Dein Pochen, guter Rabe, wovor warnt es mich? Du sollst die Mutter nicht aufsuchen, ist die ewige Antwort. Ich mache mich bereit meint, ich richte mich darauf ein, gegen die Adoption zu sein; ein Entschluss, der geheim gehalten werden muss, soll der große Plan am Ende gelingen, ich mich der Adoption entwinden, dem unguten Klima entkommen. Ich entwinde mich der Muttersehnsucht. Ich will in keinen Schoß zurückkehren. Ich bin bereits unterwegs. Ich löse mich von den Sachzwängen. Ich gerate weg von mir auf mich zu, um endlich zu mir zu finden. Die Adoptionsmutter ist längst zu weit in Notlügen verstrickt, als dass sie den Rettungsanker wirft, den nötigen Schnitt machen kann, sich von den Mutter- und Vaterlügen zu lösen. Darüber, woher ich komme, wer ich bin, wo eventuell die Eltern hin verschwunden sind, ist der Mantel des eisigen Schweigens geworfen. Still ruht der See, die Vöglein schlafen, ein Flüstern nur, du hörst es kaum, der Abend naht und senkt sich nieder, still ruht der See, durch das Gezweig, der Schweigeodem weht, das Blümlein an dem Seegestade, stummt das Schweigegebet, die Sterne friedsam niedersehen, oh Kinderherz, gib dich zufrieden, du sollst in Schweigen gehen.
Wir alle, die wir träumen und denken,
sind Hilfsbuchhalter in einem Stoffgeschäft,
wir schließen Bilanz, und der unsichtbare Saldo
spricht immer gegen uns.
Pessoa
JAHRE SPÄTER FÄLLT mir ein entscheidendes Schreiben in die Hände. Ein Brief, nicht an mich adressiert, kommt mir verdächtig vor. Ich nehme ihn an mich, halte den Umschlag über Wasserdampf, entnehme ihm das Schreiben, lese den Inhalt und fasse den Entschluss, ihn ganz für mich zu behalten und selbst zu beantworten. Im Namen der Adoptionseltern antworte ich dem Krankenhaus auf seine Anfrage, ohne die Adoptionseltern in Kenntnis zu setzen. Leichten Herzens und voller guter innerer Gemütsbewegung schreibe ich dem Krankenhaus; nehme die Geschicke des Adoptionshauses in die Hand, übe Rache an der Adoptionsmutter, die mit mir nicht in die Stadt Stralsund gefahren ist und mir die Schwester vorenthalten, bösartig verschwiegen, mich draußen vor den Toren des Krankenhauses warten lassen hat. An der kleinen Reiseschreibmaschine mit dem schönen Namen Kolibri sitze ich, dem Krankenhausleiter in Stralsund dahin gehend Bescheid zu schreiben, dass die Adoptionseltern bereit sind, meine Schwester umgehend aufzunehmen, sie ihnen mehr als willkommen ist im so erwartungsvollen Hause.
Aufhebung nach Volljährigkeit des Angenommenen Ist der an Kindes Statt Angenommene volljährig geworden, so kann das Staatliche Notariat in besonderen Ausnahmefällen auf gemeinsamen Antrag des Annehmenden und des Angenommenen die Annahme an Kindes Statt aufheben. Wurde das Kind durch ein Ehepaar angenommen, kann der Antrag nach dem Tode eines Ehegatten von dem Angenommenen und dem überlebenden Ehegatten gestellt werden.
VON DEN BERUFEN, die mir in der Kindheit vorschwebten, erinnere ich mich an Kosmonaut, Zirkusclown, Tiefseetaucher, Koch. Schriftsteller war nicht dabei. Schriftsteller wäre ich nach dem Willen der Adoptionsmutter geworden. In der Hoffnung, meine Texte würden veröffentlicht, zum Buch werden. In der Vorfreude, ich würde bald aus dem Buch vorlesen, lesend durch die Lande kommen, in ferne Gegenden und andere Städte. Dafür setzte sie eine Weile ihre Person ein, aber nie alles auf eine Karte. Der Adoptionsvater sprach von vergeblicher Kunst. Die Adoptionsmutter schwor ab, beugte sich für das große Ganze, die Einheit der Familie und wollte mich lieber zum Lehrer gemacht sehen. Wir haben im Heim keinen Berufswunsch geformt. Wir sagten uns, dass wir niemals Heimleiter und nie Erzieher werden wollen, das genügte uns. Ich denke, ich wollte eine Zeit lang Schiffskoch werden. Das war um die Jahre, als ich zum Test bei der Köchin zu Gast im Hause gewesen bin. Sie hat mir davon geschwärmt, wie es sei, mit dem Schiff um die Welt zu fahren. Besser als der Kapitän habe es der Koch an Bord. Und werden die Lebensmittel noch so rar, der Koch verliert nicht einen Gramm seiner Fülle, sagte sie. Als mich die Köchin ins Heim zurückbringt, geht auch mein Berufswunsch über Bord, wie man sagt. Ich bin im Leben nicht sonderlich zielstrebig, was ein Berufsleben anbelangt. Ich stehe über viele Monate an einem Säurebottich in einer Fließbandfabrik, hebe glitschige Bildröhren aus dem Band, tauche sie ins Becken, entferne die Beschichtungen, ätze sie weg, schneide mir durch den Gummihandschuh ins Daumenfleisch, verätze mir den Daumen, der dick wird wie eine Gurke, beende das Arbeitsverhältnis, werke in einem Kinderkrankenhaus, wo die Krankenschwestern die Kinder ans Bettgestell binden, wenn sie Ruhe haben wollen und Kaffee trinken. Ich befreie die Kinder immer wieder, bis sie mich deswegen entlassen, ich erstatte Anzeige, beschmutze das feine Nest, bis mir versprochen wird, dem Sachverhalt nachzugehen. Ich trage ein Jahr lang Telegramme aus. Ich arbeite über ein Jahr lang in einer Tischlerei, transportiere mit einem rumänischen Tischlereilaster Holzteile, Türen, Fenster, Balken, bin nach dem Job als Kellner in Zügen unterwegs und fasse im zehnten Arbeitsjahr den Entschluss, Schriftsteller zu werden, mit allen Folgen einer freien Existenz, um eines Tages über meine Mutter zu schreiben. Den Titel Rampenwart für meinen letzten Job im Leben haben sie eigens meinetwegen erfunden. Ich werde als halber Rausschmeißer entlöhnt.
Wenn es nach den Adoptionseltern gegangen wäre, wäre ein Lehrer aus mir geworden. Ich denke mich eine Weile in die Möglichkeit hinein. Wahrscheinlich wäre ich der Typ Lehrer, der seine lederne Lehrertasche in die Ecke kickt, den Hintern auf den Lehrertisch pflanzt, die Beine baumeln lässt, in Jeans und Rollkragenpullover, mit Turnschuhen an den Füßen auftritt. Ich trage das kragenlose Russenhemd aus fester schwarzer Seide mit seitlicher Knopfleiste, Manschetten, farbenfroh bestickt.
Als ersten Akt meiner Lehrerei beseitige ich den Streifen Sichtschutzfarbe an allen Fenstern. Meine Schüler sollen rausgucken, die Vögel bestaunen, wie ich sie in der Heimkindzeit vom Fenster aus bestaunt habe und Zeiten zugebracht mit nichts anderem als den fliegenden Tieren zuzuschauen, die sich um das Vogelfutterhäuschen scharten. Mit grüner Hingabe, blauer Ausdauer, roter Lässigkeit wäre ich ein Lehrer der Verletzlichkeit und Stärke, Che Guevara, Marlon Brando und ein Motorradrebell mit Dreitagebart geschmückt. Ich meistere in Greifswald eine Bewerbung zum Lehrerstudium, kann Lehrer werden. Der Vietnamkrieg ist im tödlichen Gange. Hippis werden als Gammler beschimpft. Am Ostseestrand laufen Jungen und Mädchen nackt herum. Die Haare tragen wir jeden Monat länger. Manchem wächst das Ohr zu. Die Mädchen mögen James Dean, wer die Beatles mag, kann die Stones nicht leiden. Massenhysterie von ungekanntem Ausmaß kommt auf. Wir sitzen in der Hollywoodschaukel unserer Eltern, saugen die Songs des legendären Woodstock-Festivals unter Kopfhörern in uns auf, die Ruhe der Schrebergärten nicht zu stören. Wir erklären Frank Zappa zu unserem obersten Staatsratsvorsitzenden. Mit der Plastiktüte in der Faust, Aufdruck Ostseetrans über der westlichen Zigarettenwerbung, laufen wir demonstrativ am Hausmeister vorbei, der Alkoholiker ist und nicht die Staatsmacht. Wir sind stolz auf dich, lobte die Adoptionsmutter mich, solange ich in Greifswald studieren will.