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Alter Mann liest den Text eines Briefes an den Verleger vor: Im kommenden Spätherbst sollte ich mit einem neuen Werk fertig sein… ein Abenteuerroman, der auf gewissen wilden Legenden aus den Pottwalfanggebieten im Süden gründet, ausgeschmückt mit den eigenen persönlichen Erfahrungen des Autors als Harpunier, die er im Laufe von mehr als zwei Jahren gesammelt hat… Ich wüsste nicht, dass das behandelte Thema jemals von einem Romancier, ja überhaupt von irgendeinem Schriftsteller in angemessener Weise bearbeitet worden wäre. Zu Lebzeiten Melvilles sind gerade mal dreitausend Exemplare von Moby Dick verkauft worden. Dein Lebensvogel ist der Kolkrabe, sagt Altermann, intelligent, sozial und anpassungsfähig, in Volkes Überlieferung hoch beschworen, sein samtschwarzes Gefieder, metallisch blau, der Schnabel kräftig, wie ein Haken gebogen. Ein weises Tier, so gütig die Augelein. Der schwarze Rab, der war der Koch, das sah man an seinen Kleidern wohl. Ein alles fressender Vogel, der mit Respekt behandelt sein will, auch wenn er sich gelegentlich von kleinen Vögeln nährt, von Aas. Es stürzt der Rabe hungrig sich auf den toten Hasen, hackt ihm die Augen aus. Besser für mich, den Raben fern zu sein und sie in den ach so schlanken, hohen Bäumen gut aufgehoben zu wissen. Van Gogh, sein Selbstbildnis mit verbundenem Ohr, Zeugnis der Katastrophe, die im Wintermonat Dezember beginnt, ihn nach einer hitzigen Auseinandersetzung mit Gauguin zwingt, Hand an sich zu legen, sich ein Stück vom linken Ohr abzuschneiden, woraufhin man ihn in die Nervenheilanstalt schafft, was van Gogh nicht davon abhält, von Wind und Wut vibrierende Werke zu schaffen, Getreidefeld mit den Raben, Raben wie die Schatten des Todes, die von der Leinwand her den Maler anrufen und mahnen, sodass dieser nach der Fertigstellung des Bildes sich auf den Rat der Raben hin die tödliche Verletzung mit dem Revolver beibringt, an welcher er zwei Tage später stirbt. Edgar Allen Poe lese ich im Alter von vierzehn Jahren unter der Bettdecke im Kegel der Taschenlampe. Die Ballade The Raven, in der es um das Verlassensein geht, in stürmischer Winternacht, in einem rätselhaften Zwiegespräch mit einem Raben, der plötzlich aufgetaucht ist und trauert. Erinnerte Stationen des Glücks, abgelöst von Klagen, gegen seelische Grausamkeit, Schicksal, alles personifiziert in der Gestalt des Raben. Das Ewiggleiche steigert die Wirkung. Ich bewundere, erleide den Einsatz poetischer Mittel, lese und lebe den atemlosen Text, die ekstatische Sprache. Der Rabe hockt fortan vor meinem Fenster, klopft von draußen her mit seinem dunklen Schnabel gegen das Fensterglas. Klopf, klopf, poch, poch, lässt mich im Fieber zucken. Jedwedes Geräusch verunsichert mich. Ich bin auf dem Sprung zum Zimmer hinaus, heute wie vorzeiten, immer noch zwischen Kindsein und Mannesalter, vom Fieber gebeutelt, wie damals, nachdem ich die Geschichte gelesen habe. Drei Tage bin ich ermattet, von der Magie der Worte, dem Sog der Geschichte ergriffen. Die Großmutter kommt und salbt mich. Ich krampfe und schwitze. Schweiß bildet Tropfen auf meiner Stirn. Es ist der Rabe, sage ich. Kein Rabe, sagt die Großmutter, ein beginnender Sonnenstich, weiter nichts. Es ist der Rabe, es ist Edgar Allen Poe, rufe ich. Mich schwindelt vor seiner Schnabelbotschaft. Einbildung ists, lindert die Großmutter meine Erregung. Ich werde gesund. Ich bekomme ein Käppi auf den Kopf gesetzt. Der Anfall ist ausgestanden.

Ein Junge mit Bauchschmerzen wird in den Zehnmannsaal geschoben. Es ist der Blinddarm, sagt er. Ein paar Stunden später ist der Blinddarm draußen. Der Junge trägt auf dem Kopf ein Strumpfband, wie der Bandit beim Überfall eine Strumpfhose überm Gesicht, am Ende wie ein Wurstzipfel verknotet. Die komische Kopfkapuze verleiht ihm dann das Aussehen einer Stoffpuppe. Ich nenne den Jungen Zipfelchen. Zipfelchen sagt zum Pfleger, er soll ihn in Ruhe aufs Klo gehen lassen, er könne das allein, brauchte keine Hilfe. Ja, sagt der Arzthelfer, hebt den Jungen auf den Schieber (Pfanne genannt), dass der Junge aufschreit und dafür vom Teppichstürzer ausgelacht wird. Kurze Zeit später ist der Junge auf dem Schieber eingeschlafen. Des Morgens steht ein verwirrter Mann im Raum, geht von Bett zu Bett, reibt seine Handinnenflächen aneinander, die raue Töne von sich geben. Wühlt in seinen Plastikbeuteln, geht um, glättet die Kleider, richtet die Frisur her, sucht was in der Tüte, holt nichts hervor, winkt ab, lacht breit, erhebt sich, steht an meinem Bett, sagt zu mir: Blick nicht zurück, Junge, wenn du nicht willst, dass Böses geschieht.

Ich will nur noch im Krankenhaus leben, fühle mich frei, versenke mich in fremde Leben, glaube alles aufs Wort, selbst die große Angeberei von Teppichstürzer. Bin mir so gut unterm Neonlicht. Ich liege, das eine Bein angezogen. Vor dem Fenster liegen die Zweige der Bäume unter einer weißen Decke aus frisch gefallenem Schnee. Die Krankenschwestern tragen schneeweiße Kittel. Die Betten sind weißer Schnee. Die Schwestern kommen an mein Bett, verabreichen mir Tabletten und Getränke mit den Worten: Wir wollen wieder schnell gesund werden. Ich schlucke die Pillen, nicke und will gar nicht zu flink gesunden, will lieber im Bett bleiben, mit offenen Augen träumen, wie ich am Ufer eines Meeres stehe, im frühen Nebel Leichtmatrose bin auf einem Riesenpott, zwischen den Kontinenten hin und her schiffe. Von der Straße kommen verschiedene Geräusche. Vorm Fenster stehen kahle Bäume. Krähen ziehen ungerührt vorbei. Und später dann legt ein Gärtner mir das getüpfelte, hellblaue Ei auf die Fland, das ein Rabenei ist. Sagt, dass Raben ihre Jungen gemeinsam pflegen. Später begegnet mir der sprechende Rabe in Pasolinis Film Große Vögel, kleine Vögel, der zwei Brüder in philosophische Debatten über das Leben verwickelt, und ich lese von Odin in der Walhalla, dem grausigen Ort, an den die Krieger nach ihrem Tod in der Schlacht geholt werden, wo Odins zwei schwarzen Raben, Hugin, der Gedanke, und Munin, das Gedächtnis, herrschen. Und die islamische Weltgewandtheit ehrt Kain und Abel als Kabil und Habil. Beide haben Zwillingsschwestern, die so schönes dunkles Haar tragen, wie Rabenfedern schillernd. Allah, heißt es, lehnt Kabils Ansinnen, Habils Schwester zu heiraten, ab. Habil stirbt daraufhin, oder er wurde von Kabil erschlagen. Jedenfalls streift dieser jahrelang mit der Leiche seines Bruders durch die Gegend, bis er einen Raben sieht, der einen toten Vogel begräbt. Und also legt Kabil Habil ab, den toten Bruder zu begraben.

Tauben und Elstern hüpfen über das Wellblechdach. Zwei letzte Blätter, die nicht fallen, hängen zwischen nackten Asten. Schnee schmückt sie. Dunkel fällt der Schnee vom Himmel herab, wo er dann weiß auf dem Boden liegt, eine Schicht aus lauter wundervollen einzelnen Flocken, die unter der Lupe wunderschön aussehen und auf dem Handrücken ach so flink wegschmelzen. Die Gespräche sind abwechslungsreich. Einer fängt an über das Leben draußen zu reden, und die anderen winken ab, um zu betonen, dass es im Grunde überall das gleiche Leben sei, immer und überall dasselbe Draußen, und erst im Einzelnen seien die wenigen Unterschiede festzustellen. Im Norden ist den Leuten nicht so schnell kalt und in Afrika tragen sie bei dreißig Grad bunte Mützen auf dem Kopf. Auf fernen Inseln gehen die Frauen barbusig aus, weiter östlich laufen sie nackt herum, leben von Früchten auf den Bäumen oder Tieren, die sie in Gemeinschaft jagen. Man geht überall auf der Welt zur Arbeit, verdient damit den Lebensunterhalt, kommt von der Arbeit nach Hause, isst etwas, sieht fern, schläft und isst am Morgen wieder etwas, um dann zur Arbeit zu gehen. Ich kann gar nicht genug davon hören, wie das Leben draußen ist, was die Männer über ihre Frauen und Chefs erzählen, die gut von Krankenschwestern reden, sie mögen, weil sie nicht geschminkt sind und besser aussehen als die Frauen draußen. Der Teppichstürzer gibt zum Besten, er würde mit ihnen allen ins Bett gehen, wäre er nicht gehandicapt. Die aber nicht mit dir, Angeber, mischt sich Ewigejagdgründe ein, der sich sonst kaum zu Wort meldet, stumm im Bett liegt. Obwohl ich von ihren Sehnsüchten nicht in Andeutungen weiß und sie sich befremdliche Sätze zuwerfen, fühle ich mich wie zu Besuch in einem Kino, wenn sie erzählen, was für Dinge sie so unternehmen, wohin sie in den Urlaub gehen, mit der Familie ins Blaue, an die See, in die Städte, Metropolen; exotische Orte mit Sehenswürdigkeiten, die man aus Bildbänden kennt. Sie reden über das Geld, das sie liebes Geld nennen, als wäre das Geld eine Freundin, mal gut, mal nicht, mal eine Freude und dann wieder belastend, schwer zu verdienen, leicht für eine dumme Sache verschwendet, verloren gegangen am Spieltisch, an die Frau, Kinder, Familie. Und das Zuhause ist bei ihnen kein einheitlicher Ort, sondern bei jedem grundverschieden eingerichtet. Der eine hat sich eine Kellerbar ausgebaut, der andere kann ohne solch einen Kram leben. Der eine liebt Besuch, der andere bekommt keinen, wie Ewigejagdgründe.