von denen du auch einer wirst, wenn du dich von diesen Genen lenken lässt. Sie ringt um weitere Schimpfworte, bringt aber keine Schimpfworte mehr zusammen. Zehn kleine Negerlein, die gingen in einen Hain, der eine hat sich aufgehängt, da warens nur noch neun kleine Negerlein, die haben einmal gelacht, der eine hat sich totgelacht, da warens nur noch acht kleine Negerlein, die gingen mal Kegelschieben, der eine hat sich totgeschoben, da warens nur noch sieben kleine Negerlein, die gingen zu einer Hex, der eine wurde totgehext, da warens nur noch sechs kleine Negerlein gerieten in einen Sumpf, da ist der eine stecken blieben, da warens nur noch fünf kleine Negerlein, die gingen mal zum Bier, der eine hat sich totgetrunken, da warens nur noch vier kleine Negerlein erhoben ein Geschrei, der eine hat sich totgeschrien, da warens nur noch drei kleine Negerlein, die gingen am See vorbei, da kam ein großer Hecht geschwommen, da warens nur noch zwei kleine Negerlein, die gingen zu einem Schreiner, der eine hat sich inn Sarg gelegt, da war es nur noch einer, ein kleines Negerlein, das fuhr mal in ner Kutsch, da ist es hinten rausgerutscht, da warn sie alle futsch.