Worte heucheln, Worte sind schnell, Worte sind wie Spazierstöcke. Jim Morrison
AM FENSTER FLIEGEN unberührte Landschaften vorbei. Der russische Osten. Ich drücke die Nase am Fensterglas platt, halte nach Bär, Wolf, Tiger Ausschau. Ostlich von Tschita, geradewegs durch die Mandschurei, zwischen Harbin und Ussurijskwo, muss ich austreten. Ich gehe hinaus in den Gang, steige über die Leiber der im Flur Dösenden. Ich befrage einen bärtigen alten Mann, der den Kopf schüttelt. Lauter runde, pausbäckige, bunt gekleidete Matrjoschkaweiber wie aus russischen Märchenfilmen entliehen, mit großen Augen, richten ihre verschrumpelten Finger in Gangrichtung. Also eile ich an Abteiltüren vorbei, lange, enge Flure passierend. Hinter den Türen Gackern und Hühner, Käfige und Ziegen, am Boden krümmende, eingemummelte Leiber. Felle und Fellgeruch. Knoblauchfahnen von Männern und Frauen. Keine Toilette. Kein einziges Loch, das mich vom Harndrang befreit. Eine Menge chinesischer Arbeiter haben beim Bau der Bahn mitgewirkt, rede ich auf mich ein, mich vom Harndrang abzulenken. Haben sich die Cholera zugezogen, sind auf den Gleisen gestorben. Ein Chinese fasst meinen Arm. Die Hand ist blass und kalt wie die eines Toten. Die Augen gleichen zerbrochenen Vogeleierschalen. Er weist auf eine Pforte. Ich finde eine Tür zu einem stillen Ortchen. Das Klo ist ein Klo wie das Klo bei mir zu Hause. Die Tür zur Kammer neben dem Waschbecken, die Spüle, der Handtuchhalter, Spiegel, alles mit der Toilette der Adoptionseltern identisch. Ich lasse die Hose herunter. Im selben Augenblick sitze ich, lasse beseelt das Wasser ab. Mitten in der Mandschurei fühle ich warme Nässe an meinem Innenschenkel, schrecke aus dem Traum, habe den teuren Federkern bepinkelt. Das Laken ist feucht, die unter das Laken gelegte Decke auch. Statt mit der Bahn auf einem Schiff über dem Amur nach Chabarowsk unterwegs, bin ich hellwach, reiße das Laken von der Matratze, blicke auf den Riesenfleck auf der schönen Matratze mit dem Federkern, den ganzen Stolz der Adoptionsmutter, die um Himmels willen nichts davon bemerken darf. Ich presse meinen Körper auf den Fleck der Matratze, versuche, ihm mit Körperwärme beizukommen, öffne das Fenster, bitte den halb vollen Mond inständig um trocknende Strahlen von oben herab. Die Schlafhose hänge ich zum Fenster hinaus an den Fensterhaken. Mein Unterkörper kühlt währenddessen. Ich kühle aus. Ich ringe den Rest der Nacht über mit dem Fleck. Der geht nicht weg. Der bleibt allhier und beginnt schon zu riechen. Ich suche den Geruch mit geruchsfeindlichen Worten zu beschwören. Der Name meiner Störung Enuresis nocturna. Gretel, Pastetel, was machen die Gäns, sie sitzen im Wasser und waschen die Schwänz, und die Kuh steht im Stall und macht immer muh, und der Hahn sitzt auf der Mauer und kräht, was er kann, das Huhn gackert und gackert und hat sonst nichts zu tun, und das Schwein wälzt sich im Schlammloch, findet das fein. Bin ein gestörtes Stadtkind. Bin das Kind der nächtlichen Bettnässerei, das davon niemanden etwas sagen kann, niste neben dem Bett, richte es mir auf dem Teppich her. Von Schlaf keine Rede. Gegen Morgen erwacht habe ich auf den Teppich gemacht. Kälte überkommt die Waise, fühlt sich an den Ledermantelgürtel gebunden, lebenslang mit der linken Wange an hartes Leder gepresst. Steife. Frost. Das Knattern der Maschine. Der Fluch meines Lebens. Die eisige Wange. Von hier nach dort verstoßen, umhergezogen, nebenbei behandelt, verhöhnt, verlacht und in ungemütliche Richtungen gestoßen, von einer Kälte in die nächste Kälte geworfen, von dort nach da und dort zurückgeschubst, dass keine Zeit bleibt, kein Gedanke kommen kann, mein Leid einzuklagen, den Ledermantelmann endlich bei seinem Ledergürtel zu packen, das beißende Schwarz des Mantels als Flagge bannen. Das Bibbern loswerden. Die Waise boxt um sich und erschöpft sich rasch und faltet die kleinen Hände: Ich bin der Ledermantelmann, keucht der Ledermantelmann. Der Ledermantelmann, fragt die Waise mit kindlicher Stimme. Der Ledermantelmann, bleibt die ewige Antwort. Und Angst macht sich breit, das Gefühl von Beengtheit, Beklemmung, Übergriff, Bedrohung und Gefahr. Das ängstliche Wesen ist ein steuerloses Stück Papier, als solches allen Winden ausgeliefert. Angst tritt als Ersatz an die Stelle der nicht erhaltenen Liebe. Angst bildet Haut aus wie das Fett über der heißen Milch. Angst verengt die Poren. Zum Himmel hoch stellen sich steif die Haare auf. Angst macht sich klein. Angst will nicht als Angst entdeckt sein. Von den Töchtern aus dem Nyx, den Töchtern der Nacht werde ich heimgesucht. Furchterregende Gestalten belagern meine kindliche Traumstätte. Frauen mit Mutterbrüsten, dick wie die Köchin Blume im Haus Sonne. Sich um meinen Leib windende Schlangen sind die Mutterängste. Mit ausuferndem Wuschelhaar an ihren Köpfen kommen sie zu mir ans Bett, nehmen mir Nacht für Nacht die Luft zum Atmen. Frauenhaar, bündelweise zwängt es sich mir in den Mund, mit jedem Atemzug tiefer, würgender, bis der Hals ganz gestopft ist. Von unterhalb der Dielen steigen die Muttergeister zu mir auf, senken sich über den Bettrand zu mir hernieder, suchen mich nicht zu beschwören, hauchen, zischeln, knurren, schwärmen, wallen, tuscheln, fauchen, prusten, gären, dass ich von ihrem Treiben aufrecht in Bett sitze. In jedes Heim begleiten sie mich, von hier nach dort, von Stadt zu Stadt, bis ins Heute. Wer seid ihr, bibbere ich. Erinnyen sind wir. Schenk uns besser keinerlei Beachtung. Was habt ihr vor? Rastlos ist unsere Jagd. Wir wollen dich gereinigt sehen. Wir werden nicht Gnade walten lassen. Wir kehren wieder als Eumeniden. Erwarte uns nicht. Wir melden uns bei dir. Und dann sind sie fort wie jeder Spuk. Ich untersuche das Bett nach Spuren, taste die Wände ab, schaue hinter die Schränke, lege mich flach zu Boden, suche unterm Bett nach dem Bösen. Aber da ist nichts, nur staubige Flocken auf dem Fußboden. Der Mensch kennt viele Ängste. Die Amaxophobie, die Angst vor Fahrzeugen, und die Anthropophobie, die Angst vor Menschen, und die Aquaphobie, die Angst vor Regenwasser. Die Arachnophobie, die Furcht vor Spinnen. Die Batrachophobie, die die Angst vor Fröschen, Schleim, Donner, Unsauberkeit ist, und die Angst vor der Elektrizität, vor den Insekten, Eingeweiden, Würmern, Blut und Krebsen in ihrem Flussbett sowie die Furcht vor geschlossenen Räumen, verschlossenen Toren, vor dem Weggeschlossensein, dem Alleinsein und die Bange vor dem Bangesein, das Zögern vor dem Zu-Bett-Gehen, die Furcht vor dem Hund des Nachbarn, der Maus auf dem Küchenstuhl, der Ansteckung durch Bakterien, Krankheiten, Kranksein und Kontakt mit Kranken, deren Eiter, Speichel, Kot, Angst vor allem Neuen, Angst vor dem Nackten, der Nackten, der Nacktheit, der leeren Schultafel, der vollen Schultafel, den langen Zahlenreihen an der Schultafel, den hellen Mondnächten, den mondlosen, finsteren Schwarznächten und vor allem Bammel vor Feuer, Bammel vor Mädchenhaar, Bammel vor dem Bammel und die Angst vor dem Verreisen, vor Gleisanlagen, sowie unter einen Zug zu geraten. Große Uhren gehen tick tack tick tack, kleine Uhren gehen tikke takke tikke takke und die kleinen Taschenuhren tikke takke tikke takke tick. Ich schlafe entkräftet ein. Zahlreiche Ströme konnten für den Bau der Transsibirischen Eisenbahn überbrückt werden. Frühjahrsschmelzen behinderten die Bauarbeiten. Wassermassen fluteten große Landesteile, rissen fertige Bauabschnitte mit sich fort; und mir gelingt es nicht, meiner Wasser Herr zu sein, drohe mich aus der Adoption zu spülen. Nur nicht jede weitere Nacht die Matratze wie Muttererde befeuchten. Lieber Gleise verlegen, gebraucht sein, in Sibirien heiraten, russische Kinder haben, Schafe züchten, Wolle ernten, Wolle zu Jeansstoff verarbeiten, den Stoff mit Beton mixen, Betonjeanshosen formen, die nicht von innen her nässen können.