Ich bekomme das Tonbandgerät geschenkt, das neuste Modell, man kann es an der Wand anbringen. Bänder abspielbar in der Horizontalen. Ich bin stolz auf mein megafetziges В Sonst was 93, das keiner der Jungs aus meiner Clique besitzt. Ich kann Westradio mitschneiden. Side A und Side B. The Kinks, Jethro Tull, Emerson, Lake and Palmer, Crosby, Stills, Nash and Young. Die Doppel-LP, das Dreifachalbum, wertvoll wie der Schellparker, wie Räucheraal. Joe Cocker, Janis Joplin, Jimi Hendrix. Ich habe sie alle auf Band und höre sie ohne Unterbrechung. Ich werde ein Unterhaltungskünstler. Ich bin dann ein Schallplattenalleinunterhalter, wie man den Discjockey nannte, weil Discjockey zu amerikanisch klingt, Amerika das Böse darstellt. Die Bude ist rappelvoll. Die Boxen sind selbst gezimmerte Schallschränke vom Feinsten. Die Lautsprecher sind über das Flugwesen besorgt. Meine Disco ist beliebt. Siebzig Motorräder stehen in den Bestzeiten vor der Tür.
Ich bewahre unter einer Glasscheibe schön geformte Hölzer auf, bei meinen Spaziergängen am Ostseestrand aufgelesen. Wenn ich traurig bin, wenn ich mich am Strand entlang verlieren will, im Sande untergehen, vom Horizont erfasst, hinter den Horizont gekippt, von allem Adoptiven getrennt, von dem Leben im Heim, von den verschiedenen Leben an den nach den Heimen folgenden Orten; die Jahre meiner Jugend aufgebend, der Zeit der Schönschrift, des guten Benehmens entsagen. Einfach über den Jordan springen, frei zu sein von allem Ballast. Eine Reihe von Begriffen belastet mich. Ich muss die Räume, in denen schädliche Begriffe kursieren, umgehend verlassen. Die gesamte Phase der Manuskriptarbeit über stoße ich auf Begriffe, die mir Angst machen. Ich muss das Wort Mutter benutzen, obwohl es mir verhasst ist. Ich schreibe die Worte Vater, Liebe, Wärme, Einsamkeit, Heimat nieder. Ein Zigarettenstummel braucht vierhundert Jahre, um sich im Meer aufzulösen. Worte, die nicht die Worte sind, für die sie stehen, sondern Worte, die ich zu benutzen gezwungen bin. Worte, die das Filtersystem für meine Worte ausstößt, will ich von mir berichten, von den Dingen, die mich belasten. Ich bin eine an Worten krankende, schreibende Person, die sich für Momente zurücknehmen muss und still auf einem Bett liegt, möglichst nackt, dass sich der ungebührliche Gebrauch mir fremder Worte über die Haut entlädt, mich über die Haut erneuert.
Wirkung der Aufhebung
Mit der Aufhebung der Annahme an Kindes Statt erlöschen die zwischen dem Annehmenden und dessen Verwandten einerseits und dem Angenommenen und seinen Abkömmlingen andererseits bestehenden rechtlichen Beziehungen. Gleichzeitig leben die rechtlichen Beziehungen zwischen dem Kind und seinen Verwandten aufsteigender Linie mit Ausnahme des elterlichen Erziehungsrechts wieder auf; das Kind erlangt seinen früheren Familiennamen zurück. Ist das Kind noch minderjährig, so kann das Gericht im Aufhebungsverfahren auf Antrag des Organs der Jugendhilfe den Eltern oder einem Elternteil das Erziehungsrecht übertragen.
KURZ VOR DREIZEHN UHR kommt der Bus aus Bad Doberan, in ihm die Schwester. Der Adoptionsvater ist in der Schule. Die Adoptionsmutter geht ihrer Hausarbeit nach, saugt, wischt, sorgt für Ordnung in der Flurgarderobe. Wenn ich sie nicht einweihe, ihr nicht sage, was für eine kapitale Situation ihr ins Haus beschert wird, handle ich ihr gegenüber nicht groß anders als sie mir gegenüber. Die Großmutter weihe ich ein, sie weiß Bescheid, hält dicht, gibt mir freudig Rückendeckung. Junge, sagt sie, hol frischen Schnittlauch aus dem Garten für den Quark. Zur Begrüßung der Schwester soll es Pellkartoffeln und Quark mit gelbem Leinöl geben. So etwas Einfaches und einfach Gutes hat das Mädchen lange nicht gehabt, sagt sie, legt das Kautschkissen auf das Fensterbrett nach hinten hinaus, sitzt am offenen Fenster, schaut über das Hühnergatter, die Obstbaumwipfel zur kleinen Erhöhung in die Landschaft hinaus, den Zipfel Straße zwischen Bäumen, von wo der Bus kommen muss. Ich stehe am Bushäuschen, fiebere mit der Großmutter dem Ereignis entgegen. Die Schwester, vom Krankenhaus entlassen, reist mit drei Koffern an. Ich lasse sie in meinem Jugendzimmer wohnen, übernachte auf der Omakautsch, im Zimmer über die Straße.
Die Schwester wird die Sensation unter meinen Freundinnen. Die Mädchen sind hellauf begeistert von dem weltfremden Neuankömmling. Achtzehn lange Jahre in einem Krankenhaus, achtzehn lange Jahre Treppenwischen, Wäsche wringen, achtzehn lange Jahre, ohne Ferien, ohne einen einzigen Besuch, außer dem durch meine Mutter, achtzehn lange Jahre mit vielen kranken Kindern unter einem Dach und doch ganz allein auf dieser Erde, achtzehn Jahre, wie hält man das nur so lange aus, fragen sie sich und wollen alle umgehend Schaden ausbügeln, Fehlentwicklung begrenzen, an dem armen Mädchen wiedergutmachen, aufholen, die Schwester ins Leben führen, das Mädchen aus dem Nichts, das Mädchen, das so keine Ahnung von Mode und Chic besitzt, ist auf den Stand der Moderne zu erheben. Die Schwester lässt sich geduldig die Haare auftoupieren, das Gesicht schminken, die Mädchen beweisen sich an ihr gegenseitig in ihrer Gestaltungswut. Das Aussehen der Schwester wechselt am Tag mehrmals. Ist das noch das Mädchen, das ich Tage zuvor am Buswartehäuschen in Empfang genommen, fragt die Großmutter amüsiert. Eine gut aussehende, toll aufgemachte Schwester tritt durch die Jugendzimmertür in die Welt hinaus und macht die unbedarfte kleine Schwester vergessen. Damals ungeheuer angesagt, die gehäkelte Maschenlochweste in Hellblau mit Fransen am Ellenbogen, Schlagärmeln, glitzernde Klunker, unzählige Ketten aus Bernstein, Holz, Knochen, Horn, Muscheln, Metall, Keramik, Glas, auf Faden gefädelt, Amulette aus Strandtreibgut. Er hatte sie lieb, er hatte sie wert, er nahm sie vor sich auf sein Pferd, er ritt mit ihr über Berg und Tal, bis dass sie zu ihrer Frau Mutter kam, die sie wohl nimmt in den Arm, bei der Hand, die Schwester läuft just zum Keller hinein zu holen die Kann mit Wein. Solange ich im Haus bin, ist die Schwester von allen Zwängen befreit, von jedweder Haushaltsverpflichtung abgeschirmt, unsere kleine Königin, kann sich gelöst als eine freie Person bewegen, neben dem gepriesenen eigenen Geschmack ausbilden, durchatmen, ausruhen, sich am Dasein erfreuen, das Besondere am Gewöhnlichen ertasten, mit dem Herzen empfinden; angeleitet und geführt von gleichaltrigen Mädchen, die ihr nicht lange in ihren Entwicklungen voraus sind. Drei Chinesen mit dem Kontrabass saßen auf der Straße und erzählten sich was. Da kam die Polizei: Ja was ist denn das, drei Chinesen mit dem Kontrabass. Alles ist möglich. Alles wird mit ihr unternommen. Die Großmutter deckt das Treiben, sagt zur Adoptionsmutter: Sind junge Leute, müssen sich doch austoben können, sind nicht anders, wie wir früher waren, nicht die Spur anders.
Bis zu einem bestimmten Zeitpunkt meines Lebens habe ich mich täuschen lassen. Nun wird man mir das nötige Wissen zu meiner Identität nicht verweigern, wie es mir von allen Beteiligten um die Adoptionseltern vorenthalten worden ist. Denn sie steckten alle unter einer Decke. Sie alle haben mir gegenüber vertuscht und gelogen. Niemand hat es gewagt, mich persönlich anzusprechen und mich auf die Mutterfährte zu setzen. Sie haben alle geschwiegen und ihr Wissen hinuntergeschluckt. Als wäre der Waise gegenüber lebenslang ihr Dasein zu verheimlichen. Als würde die Waise niemals Wind bekommen und anheben, nach der Wahrheit zu suchen. Als würde die Waise in dem künstlichen Pool der Adoption freudig und dankbar schwimmen und niemals auf eigene Faust das Schwimmbecken verlassen, Nachforschung tätigen und dumm ergeben wohlgefällig zum Mitläufer der Adoption werden wollen. Die Grenzen sind auszuloten und zu überschreiten, sobald es an der Zeit ist. Ein Schlusspunkt ist zu setzen, dass etwas neu beginnen kann. Und ist es so weit, wird keine Rücksicht mehr genommen und jede schreckliche Folge einkalkuliert. Die Adoptionsmutter musste ich zuerst vor den Kopf stoßen. Sie hat lange und dreist genug gegen mein Bestreben, mehr zu mir zu erfahren, gearbeitet, gegen meine Mutter, meinen Vater Kübel geleert. Was immer mit dem Vater war, und wer immer meine leibliche Mutter gewesen ist, sie hätte ihre Zunge hüten müssen, sich lieber die Zunge zerbeißen sollen, als gegen Vatermuttermein zu hetzen. Nun war es genug der üblen Reden. Nun hatte sie sich hinreichend böse gegen die unbekannten Eltern und somit auch gegen mich aufgeführt, sich abfällig geäußert und wie Speck in einer Pfanne ausgelassen. Jetzt ist diese Frau daran zu hindern, an mir schuldig zu werden, wie oft sie sich auch entschuldigt haben möchte, in all den Jahren. Auch wenn sie jedes Mal herzhaft angab, sie habe sich nicht zu helfen gewusst, habe übertrieben geredet, es gibt kein Recht für eine Adoptionsmutter, die Mutter, den Vater des Schutzbefohlenen Hure zu schimpfen und Taugenichts, Säufer, Verbrecher. Es ist daran nichts gut. Es hat verletzt und es schmerzt die Seele. Mein Leben lang wird da nichts gelindert. Das unbelastete Beisammensein währt nicht lang. Immer kommt einem was in die Quere, wenn die Umstände gerade so günstig erscheinen. Ich werde in die Nationale Volksarmee verpflichtet, zum Dienst an die deutsch-deutsche Grenze gestellt, auf Friedenswacht am Zaun, hinter dem meine Eltern zu finden sind. Mit der Uniform am Leibe reift der Gedanke zur Flucht. Das Land verlassen, mit der Kalaschnikow in voller Montur. Am Postenpunkt einundvierzig, wo für die wilden Tiere ein Loch im Zaun gelassen wurde. Die Uniform wird meiner Muttersuche den Touch des politischen Aktes verleihen. Grenzsoldat flüchtet zur Mutter. Mein Bild in allen Zeitungen. Fluchtkind trifft Fluchtmutter. Ich will das Heil in der Flucht auf dem Pfad der Tiere suchen, wo es die zur Fluchtverhinderung ausgelegten Drähte, flach und stramm über den Boden gespannt, nicht gibt, die leuchtende Raketen auslösen, Alarm schlagen, Truppenteile wachrufen, Hetzhunde auf die Spur setzen, die mich jagen und reißen. Auf dem Bachstrom hängen Weiden, in den Tälern hängt der Schnee, muss nun unsre Heimat meiden, tief im Herzen tut mirs weh. Hunderttausend Kugeln pfeifen über meinem Haupte hin, wo ich fall, scharrt man mich nieder, ohne Klang und ohne Lieder, niemand fraget, wer ich bin. Lebe im gespaltenen Land. Trage einen gespaltenen Daumen an meiner Hand. Blitze spalten Bäume. Die Erdoberfläche sieht sich in Zeitzonen, Längengrade unterteilt. Chromosomen teilen sich. Zypern sieht aus der Perspektive der Zugvögel wunderschön aus und kein türkischer Norden, kein griechischer Süden ist auszumachen. In meiner Mappe oben befindet sich die Abbildung der Installation Mutter und Kind, eine in Formaldehyd gelegte halbe Kuh und das halbe Kalb dazu, von Damien Hirst. Auf dem Bild teilt sich das Sonnenlicht im Kunstwerk so schön in Strahlen auf. Das Halbierte von Sonnenstrahlen zusätzlich zerteilt und eingeschnitten. Buda wird mit Pest erst Budapest. Teilung herrscht. Das Hirn sieht sich von Furchen gekennzeichnet. Nach vorne, nach hinten, nach oben und nach unten, wie in dem Lied von Laurenzia mein, teilt sich das Hirn, in einzelne Lappen und Unterlappen. Ob sie mich gewollt haben oder im Büro ein Fehler unterlaufen ist, warum mich keiner als potentiellen Flüchtling verhindert hat, ist nicht zu klären. Ich versehe den Dienst an der deutsch-deutschen Grenze, das heißt, ich könnte abhauen. Sie gehen davon aus, ich wäre dem Staate treu ergeben. Sie halten mich nicht mehr für ein verlassenes Kind. Sie meinen, ich würde dem Vaterland danken, zu Dank verpflichtet auf eine Flucht verzichten. Und sehen nicht, dass ich, wenn ich die Sturmbahn nehme, unterm Stacheldrahtverhau robbe, mich scheuche, mir körperliche Fitness abverlange, mich damit wappne, ihren Fängen zu entkommen. Als flüchtender Grenzer, wie sie ihn sich in allen geteilten Ländern hinterm Wall wünschen und für ihre Propaganda am besten verwenden können, komme ich an, lasse mich ablichten, verhören und steige aus der Uniform heraus, bin unter der Dusche, wasche mich rein von jeder Schuld, mache mich zur Mutter auf, beginne mein Leben als verspäteter Sohn. Ich werde fliehen. Ich werde mit der Mutter sprechen. Ich werde ihr verzeihen, wenn ihr zu verzeihen möglich ist, weil ich ihr Sohn bin. Wir werden die Trennung überwinden. Man wird uns helfen. Die Schwester wird folgen. Wir werden eins und sind dann eine Familie. Finden wir uns nicht, werden wir landesweit suchen. Ich weiß den Weg über den Grenzzaun. Ich weiß, was zu tun ist, wo mein Durchschlupf auf mich wartet, Fuchs und Hase Gutenacht singen, Hirsch und Eber ohne Passkontrolle von Ost nach West und West nach Ost passieren, ohne dass ihnen etwas passiert. Auf allen vieren durch das Loch, durch das die Tiere schlüpfen, fahnenflüchtig und muttersüchtig, werde ich fliehen.