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Der Pfleger sagt: Jetzt kommt einer, der ist einige Male hier gewesen. Was er denn hat, fragt Altermann. Der Pfleger torkelt zwischen unseren Betten, spielt besoffen, lallt, das hat der, sonst hat der nichts. Ein Suffke, sagt Altermann. So einer hat uns noch gefehlt. Suffke wird mit Blut beschmiert eingeliefert. Suffkes Augen sind zugeschwollen, der Mund ist dunkelblau, rot und violett eingefärbt, das Gesicht ist verbeult, seine Finger blutig wie die Ärmel an seinem Hemd. Großflächige Wunden bedecken die Stirn. Er ist an beiden Armen wund. Einen Schuh trägt er noch, den anderen hat er verloren, die Socke hängt am Sockenhalter. Man steckt ihn in ein viel zu kurzes Nachthemd, sein Geschlechtsteil schaut darunter hervor. Suffke benimmt sich laut und böse. Er spricht mit krächzender Stimme, weist mit dem Zeigefinger auf Blaumeise, sagt zu ihm: Du bist neu hier, weist den Finger auf mich, raunt: Du auch. Schimpft die Kranken im Raum Drückeberger, lacht Altermann aus, sagt zu ihm: Du siehst ja aus wie der Tod auf Latschen. Wirft sich aufs Bett, krakeelt grimmig und ungehalten und ist eingeschlafen, schnarcht, presst Jacke und Hose unter den rechten Arm, riecht wie eingepisst, erwacht und monologisiert einen komischen Singsang: Bin ein Ferkel klein, doch mein Schwesterlein ist eine Sau, gejagt von Nachbarns Hunden. Zerrt an seiner Kleidung, tobt: Was ist das für ein Nachthemd, was trage ich für einen dämlichen Fummel, sehe aus wie eine Leiche, ich muss hier raus, verdammte Scheiße, die schlagen zu Hause meine Bude kaputt, will nach Hause, muss nach Hause. Die Helfer packen und binden ihn mit geübten Handgriffen ans Bett, verschieben ihn auf den Flur, von wo er eine Weile noch zu hören ist, ruft und zetert. Ein kurzer, lauter Disput, und dann ist nichts mehr von ihm zu hören.

AUS DEM KRANKENHAUS entlassen, forsche ich meine Adoptionseltern aus, stelle Fragen, denen sie ausweichen. Ich erhalte auf die Frage aller Fragen keine Antwort, liege im Bett, finde keinen Schlaf, sitze am Fenster, es schneit, regnet, die Sonne scheint, kein Wind weht, kein Laut ist zu vernehmen, Ruhe herrscht über den Wipfeln, keine Sonne scheint, kein Vogel fliegt, es ist nicht Tag, nicht Nacht; das große, unbekannte Nichts. Den Dachboden trenne ich in seiner Mitte mit Decken ab, erbaue mir einen Hinterschlupf, meinen privaten Verschlag, sitze dort am Fenster, den schöneren Ausblick genießen, die Musikboxen aufdrehen. Nach den tollen Tagen im Krankenhaus halte ich das Schweigen um mich herum nicht gut aus, bin am Boden zerstört. Die Kumpels können mit meiner polnischen Rockmusik nichts anfangen. Czeslaw Niemen sagt ihnen nichts, Enigmatic halten sie bestimmt nicht für einen Meilenstein des Rocks. Mein Lieblingsstück beginnt feierlich. Die Einleitung ein mächtiges Glockentönen und Chorgesang, ehe die für Niemen typische Orgel hell und quietschend die Gesangsstimme ankündigt, die ich überragend finde, die dem Musikgeschmack der Kumpels aber nicht entspricht. Ich impfe mich mit Gesang. Sah einst drei gebratene Tauben fliegen, sie flogen also ferne, die Bäuche hatten sie gen Himmel gekehrt, den Rücken zu der Erden, es schifft ein Schiffmann auf trucknem Land, er hat ein Segel gegen den Wind gespannt, mit seinen hellen Augen, er rudert an einem hohen Berg, daran muss er ersaufen, es wollten ihrer vier einen Hasen fangen, sie kamen auf Krücken und Stelzen gegangen, der eine kunnt nicht hören, der andere war blind, der dritte war lahm, der vierte kunnt nicht reden, nun weiß ich nicht, wie das geschah, dass der Blinde den Hasen sah im weiten Felde grasen, der Stumme sagt es dem Tauben an, der Lahme erwischt dann den Hasen.

Ich bin vierzehn Jahre. Ich höre die Erklärung zum Einmarsch sowjetischer Truppen in die Tschechoslowakei, kurz nach dem Einmarsch der sowjetischen Truppen in die Tschechoslowakei. Ich war niemals in Prag. Ich kenne Moskau nicht. Ich stelle mir Panzer grausam vor und kann nicht nachvollziehen, wie es ist, einem Panzersoldaten gleich die Klappe zu öffnen, aus dem Eisenbauch zu steigen, Hände zu schütteln und Blumen aus der Hand von Frauen entgegenzunehmen; und verstehe die Leute nicht, die Panzersoldaten trauen, nicht davon ausgehen, dass Panzersoldaten mit ihren Blumen nach dem Händeschütteln wieder in ihre Luken abtauchen können und Gas geben, Menschenketten mit Panzerketten zermalmen. Es wollt ein Krebs einen Hasen erlaufen, da kam die Wahrheit ganz mir zu Haufen, es bleibet nicht verschwiegen, ich sah eine Kuh auf einem Kirchturm, darauf war sie gestiegen, und in Landshut steht ein hoher Turm, er fällt von keinem Wind noch Sturm, er steht fest aus der Maßen, den hat der Kuhhirt aus der Stadt mit seinem Kuhhorn umgeblasen. Zu Regensburg haben sie einen Hahn, der hat so schrecklich viel Schaden getan, zertrat eine steinerne Brücke. Ich höre die Erklärung der sowjetischen Nachrichtenagentur TASS über den Rundfunk der DDR. Ich höre die Kommentare über Radio Luxemburg. Die eine Erklärung rechtfertigt den sowjetischen Einmarsch als notwendige Maßnahme zum Schutz der sozialistischen Ordnung, die andere sieht den europäischen Frieden in Gefahr. Ein Amboss und ein Mühlenstein, die schwummen zu Köln wohl über den Rhein, sie schwummen also leise. Ein Frosch verschlang ein glühend Pflugschar zu Pfingsten auf dem Eise. Lug und Trug sind der Lack zur Vertuschung. Wer Böses ausstreut, gibt nicht an, in welcher Absicht und wohin er das Böse streut.

Es KOMMT DER TAG, an dem ich mich vollends von den Adoptionseltern hinters Licht geführt sehe. Ein warmer Morgen, der Tag soll Spitzenwerte erreichen, für die Jahreszeit über dem Durchschnitt der Vorjahres liegen, sagt der Wetterbericht als Prognose. Deswegen nur ist mir die kurze Hose angeraten worden. Ich fühle mich in der Hose nicht wohl. Kein Junge im Dorf trägt so ein Ding. Früh geht es zum Dorf hinaus mit der Adoptionsmutter, da schlafen sie alle noch in ihren Betten und niemand sieht mich in dieser engen Hose; man kommt kaum mit der Hand in eine der zwei Hosentaschen. Kurze, enge Hosen sind das Letzte, sie sollen mich darin nicht sehen. Wie sie nicht wissen sollen, welche Musik ich heimlich auf dem Dachboden höre. Musik drückt sexuelle Veranlagung aus. Ich würde als schwul gelten, fühle mich unvorteilhaft genug, wenn die Adoptionsmutter mich ankleidet. In kurzer Hose, hellem Hemd und Pulli fahren wir nach Stralsund, in ein Krankenhaus, jemanden besuchen. Das Krankenhaus heißt Krankenhaus West.