Выбрать главу

Die Ängste, die ich entdecke, sind die Ängste aller. Stephen King

BEIM VERSUCH, mir eine Stockschleuder zu bauen, die eine Rakete ist und pfeilschnell zischt, verletze ich mir den rechten Daumen, spalte mit der Spitze meiner Holzrakete den Daumen, zertrümmere das Nagelbett. Der Daumen schwillt augenblicklich, der Nagelbruch wird aus seinem Bett geschoben. Ich werde zum Doktor gebracht. Der Doktor sagt, er könne mich notoperieren, was mit einigem zusätzlichen Schmerz einhergehen wird. Er könne aber auch die Wunde säubern und stoßsicher verbinden, es bliebe dann ein Spalt zurück, ich müsse mich entscheiden, ob der Nagel raussoll oder bleiben. Keiner dürfe mir da reinreden. Nur ich allein hätte über meinen Daumen zu bestimmen. Ich sage dem Doktor, dass ich keine weiteren Schmerzen erleiden mag, verbunden sein will und mit einem gespaltenen Daumen versehen. Die Adoptionsmutter ist außer sich, wie könne der Doktor einen Knaben bestimmen lassen, sie werde nicht zulassen, sich beschweren, es sei eine Untat, den Jungen mit einem groben Fehler heranwachsen zu lassen. Ich spüre eine Kraft in mir wie Beistand. Der gespaltene rechte Daumen ist ab sofort mein Markenzeichen, an dem sie mich alle erkennen sollen, das kleine Indiz für Macht und Mut. Die Adoptionsmutter nennt den Daumen einen Schandfleck, sagt dem Doktor, sie dulde nicht, spricht von Schädigung, Zeichengebung wie unter Knastbrüdern, hat sich einer außerordentlichen Übermacht zu beugen; sieht ihre Vorherrschaft bröckeln. Der Doktor sagt nur: Geben wir der Wunde die Zeit, die sie wünscht. Haben wir Glück, wächst alles wunderschön zusammen. Haben wir Pech, bist du ein Indianer; dein Name sei Häuptling gespaltener Daumennagel. Die ungünstige Variante tritt ein. Der Nagel wächst gespalten aus. Ich nenne mich Häuptling gespaltener Daumen, der Doktor ist ein weißer Freund, mit dessen Hilfe ich mich gegen das Schönheitsideal der Adoptionsmutter durchsetze. Ein gespaltener Daumen zu einem gespalteten Dasein ist mir recht. Ich will mit diesem tiefen Spalt an mir leben. Der kleine Spalt wird mein Erkennungszeichen, hilft mir aus der Anonymität, macht mich zu etwas Besonderem, erhebt mich über mein Waisentum.

ALS ICH NICHT HABE AUFHÖREN WOLLEN, sie nach meiner Herkunft zu befragen, nicht gefragt hätte, sondern provoziert, frech geworden, behauptet habe, die echte Mutter, was immer sie für eine Frau gewesen sei, was je sie am eigenen Kind verbrochen habe, sei mir allemal lieber als eine Frau, die nur vorgebe, Mutter zu sein, keinen Draht, keine Antenne, keine Ahnung besäße, was eine Mutter einem Kind sein könne, da habe sie sich (und sie muss von innerer Erregung geplagt innehalten) eben nicht zu helfen gewusst und nach dem Ausklopfer gegriffen.

Die Adoptionsmutter ist wie vor den Kopf geschlagen. Hass funkt. Die Hand greift nach dem Ausklopfer. Sie stürmt mit dem Ausklopfer auf mich zu, ist hinter mir her, weiß sich nicht anders zu helfen, wie sie später reumütig sagt, in so anstrengenden Zeiten, in denen ich pubertierte, mich so durchgreifend verändert und gewandelt habe; ein provozierender Charakter, der sie etliche Male mit Absicht zu Weißglut gebracht hat, dass Nervenstrenge und Nervenstränge nötig gewesen wären, über die sie nicht verfügte, erklärt sie. Böser Anwurf sind meine bohrenden Fragen nach Herkunft und wahrer Elternschaft. Sie spricht von Strenge wie Stränge von streng und Strang. Sie sagt Anwurf wie Auswurf. Sie gesteht Versäumnisse und meint damit nur: Niemand kann die Zeiger der Uhren zurückdrehen. Sie habe gelogen und verschwiegen, um mir ein besseres Leben zu ermöglichen. Fragt ausgerechnet mich, was sie denn hätte tun sollen. Wissen hätte mich verwirrt, an den Fakten sei nicht zu rütteln gewesen. Die Mutter sei keine Mutter gewesen und der Vater bleibt für sie ein feiger Schuft. Es gibt auf der Welt Dinge, vor denen muss man das Kind bewahren. Es ist nicht Lüge zu heißen, was man in bester Absicht dem Heimkind verschweigt. Sie habe Angst gehabt vor der einfachen Wahrheit. Die Adoptionsmutter zeigt Mühe, späte Reue zu formulieren. Sie habe sich selbst wohl falsch beraten, als sie sich entschloss, all meine Befragung abzuschmettern, an die Stelle von Aufklärung, das Lügenbeet zu bestellen. Zum Vater und zur leiblichen Mutter wäre kein weiteres Wort zu verlieren, stöhnt sie, heilfroh solle ich sein als das verstoßene Kind, von ihnen aufgefangen, von dem ungewollten in ein gewolltes Kind umgewandelt worden zu sein, in Dankbarkeit mich ergehen für die mutige Annahme an Kindes statt, nicht dreist die Herkunft erforschen. All meine Schritte diesbezüglich empfinde sie als Schläge mitten in ihr Gesicht und in das Gesicht des Adoptionsvaters. Man habe zu meinem Wohle lügen müssen, von Anfang an, und wäre gemeinsam übereingekommen, mit der Heimleitung und sonstigen staatlichen Vertretern, besser falsches Zeugnis abzulegen, auf Teufel komm raus zu verschweigen, im Sinne des Kindes, zu dessen besserem Gedeihen, das Märchen vom elternlosen Findelkind zu bemühen. Es sei ihnen vom Heimleiter empfohlen worden.

Der Ausklopfer besteht aus Weide oder Rattan. Das Material ist kunstvoll geflochten. Aus dem geflochtenen und in sich gedrehten Stab wächst die breite Schlagfläche aus zwei unterschiedlichen, ineinander verschlungenen Schlaufen hervor, die an Brezeln beim Märchenbäcker erinnern und unten wieder eins werden mit dem Griff. Wo die Brezelenden Griff werden, sind sie mehrmals von einer Gerte umbunden. Meine Unverschämtheiten seien es gewesen, die das Fass zum Überlaufen gebracht hätten. Mein Ungehorsam hätte sie zum Ausklopfer greifen lassen. Sie wäre durch mich gezwungen worden, ihr sei nichts anderes übrig geblieben. Ich hätte ihr an den Kopf geworfen, sie sei nur eine Adoptionsmutter und habe mir nichts zu bestimmen, erinnert sie sich viele Jahrzehnte später auf dem Sterbebett. Sie habe den Hass in meinen Augen funkeln sehen. Anstrengende Zeiten seien das gewesen, als ich mit so ungeheurer Wucht gegen sie rebellierte, als ich so heftig pubertierte, so voller Befreiungswillen gewesen sei.

Ich habe den Ausklopfer der Adoptionsmutter nach den Schlägen gegen mich auf meinem Dachboden auf den Stuhl gestellt, ein Laken über Lehne und Sitzfläche gelegt, sodass der Stuhl nur noch in Umrissen zu erkennen war. Dann habe ich auf meine Staffelei ein Blatt Papier gelegt und mit dem Zimmermannsstift begonnen, den Ausklopfer zu porträtieren. Ein gewöhnlicher Ausklopfer war mein erstes Malobjekt. Er stand mir in seiner kniffligen Schönheit Modell. Die Arbeit an der Zeichnung zog sich über mehrere Tage hin. Ich konnte den Verlauf aller Gerten im Schlaf rekonstruieren und habe die Zeichnung später der Kommission an der Kunsthochschule vorgelegt. Ich glaube, ich bin ihretwegen angenommen worden. Ich hielt mich, als ich den Ausklopfer fertig gezeichnet hatte, für Albrecht Dürer. Mein Bild, dem der zwei zum Beten gefalteten Hände ebenbürtig, hing bei der Großmutter über dem Bett. Die Großmutter las mir aus einem Buch vor: Meister Dürer hat erst seine eigene linke Hand gezeichnet und diese dann mit Spiegeln optisch zur rechten Hand verdoppelt, beide Hände kunstvoll und täuschend echt in Perspektive gerückt, dass man am Ende nicht denkt, es mit der verdoppelten linken Hand des Malers zu tun zu haben. Der Tuchhändler hieß mit Namen Jakob Heller oder er war ein heller Jakob, der Dürer mit der Anfertigung des Flügelaltars beauftragt hat. Die nackten Füße, sagte sie, am knienden Apostel im Vordergrund zu betrachten, hätte in jenen Jahren einen Fußfetischismus ausgelöst. Die Menschen liebten plötzlich ihre Füße und auch die Füße anderer Menschen.

Ich hätte, sagt die Großmutter mit Bewunderung, indem ich ihn gezeichnet habe, den Ausklopfer seiner Schlagkraft beraubt. Die Adoptionsmutter liegt vor mir auf dem Sterbebett, starrt hilflos zur Decke, weiß von ihrem Versäumnis und will nicht einsehen. Es täte ihr im Nachhinein so einiges leid, haucht sie, das könne ich mir wohl denken, ich solle ihr bitte sagen, wo ich mich aufgehalten hätte, die drei Tage lang, als ich zum letzten Mal von zu Hause abgehauen wäre.