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NACH DEM TOD DER ADOPTIONSMUTTER entdecke ich jene drei Kartons, nicht üppig gefüllt, schmale Zigarrenkisten, in ihnen Fotos aus den heftigen Sehnsuchtstagen. Ein schönes halbes Dutzend Fotografien erwärmen mir das Herz, zeigen mich neben der Cousine am hellen Saalestrande, in der Pioniereisenbahn, eng beisammen, Kopf an Kopf, auf dem Sitz am Fenster, um das sich der Pionierpark langsam dreht, wie wir meinen, die wir uns nicht bewegen, steif beisammensitzen und regungslos sind, unsere ersten zarten Regungen genießen, Wange an Wange, getarnt als gemeinsames Interesse an dem, woran unsere Liebesbahn vorbeifährt. Die Cousine ist bei uns daheim am Ostseestrand festgehalten, von der Großmutter abgelichtet. Ich stecke in dieser schrecklichen, schwarzen Dreiecksbadehose, eine Nummer zu groß geraten.

Das macht nichts, hat die Adoptionsmutter gesagt, da wächst einer sich rein. Die Badehose kann meinen Hodensack nicht immer richtig bewahren, wenn ich nicht achtsam bin, rutscht er seitlich hervor. Also renne ich nicht wild umher, sondern gehe mit engen Schritten und stehe auf dem Bild seitlich an den Strandkorb gelehnt, so seltsam klemmig, wie mir in der Dreiecksbadehose ist. Im Strandkorb sitzt die Cousine bei der Adoptionsmutter, die einen seltsamen Badeanzug am Leibe hat, ihr Gesicht dem Fotoapparat präsentiert. Auf allen Bildern immer wieder dieses künstliche Lächeln und ihre weißen Zähne, auf die sie stolz war, die sie allen zeigen musste; immer wieder für Fotos aufgesetzt. Ich überwinde der Cousine zuliebe meine Abneigung gegen das Wasser, laufe ihr nach ins Wasser und bin dann auch ein eifriger Taucher, betätige mich als unterseeischer Seesternesucher, hole für sie mehrere Seesterne vom tiefen Grund. Ich treibe mit einem großen Luftring auf dem Wasser. Ein Schlauch, vielleicht von einem Traktor. Mit Füßen und Händen strampel ich, lasse die Wasser schäumen. Auf einem anderen Bild trage ich eine Kofferheule. In der vorpubertären Ära gab es nichts Schöneres als mit der Kofferheule auf der Seebrücke stehen und Eindruck bei den Mädchen schinden. Mein Radio stammt aus Russland, heißt Roter Stern, Sputnik oder sonst was Russisches. Ein äußerst robust gebautes Gerät, mit dem wir die aktuelle Beatmusik dudeln konnten, über Radio Luxemburg auf Mittelwelle gesendet. Ich halte die Kofferheule zwischen Hand und Oberarm an die Hüfte gequetscht. Den schmächtigen Brustkorb halte ich für v-förmig geformt, wenn ich den Bauch einziehe und den Rücken durchdrücke, mit meiner Kofferheule paradiere.