KÖRPERLICHE SYMPTOME DER ANGST sind nervöse Magenbeschwerden, Kurzatmigkeit, Muskelanspannung, schwitzende Handinnenflächen, Schwindelgefühle, Schlafstörungen, geistige Blockaden, plötzlicher Kontrollverlust über die Ausscheidungsfunktionen. Ich kenne die Angst im Vorfeld einer bevorstehenden Bestrafung. Aber es ist keine konkrete Angst, die mich auf der Fahrt nach Stralsund beherrscht. Es ist eher eine Stimmung, eine Beklemmung. Ich habe nicht gesagt bekommen, zu wem es geht und was für einen Menschen wir besuchen. Letztlich sitze ich mit der schweigenden Adoptionsmutter in einem Bus und dann in einem Personenzug. Es geht an wunderschönen Landschaften vorbei, eine lange Strecke führt eine Weile am Meer entlang, der Ostsee, also an etwas Großem vorbei in das Nichts, wenn ich mein Gefühl richtig werte und ansatzweise definiere. Es waren zwei Königskinder, sie konnten zusammen nicht kommen, das Wasser war viel zu tief, ach könntest du schwimmen, so schwimm doch herüber zu mir, drei Kerzen will ich anzünden, die sollen leuchten zu dir, das hört ein falsches Nönnchen, die tat als wenn sie schlief, sie tat die Kerzelein auslöschen, der Jüngling ertrank so tief. Die Reisebedingungen sind beklemmende. Die Adoptionsmutter benimmt sich seltsam. Weil ich nicht über den Zweck der Reise nach Stralsund und über die Zielperson, der unser Besuch gilt, unterrichtet bin, weiß ich also das seltsame Benehmen der Adoptionsmutter nicht einzuordnen. Ganz anders wäre alles geworden, hätte man mir gesagt, dass es zur Schwester nach Stralsund ins Krankenhaus geht, sich Bruder und Schwester zum ersten Mal in ihrem Leben begegnen. Es war an einem Sonntagmorgen, die Leut waren alle so froh, nicht so die Königskinder, bis sie der Fischer fand, ach Fischer, liebster Fischer, willst du verdienen groß Lohn, so wirf dein Netz ins Wasser und fisch mir den Königssohn, er warf das Netz ins Wasser, er ging bis auf den Grund, er fischte und fischte so lange, bis er den Königssohn fand, ach Mündlein, könntest du sprechen, so war mein jung Herze gesund.
Das Ziel heißt Stralsund. Stralsund soll eine schöne Metropole sein, einen Hafen besitzen, eine Werft, die über den Dächern der Stadt von überall aus weithin zu sehen ist. Ich denke bei Stralsund an das mir dort versprochene Eis. Sie schwang sich um ihren Mantel und sprang wohl in die See, gut Nacht, mein Vater und Mutter, ihr seht mich nimmer-meh, da hört man Glöcklein läuten, da hört man Jammer und Not, hier liegen zwei Königskinder, die sind alle beide tot. Die Adoptionsmutter redet nicht viel, tätschelt nur einmal meine Hand, klopft auf ihr herum und sagt, was die Seltsamkeit ihres Benehmens noch steigert: Das wird alles werden, das bekommen wir hin, das wäre doch gelacht. Beklemmung ist für Wissenschaftler und Theoretiker eine lobenswerte Grundstimmung des Daseins, die dem Menschen bewusst vor Augen hält, wie sein Leben sich am Tod orientiert. Jean-Paul Sartre rät dem Menschen, die Beklemmung aus Angst vor Ängsten zu ignorieren, das Angst schürende Etwas zu negieren. Kluge Männer der Wissenschaft verweisen auf den kognitiven Aspekt der Beklemmung, bezeichnen ihn als eine Tür zu einem Raum, in dem sich unsere beklemmenden Gefühle aufhalten, sich vor uns ängstigen, Gruppen bilden, sich dicht beisammen sammeln und davor ängstigen, von uns als uns gehörige Beklemmung in Anspruch genommen zu werden. Wohin also mit den abgelegten, den vergessenen, den überwundenen Beklemmungen, die sich nicht mehr ängstigen, wenn man sie packt und in sein Unterbewusstsein zurückstopft.
MIR TRÄUMTE DIE ERSTE NACHT in meinem Zimmer, ich wäre in einem russischen Zug unterwegs. Die Transsibirische Eisenbahn, die in Sibirien am Pazifik endet. Der Zielhafen heißt Wladiwostok, eine Stadt aus Schnee gemacht, wie wir sie in der Schule beschrieben bekommen haben. Mein Wissen über sie hat mir die Note Eins beschert. Erschließung, Bodenschätze, Zarentum. Alexander III. Moskau und der Ural. Tscheljabinsk, der erste glückliche Ankunftsort. Tscheljabinsk, Tscheljabinsk, wiederhole ich. Das Wort klingt wie Fischfang und Glücksspielautomat. Auswendig gelernt all mein Wissen, um eine Eins zu bekommen, um dann mitgenommen zu werden, nach Halle an der Saale, zur Cousine. Sapadno-Sibirskaja-Bahn. Tscheljabinsk-Kurgan-Petropawlowsk-Omsk. Der Ob, dieser ungewöhnlich ruhige, tiefe, breite Fluss, an dem sich das Kaff Nowonikolajewsk zur Millionenstadt Nowosibirsk ausdehnt. Die Bahn schnauft bis nach Krasnojarsk an den Jenissej voran. Über den Fluss führt die einen Kilometer lange Brücke, die eine ausgesprochen bemerkenswerte Brücke sein soll. Der Streckenbau gestaltet sich schwierig. Jahrelang übernehmen Fähren den Transport über den Baikalsee. Das Wort Baikalsee zergeht auf der Zunge wie Sahne mit Zuckerzimt.