Dem täglichen Trott der Adoptionszeit entkommen, befreit von ständigen Belehrungen, liege ich froh in meinem Bett. Nicht einmal kommt Langweile auf. Einsamkeit kennt dieser Zehnmannsaal nicht. Das Adoptionshaus ist vergessen, nur noch die Großmutter in Erinnerung, die mich nicht besuchen kommt. Das erledigt die Adoptionsmutter, die ihre Kleidungsstücke ausführen will. Es ist schön, stillgelegt zu sein und an keine Pflicht gebunden, auf sich reduziert und die Leute um einen herum, deren Tagesablauf durch Schwesternbesuche, Neuankünfte und die Verpflegung bestimmt wird. Es macht Spaß, dabei zu sein, den Leuten zuzusehen, ihnen, ohne sie zu verstehen, zuzuhören. Ich weiß mich sicher in den vier Wänden des großen Gemeinschaftszimmers, meinem Zehnmannsaal. Für drei Wochen den Zieheltern entkommen, gehöre ich mir. Ich kritzle in ein kleines Notizbuch, zeichne Figuren, schreibe Zahlen auf und Großbuchstaben, die ich in Tiere verwandle. Und keiner überwacht mein Tun, niemand versucht, mich abzuhalten und mich mit Verboten in den Griff zu bekommen. Die mit mir im gleichen großen Zimmer liegen, haben andere Sorgen, als mir das gute Benehmen beizubringen. Ich muss keine Sohnrolle mehr spielen, brauche Gelerntes nicht vertiefen. Die Adoptivkindpuppe ist von ihren Seilen abgeschnitten, von ihren Fäden befreit. Im Krankenhaus gibt es Mischbrot und Marmelade, so dick wie ich sie mir schmieren will. Ich bekomme das hartgekochte Ei ohne Eierbecher auf den blanken Teller gelegt, kann das Ei in die Hand nehmen, es an meinem Kopf aufklopfen, ohne dass es stört. Ich kann zwischen zwei Mittagessen auswählen, darf über mein Getränk selbst entscheiden, Malzkaffee bestellen und Tee kommen lassen. Man bringt mir auf Wunsch auch sieben Stück Zucker extra, die ich mir nacheinander auf der Zunge zergehen lasse. Ich darf drei oder vier Scheiben Wurst aufs Brot legen, Milch, Malzkaffee und Tee mixen, zum Abendbrot Pflaumenmus wegputzen. Ich werde täglich von der Adoptionsmutter besucht, die leise auf mich einspricht, laut und deutlich wird, wenn zu beschreiben ist, wie entsetzlich sie die Luft im Zehnmannsaal findet, und zu den Kranken Herrschaften sagt, ob es den Herrschaften etwas ausmache, die Fenster zu öffnen, wie man in solch einer Luft existieren könne, was das nur für Schwestern seien, die das nicht von alleine merkten, dass da erst sie kommen müsse und dafür sorgen, dass die Fenster geöffnet würden, und dass sie auf dem Gang über den langen Flur hierher ein Zimmerchen gesehen hätte, ein Zweimannzimmer, das anständig ausgeschaut habe, besser durchlüftet wäre, weniger warm und stickig sei als hier. Sie bestürmt die Schwester, den Krankenpfleger, mich in ein kleineres Zimmer zu verlegen. Die könnten da leider nichts unternehmen, antworten diese, die kleineren Zimmer seien für Kranke reserviert. Die Adoptionsmutter verspricht dem Personal, sich oben zu beschweren, man werde von ihr hören, man werde sehen, sie werde mit dem Chefarzt reden, dass die vorgefundenen akuten Zustände nicht akzeptabel seien und die Leute im Zimmer für einen Jugendlichen eine Zumutung. Der Adoptionsvater werde sich verwenden, flüstert sie zu mir, er sei ja schließlich wer. Wie blass du bist, geben sie dir richtig zu essen, fragt sie und ich antworte, dass es mir gut gehe. Mein Bein ist bis an die Pobacke in Gips gehüllt. Altermann setzt sich zu mir, liest mir aus einem dicken Wochenblatt vor, kaum dass ich aus der Narkose erwache. Ein Mann sei völlig vereinsamt gestorben, man habe ihn vergessen, er hätte bis zu seinem Tod vor sich hin gedämmert, wäre innerlich gebrochen, Ende September in New York (auf den Tag dreiundsechzig Jahre vor meiner Geburt) gestorben. Drittes von acht Kindern schottischer Einwanderer. Sollte nach dem Willen der Mutter Geschäftsmann werden, zeigte aber weder Begabung noch Interesse, verschuldete sich erheblich, ging in Konkurs, hielt sich kurze Zeit als Pelzverkäufer über Wasser, versuchte sich als Lehrer, heuerte auf einem Walfänger an, fand die Bedingungen an Bord unzumutbar, haute beim ersten Zwischenhalt auf einer Insel ab, floh durch die Berge, wurde im Tal gefangen genommen, am Bein verletzt, studierte das Leben der Fremden, heuerte auf einem anderen Walfänger an, gelangte nach Tahiti, wurde dort wegen Teilnahme an einer Rebellion an Bord verhaftet, floh aus dem Gefängnis, ließ sich auf Hawaii nieder, kehrte von Honolulu aus als einfacher Matrose nach Hause zurück, heiratete und wollte dann ein Schriftsteller werden, hat dicke Bücher verfasst, konnte nicht von der Schriftstellerei leben, nahm eine Stellung als Zollinspektor im Hafen an, schrieb drei Bände über seine Erlebnisse auf dem Walfangschiff, erfand Kapitän Ahab, der von der Jagd nach dem legendären weißen Wal besessen ist, von dem Pottwal angegriffen und vernichtet wird, ein fulminantes Ende.