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Dann kommt das nächste Unglück, das meine Fluchtpläne zunichtemacht. Die Nacht ist fast vorüber. Es dämmert schwach. Die Blaue Stunde bricht an, der lichtblaue Moment, an dem Nacht und Tag gleich schwach sind und dieses diffuse frühe Licht erzeugen, aus dem hervor ein einzelnes Licht vom Grenzzaun her leuchtet. An jenem ersten April sitzen wir hoch oben im Wachturm, sehen ein Licht am Zaun, das auf verschiedene Weisen dort hingeraten sein kann. Englische, französische, amerikanische Besatzungstrappenteile kehren von einer Party zurück oder sind auf kürzestem Weg hierherkutschiert, ihren Jeep demonstrativ entlang dem Maschendrahtzaun zu fahren. Eine Jagdgesellschaft stößt an den Grenzzaun, hält ihn für die Begrenzung einer Schonung, sucht nach dem Ausgang. Das Licht kann von den Unsrigen ausgestrahltes, einsames Blinken sein. Kontrollgangslicht. Besser, wir verdrücken uns ins Hinterland, hören Funksprüche ab, um zu erfahren, was es da so über das Licht heißt. Eine Zwickmühle. Meldest du das Licht an, kann es zum Sonderfall kommen. Die Schicht verlängert sich. Die Jungs sind sauer auf den, der vorm Schichtwechsel ein Licht am Zaun vermeldet. Bei der Rückkehr in die Kaserne kann dann der Spind umgefallen sein, die Türen haben sich im Fallen geöffnet, die Sachen liegen im Raum verstreut, das Bildnis der Freundin hat sich selbst entzündet, faule Fleischstücke stecken in deinen Turnschuhen. Wir melden nichts, aber die motorisierte Grenzstreife rückt an, von hoher Stelle in Kenntnis gesetzt, sucht den Zaun mit dem Motorradscheinwerferlicht ab und meldet kurze Zeit darauf das Fehlen einer Selbstschussanlage Höhe Wegesknick. Wenn das wahr ist, können wir uns alle festhalten, so der Titel des Hörspiels vom Allerfeinsten, das nun beginnt. Unglaubliches Live-Radio. Postenpunkt fünfundsiebzig? fragt ungläubig der Grenztruppenoffizier. Postenpunkt fünfundsiebzig, bestätigt der Grenzstreifenfeldwebel. Postenpunkt fünfundsiebzig, sind Sie sicher? fragt der Grenztruppenoffizier. Zu Befehl, Postenpunkt fünfundsiebzig, mehr als sicher, bestätigt der Grenzstreifenfeldwebel. Wirklich eine Tüte weg am Postenpunkt fünfundsiebzig? fragt der Grenztruppenoffizier. Tüte weg am Postenpunkt fünfundsiebzig, bestätigt der Grenzstreifenfeldwebel. Sind Sie sicher, fragt der Grenzstreifenfeldwebel, es ist erster April. Zu Befehl, Postenpunkt fünfundsiebzig, Tüte verschwunden, kein Aprilscherz, mehr als sicher.

Im weiteren Verlauf stellt sich heraus, dass vom Westen her eine Selbstschussanlage abgebaut worden ist, ohne Alarm ausgelöst zu haben, was laut Gebrauchsanweisung einer Selbstschussanlage nicht sein kann, faktisch ein Unding darstellt. Wir finden uns am Sammelpunkt ein. Es gehen viele Gerüchte durch die Reihen. Es heißt, ein General wäre mit einem Hubschrauber gelandet, ein weiterer Hubschrauber wäre ihm gefolgt, mit einem weiteren General an Bord, erkennbar beide an roten Hosenstreifen. Die Kaserne wird tiefenuntersucht. Wir stehen auf dem Exerzierplatz in halb offener Blockformation und wissen, dass da eine große Sache am Laufen ist, der Grenzzaun wackelt. Im Stabsgebäude putzen Uniformierte und uniformlose Herren die Klinken blank. Wir werden zum Verhör gerufen. Ich sitze dem Verhörer gegenüber, der behauptet, er wisse Bescheid, was am Kanten vorgefallen sei. Ich erwähne besser die Salami, die ich in der schmalen Brotbüchse gebrutzelt habe. Bei einem Verhör ist es angeraten, eine kleine Schurkerei zuzugeben. Der Oberverhörende aber zuckt nicht mit der Wimper, sondern sagt: Ich gebe Ihnen eine Viertelstunde. Ich rate Ihnen, sich reiflich zu bedenken, sagt der Verhörer, lässt mich eine Viertelstunde im großen Raum, kehrt zu dritt an den Tisch zurück, bekommt von mir gesagt, dass ich dem von mir zuvor Gesagten nichts hinzufüge, nichts zurücknehmen kann. Zur Nacht hin pocht mein Schädel, der Mond schaut mich wie ein Verhörspezialist an, was der andere Grenzer zu denen gesagt haben könnte, was sie von dem wissen, was mir im Gehirn betreffs der Mutterflucht spukt. Es ergibt sich in den Folgewochen keine Gelegenheit mehr für mich zu fliehen. Wir werden entlassen, müssen Unterschrift leisten, über sämtliche Vorfälle an der Grenze fünf Jahre Stillschweigen zu üben. Ich überwinde den Zaun, wenn ich träume. Im Traum nur komme ich gut weg. Im Traum und auf allen vieren bin ich das wilde Schwein, das scheue ängstliche Reh, der Marder und der Fuchs, mache mich auf und davon. Die armeebedingte Abwesenheit hat die Adoptionsmutter dahin gehend benutzt, die Schwester in den Stand einer Art Haushaltshilfe zu befördern. Sie darf sich nicht länger als Pop-Art-Diva kleiden lassen, den Freundinnen ist der Besuch untersagt. Statt zur Disko zu gehen, hat sie zu putzen, zu fegen, zu saugen, zu kochen, die Räume zu beheizen, das Geschirr abzuwaschen, das gute Silberbesteck zu reiben und was dem Ganzen einen I-gitt-Punkt aufsetzt, Wäsche zu waschen. Dem Mädchen, das schon als Kind Wäschestücke fremder Leute im Krankenhaus zu wringen hatte, Jahre hindurch gerubbelt, gewrungen, gewässert und auf Leinen gehängt hat, gestaltete sich mit jedem Tag meiner Abwesenheit das Leben zu einem immer trostloseren Band. Jeden Tag die gleiche monotone Kleinsklaverei, fern allen lebendigen Irrsinns eines Andy Warhol, dessen grelle Siebdrücke ihre Wände verschönern.

Von früh bis spät zu Diensten und unter dem Befehl der Adoptionsmutter, die sich aufführt, sich bedienen und bewirtet lässt, die Schwester ausbeutet, die sich andere Behandlung erwarten darf als sich in Hausarbeit erschöpfen, zur Nacht hin in tiefen Schlaf zu fallen. Statt teilzuhaben an Leben und Amüsement, besorgt sie Einkauf und Abwasch, muss Staub wischen, Kohlen ins Haus schleppen. Zwei Eimer, die enge Hausflurtreppe empor. Die Dauerbeschäftigung im Haus der Adoptionsmutter wächst sich zur nach innen gekehrten Aufmüpfigkeit aus, dem festen Willen, der Plackerei ein Ende zu setzen, die Flucht nach vorn ins Krankenhaus zurück anzutreten. Weg nur weg, hämmert es in ihrem Hirn. Die Koffer liegen gepackt unterm Bett parat. In der Blauen Stunde, zwischen Nacht und Tag, Gähnen und Nebel gerückt, verschwindet sie, um dorthin zurückkehren, woher sie gekommen ist, ins Krankenhaus Stralsund, dem Heizer zu sagen, dass er ihr nicht weiter so schöne Augen machen und Komplimente darbringen muss, sondern sie ehelichen soll; sie wird ihm eine gute Ehefrau sein. Ihre Flucht gelingt. Ich reiße den Militärdienst ab, halte aus im Land.

Teil Zwei. Da bist Du ja

MUTTER, die; — , Mütter / Verkl.: Mütterchen, Mütterlein; / vgl. Mütterchen/Frau, die ein oder mehrere Kinder geboren hat, die Frau im Verhältnis zu ihrem Kind gesehen und bes. im Verhältnis des Kindes zu ihr: M. sein, werden; sie fühlt sich M. (fühlt, dass sie schwanger ist); sie ist M. geworden; die leibliche M. (Ggs. Stiefmutter); eine unverheiratete M.; eine gütige, liebevolle, nachsichtige, fürsorgliche, strenge M.; meine, unsere liebe, gute M.; Vater und M.; M. und Tochter; du wirst wie deine M. (ähnelst ihr); wie eine M. zu jmdm. sein; um jmdn. wie eine M. besorgt sein; umg. bes. berl. ich fühle mich wie bei Muttern (wie zu Hause); umg. sie ist die ganze M., ganz die M.; sie ist ihrer M. wie aus dem Gesicht geschnitten (ist ihr sehr ähnlich); die Aufgaben, alle Pflichten, Sorgen, Freuden einer M.; wir feiern heute Mutters Geburtstag; geh. wie geht es Ihrer Frau M.?; grüßen Sie die Frau M.!; sie fuhren im Abteil für M. und Kind, an Mutters Rockschößen hängen (nicht von ihrer Seite weichen, unselbstständig sein); einem Kind die M. ersetzen; an Mutters Stelle treten; Rel. kath. die M. Gotters (Jungfrau Maria); / bildl. / scherzh. M. Grün, Natur die grünende Natur: bei M. Grün, Natur übernachten, schlafen; / übertr. / seine älteste Schwester war ihm M.; sie war dem Fremden eine wahre M.; / sprichw. / Vorsicht ist die M. der Weisheit, salopp der Porzellankiste, dazu/in Verbindung mit Tätigkeiten, z.B./Kuppel-, Pflege-, Ziehmutter; / in Verbindung mit örtlichen Hinweisen, z.B./Haus-, Herbergs-, Landesmutter;/in Verbindung mit Tieren, z.B./Löwen-, Rabenmutter;/ferner in All-, Alter-, Ball-, Braut-, Gottes-, Groß-, Kindes-, Königin-, Perl-, Puppen-, Schwieger-, Stamm-, Stief-, Urgroß-, Vize-, Wehmutter; bemuttern, Mutter, die; — , -n Teil der Schraube, der das Gewinde drehbar umschließt: die M. (an einer Schraube) lösen, (fester) anziehen, anschrauben; die M. lockert sich, ist locker, lose, dazu Flügel-, Rad-, Schraubenmutter.